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    Banja Luka

    Eine Trappisten-Abtei als Hebel zur Europäisierung Bosniens

    Bischof Franjo Komarica baut auf, wo andere zerstörten. Nun gründet er ein „Europa-Zentrum für Frieden und Zusammenarbeit“.

    Mariastern, Banja Luka
    Hier begannen die Trappisten 1869 ihr Werk im osmanischen Bosnien. Foto: Christoph Hurnaus

    Die Empörung des Bischofs von Banja Luka ist verständlich. „Wir sind ein Teil von Europa. Aber die Europäer haben uns vergessen und den Asiaten überlassen!“ Nicht nur während des Krieges von 1992 bis 1995 ließ der Westen die Menschen Bosnien-Herzegowinas viel zu lange im Stich. Auch heute scheint Brüssel keine klare und entschlossene Strategie für das Land zu haben, während Erdogan und Putin ihre Einfluss-Zonen in Südosteuropa stabilisieren: die Türkei unter den muslimischen Balkanslawen und Albanern, Russland bei den Serben. Bischof Franjo Komarica hat mit beiden Wirklichkeiten zu tun: Ein Drittel seiner Diözese liegt in der „Föderation“, wo die Muslime immer dominanter werden und viele Katholiken emigrieren; zwei Drittel liegen in der „Republika Srpska“, und hier wurden mehr als 95 Prozent der Katholiken vertrieben.

    Sieben Jahrzehnte anti-katholischer Politik

    In Summe herrsche hier seit sieben Jahrzehnten eine anti-katholische Politik, erklärt Bischof Komarica beim gemütlichen Abendessen in seinem Bischofshaus im Stadtzentrum von Banja Luka. Zunächst unterdrückten die Kommunisten jede Religion, ganz besonders die katholische Kirche, dann setzten die serbischen Nationalisten um Radovan Karadžić die anti-katholische (weil anti-kroatische) Politik fort. Komarica bekommt bis heute feuchte Augen, wenn er erzählt, wie Papst Johannes Paul II. – bereits gesundheitlich schwer gezeichnet – im Juni 2003 gegen das vehemente Abraten seiner Ärzte und der vatikanischen Kurie nach Banja Luka reiste. Mit der Begründung, er könne einfach nicht tatenlos zusehen, wie eine Diözese „vor der Nase Roms erlischt“.

    Wenn die nord-bosnische Diözese nicht erloschen ist, dann dank der Vitalität ihres seit 1985 amtierenden Bischofs: Franjo Komarica konfrontierte sich mit amerikanischen, britischen, deutschen und französischen Politikern, hielt den serbischen Kriegsverbrechern ihre Grausamkeiten vor, appellierte an die Weltöffentlichkeit. Die eigenen Leute mahnte er zu Friedfertigkeit und Vergebung, doch mit den politischen Entscheidungsträgern ging er hart ins Gericht. Stoppen konnten er und die anderen Bischöfe Bosnien-Herzegowinas die „ethnischen Säuberungen“ und den Exodus ihrer Gläubigen nicht: 825.000 Katholiken lebten vor Kriegsbeginn 1991 in dem multiethnischen, multireligiösen Balkanstaat, knapp 345.000 sind es heute.

    Am dramatischsten traf es die Diözese Banja Luka, wo die serbischen Terroristen mehr als tausend Katholiken ermordeten, darunter fünf Pfarrer, einen Ordensmann und eine Ordensschwester. Sieben Priester und tausende Gläubige wurden in Konzentrationslagern gequält, 56 Kirchen und Klöster vorsätzlich zerstört, in Summe 98 Prozent aller kirchlichen Gebäude schwer beschädigt. Was Bischof Komarica am meisten empört: Auch 25 Jahre nach dem Friedensvertrag von Dayton wurde für die Morde, Grausamkeiten und Zerstörungen kaum jemand zur Verantwortung gezogen.

    Vergeblicher Kampf für die Heimkehr Vertriebener

    Die katholische Kirche bekam keine Ersatzzahlungen für die zerstörten Kirchen und Pfarrhäuser. Für die Rückgabe enteigneter Kirchengüter kämpft sie ebenso vergebens wie für die Heimkehr der vertriebenen Katholiken. Die Führung der „Republika Srpska“ obstruiert, wo sie nur kann: gegen die Rückkehr der Katholiken, die Rechte der katholischen Diözese, die Funktionsfähigkeit des Gesamtstaates Bosnien-Herzegowina und die Etablierung eines Rechtsstaates.
    Komarica hat die kanonische Altersgrenze von 75 Jahren im Februar erreicht und dem Papst – wie im Kirchenrecht vorgeschrieben – den Rücktritt angeboten. Nachgelassen hat er in seinem Kampf für seine Heimat und das Heimatrecht der Katholiken in Bosnien jedoch nicht. „Will Europa uns als einen stinkenden Morast vor seiner Haustür?“, fragt er provokativ. Er selbst hat eine ganz andere Vision für Bosnien als die Mächtigen in Banja Luka, die zwar die serbisch-orthodoxe Kirche umfassend restituierten, den Katholiken aber das gestohlene Eigentum weiter vorenthalten. Der Bischof baute zerstörte Kirchen auf, gründete Schulen, Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen. Seine Caritas unter dem agilen Prälaten Miljenko Anicić versorgt die Notleidenden ungeachtet ihrer Religionszugehörigkeit, und neuerdings auch die vielen Migranten, die rund um Bihać im Elend hausen.

