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    Kommentar um "5 vor 12"

    Impfstoffdebatte: Der Wahlkampf hat begonnen

    Was von der Kritik an der „Impfstoffpolitik“ der Bundesregierung zu halten ist. Ein Kommentar.

    In Schleswig-Holsteins Impfzentren haben die Impfungen gegen das Coronavirus begonnen.
    In den Arm der 81-jährigen Ursula Claassen aus Kiel wird ein Impfstoff gegen das Coronavirus injiziert. In Schleswig-Hol... Foto: Frank Molter (dpa)

    Zu den Aufgaben von Journalisten gehört, Regierenden auf die Finger zu schauen und ihre Entscheidungen zu überprüfen. Ganz besonders dort, wo sie als „alternativlos“ dargestellt werden. Von dieser Pflicht, die allenfalls für den vergnügungssteuerpflichtig ist, der sie auf die leichte Schulter nimmt, dispensiert auch keine nationale Krise. Auch in der Pandemie dürfen Journalisten nicht zu Regierungssprechern mutieren. Zur Wahrheit gehört aber auch: Nicht nur Regierungen legen Wert darauf, eine möglichst gute Figur zu machen. Auch die Opposition besitzt Interessen. Dazu zählt regelmäßig auch, die jeweilige Regierung möglichst schlecht aussehen zu lassen.

    Prüft man nüchtern die Fakten, dann lassen die von SPD-Politikern erhobenen Vorwürfe an einer verfehlten Impfstoffpolitik der Bundesregierung eigentlich nur einen Schluss zu: Neun Monate vor der nächsten Bundestagswahl haben sich die Sozialdemokraten ins Lager der Opposition geschlagen. Wer etwa behauptet, die Regierung hätte sich im Sommer schon mehr Impfstoff sichern sollen, zeigt jedenfalls, dass ihm Fakten völlig egal sind.

    Erste Daten gab es Anfang November

    Am 9. November teilten Biontech/Pfizer mit, ihr Impfstoffkandidat, der inzwischen auf den Handelsnamen Comirnaty hört, besitze nach Auswertung erster Zwischenergebnisse eine errechnete Wirksamkeit von 90 Prozent. Die Berechnung des Herstellers basierte auf den entblindeten Daten von 94 Teilnehmern einer im Juli gestarteten klinischen Phase-3-Studie. Zudem handelt es sich bei Comirnaty um einen mRNA-Impfstoff. Seine Entwicklung basiert auf einem Verfahren, mit dem noch nie zuvor ein für Menschen zugelassener Impfstoff erfolgreich entwickelt wurde.

    Bedenkt man, dass sich Anfang November zudem 48 weitere Impfstoffkandidaten in der klinischen Erprobung und 146 weitere in der vorklinischen Testphase befanden, dann bekommt der Vorwurf, die Bundesregierung habe sich nicht frühzeitig ausreichend Impfstoff gesichert, geradezu groteske Züge. Bei wem? Anhand welcher Daten? Aufgrund welcher Evidenz? Auch jetzt – mit mehr Daten – ist völlig ungeklärt, wie lange Comirnaty und andere bedingt zugelassene Impfstoffe, Geimpfte vor einer schweren Erkrankung mit COVID-19 schützen und ob sie eine sogenannte „sterile Immunität“ ermöglichen. Von einer „sterilen Immunität“ sprechen Mediziner, wenn das Immunsystem derjenigen, die sich haben impfen lassen, die Erreger so vollständig eliminiert, dass diese nicht weitergegeben werden können. Bei Comirnaty gibt es diesbezüglich erhebliche Zweifel. Zweifel, die auch der Hersteller einräumt, wenn er sagt, Ziel der Entwicklung sei es gewesen, eine schwere Erkrankung zu verhindern.

    Was tatsächlich kritikwürdig ist

    Kritikwürdig ist nicht, dass die Regierung, sich keine zig Millionen von Impfstoffdosen bei verschiedenen Entwicklern gesichert hat, die im Sommer alle keine auch nur ansatzweise aussagekräftigen Daten vorlegen konnten. Kritikwürdig ist vielmehr, dass in Deutschland eine Impfkampagne gestartet wurde, die völlig überzogene Erwartung weckt.

    Niemand der rund 240.000 Menschen, die seit dem 27. Dezember mit Comirnaty geimpft wurden, ist nun bereits gegen eine Infektion mit dem Virus geschützt. Alle müssen drei Wochen später noch eine zweite Dosis erhalten. Laut den Herstellerangaben setzt der Impfschutz, von dem noch niemand weiß, wie lange er anhält, erst sieben Tage nach Erhalt der zweiten Impfdosis ein.

    Komplizierte Impfstoff-Lagerung ermöglicht keine dezentrale Verteilung

    Und dass erst 240.000 Menschen eine erste Dosis Comirnaty erhalten haben, liegt auch nicht daran, dass es derzeit zu wenig Impfstoff gäbe, – an die Bundesländer wurden bis Ende 2020 1,3 Millionen Impfdosen ausgeliefert –, sondern daran, dass der Impfstoff bei Minus 70 Grad Celsius gelagert werden muss, weshalb er in eigens dafür eingerichteten Impfzentren beziehungsweise von mobilen Teams, die die Alten- und Pflegeheime aufsuchen – verabreicht werden muss. Hausarztpraxen, die dafür sorgen könnten, dass mehr Menschen geimpft werden können, scheiden wegen der komplizierten Lagerung des Impfstoffs in aller Regel aus. Ganz sicher werden im Superwahljahr noch mehr Säue über die medialen Autobahnen der Republik getrieben. Für Wähler wie für Journalisten wird es dabei vor allem darauf ankommen, ein heißes Herz und einen kühlen Verstand zu bewahren. Umgekehrt wäre schlecht.

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