    Komarica versteht sich keineswegs nur als Anwalt seiner Katholiken. „Ein zukünftiges Zusammenleben von Orthodoxen, Muslimen und Atheisten bei uns in Bosnien ist schwer vorstellbar ohne die vermittelnde Rolle der Katholiken“, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. Viele orthodoxe Priester und Bischöfe agieren betont nationalistisch. Kein Wunder, dass die Spannungen wachsen. Bischof Komarica will vermitteln, Vertrauen stiften, Versöhnung fördern. Und er will aufbauen, wo andere zerstörten. So gründet er im Herbst seines bischöflichen Wirkens ein „Europa-Zentrum für Frieden und Zusammenarbeit“ – eine positive Vision der Europäisierung wider die alltägliche Realität trauriger Balkanisierung.

    Christian Wulff leitet das Gründungskuratorium

    All das, was diesem Landstrich so bitter fehlt, will der dynamische Bischof an einem Ort konzentrieren: Versöhnung, Bildung, internationale und interreligiöse Zusammenarbeit, Dialog. Beheimatet wird das Zentrum im bisherigen Trappistenkloster „Maria Stern“ (Marija Zvijezda), 1869 noch unter osmanischer Herrschaft vom Vorarlberger Pater Franz Pfanner gegründet und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit 230 Mönchen aus 16 Nationen die größte Abtei des Trappistenordens. Pfanner muss – nicht unähnlich dem heutigen Bischof von Banja Luka – ein wahrer Kraftlackel gewesen sein.

    Er begann mit sechs Gefährten in einer winzigen Blockhütte und hinterließ, als er ein Jahrzehnt später nach Südafrika weiterzog, eine blühende Abtei samt Ziegelei, Schmiede, Kornspeicher, Steinbruch, Mühle, Sägewerk, Bierbrauerei, Schlachthaus, Obst- und Forstbaumschule, Druckerei und Buchbinderei. Als ihm die lokalen Behörden in Banja Luka Widerstand leisteten, zog er persönlich nach Istanbul, um mit dem Großwesir des Sultans zu verhandeln. Erfolgreich, denn der Großwesir erlaubte den Bau eines Hauses mit 60 Zimmern.

    Die Parallelen zu Bischof Komarica drängen sich auf, auch wenn er nicht nach Istanbul zieht, sondern kreuz und quer durch Europa, um Unterstützung für sein Projekt – und für die Europäisierung Bosniens – zu sammeln. Der frühere deutsche Bundespräsident Christian Wulff hat sich an die Spitze jenes Gründungskuratoriums des Europa-Zentrums gestellt, dem ein deutscher und ein österreichischer Bischof ebenso angehören wie drei Europaabgeordnete aus drei Staaten. Der kroatische Premierminister Andrej Plenković hat seine Hilfe zugesagt, EU-Fördergelder für grenzüberschreitende Jugend-, Bildungs- und Kulturprojekte für Maria Stern zu organisieren. Kroatiens Außenminister Gordan Grlić Radman erklärt im Telefonat mit dem Autor seine Unterstützung für Maria Stern, das er nicht als kroatisches, sondern als mitteleuropäisches Projekt sieht.

    Gründergestalten: Bischof Komarica und Abt Pfanner

    Bis im Trappistenkloster Maria Stern junge Menschen aus ganz Europa Vorträgen lauschen und miteinander ins Gespräch kommen, wird Bischof Komarica noch viel Energie aufwenden und hohe Hürden überwinden müssen: Der Besitz der Trappisten wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch die Kommunisten enteignet. 20 000 Bände der Klosterbibliothek wurden von den Partisanen dem Feuer übereignet. Selbst jene Teile, die der Abtei überlassen blieben, wurden später usurpiert. Heute lebt mit Pater Zvonko nur mehr ein Trappist in Maria Stern. 2017 verfügte die Leitung des Ordens die Aufhebung der Abtei. Die Diözese aber kämpft weiter um die Rückgabe der konfiszierten Gebäude und Gründe, die von der „Republika Srpska“ ohne Rechtsgrundlage der Kirche vorenthalten werden.

    In diesem Kampf dient Pater Franz Pfanner wohl als Vorbild. Obwohl Glockenläuten im Osmanischen Reich verboten war, schmuggelte er 1871 eine Glocke in einem Weinfass nach Bosnien. Als das Land von großer Trockenheit geplagt war, überredete er die örtlichen Behörden, zum Gebet seiner Trappisten um Regen auch die Glocken läuten zu lassen. Unnötig zu erwähnen, dass er damit nicht aufhörte, als die Gebete erhört waren und die Trockenheit vorüber.

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