• aktualisiert:

    Jerewan

    Die Sieger und Verlier im Krieg um Berg Karabach

    Durch die Vermittlung der Waffenruhe im Karabach-Krieg hat Russland seinen Einfluss gesichet. Die Türkei ist der strategische Sieger. Armenien zahlt den Preis

    Konflikt in Berg-Karabach
    Armenische Soldaten zünden im berühmten Dadiwank-Kloster Kerzen an. Das Kloster aus dem 12. bis 13. Jahrhundert geht nun... Foto: Sergei Grits (AP)

    Zwei gar nicht direkt an dem Karabachkrieg beteiligte Länder, Russland und die Türkei, gehen als Sieger nach einem sechs Wochen dauernden ungleichen totalem Krieg im Kaukasus hervor. Armenien, das angesichts weit unterlegener Waffen trotz höherer Kampfmoral nie auch nur den Schimmer einer Chance hatte, hat den Krieg verloren und muss Tausende von Toten beklagen, fast die gesamte Jugend der Karabacharmenier, und den von Putin diktierten Preis akzeptieren. Während Aserbaidschan von Anfang an die Türkei hinter sich wissen konnte, hatte Russland, das als einziges Land an beide Länder Waffen verkauft hatte, bis kurz vor einer militärischen Niederlage Armeniens gewartet, um als Schutzmacht der Armenier einzugreifen.

    Unter der Fuchtel Moskaus

    Dem eigentlichen militärischen Sieger Aserbaidschan werden jetzt zwar russische Friedenssoldaten ein enges Korsett anlegen, aber Armenien ist noch mehr unter die Fuchtel Moskaus geraten, eine Schutzmacht, auf die kein Verlass ist. Armenien hatte bei den Verhandlungen in Moskau nichts mehr zu bestimmen, es ging ums reine Überleben. Jetzt dürfen die Armenier wenigstens die noch gehaltenen 50 Prozent Restgebiete des einst zu 90 Prozent armenischen Karabachs unter russischer Treuhand behalten. Die Russen sollen auch den Latschin-Korridor kontrollieren, der Karabach mit dem Staatsgebiet Armeniens verbindet; ohne diesen Korridor ist das Restgebiet von Karabach nicht lebensfähig. Alle seit 1994 eroberten aserbaidschanischen Gebiete westlich und südlich von Karabach müssen bis Anfang Dezember an Aserbaidschan zurückgegeben werden, darunter auch das berühmte Kloster Dadiwank im Distrikt Kelbadschar, wo der Apostel Judas Thaddäus begraben sein soll. Hier räumen und verwüsten jetzt die Armenier ihre Häuser und Dörfer, weil niemand an ein friedliches Zusammenleben mit Aserbaidschanern glauben kann. Seit Jahren verweigern die Aserbaidschaner sogar den Georgiern den Zugang zu einem georgischen Kloster im Staatsgebiet Aserbaidschans, obwohl beide Staaten sonst „gute“ Beziehungen haben.

    Die Aserbaidschaner haben nicht nur alle sieben 1994 verlorenen Kreise um Karabach herum wieder gewonnen, sie haben auch die alte Hauptstadt Karabachs, Schuchi, die sie erst einen Tag vor dem Waffenstillstand erobert haben, bekommen, denn mit dem Waffenstillstand wurde auch vereinbart, dass die Truppen dort stehenbleiben, wo sie gerade stehen. Schon zu Beginn des Krieges hatten die Aserbaidschaner die armenische Kathedrale von Schuchi zerstört, jetzt wird man diese Kathedrale und alle anderen zerstörten Kirchen nicht mehr brauchen, denn im aserbaidschanischen Schucha werden keine Armenier und damit keine Christen bleiben.

    Erdogan hatte Krieg erst ermöglicht

    2.000 russische Friedenstruppen sollen die Feuerpause an der Waffenstillstandslinie überwachen. Ob auch türkische Truppen dort stationiert werden, ist noch unklar, der aserbaidschanische Präsident Alijew, hat davon gesprochen. Dies läge ganz im strategischen Interesse des türkischen Präsidenten Erdogan, der mit seiner uneingeschränkten Hilfszusage an das aserbaidschanische „Brudervolk“ den Krieg im Kaukasus erst möglich gemacht hat. Die Türkei schleuste syrische Dschihadisten an die Front und verhinderte so, dass die Aserbaidschaner, wie 1994, bei Feindkontakt einfach weglaufen; so trieb sie den Krieg entscheidend voran.

    Nach Syrien, dem Irak und Libyen sowie dem Gasstreit im Mittelmeer konnte Erdogan bereits zum vierten Mal in einem Jahr seine aggressive, Verhandlungen ablehnende Außenpolitik durchsetzen. Jetzt fordert Erdogan bereits die Zwei-Staaten-Lösung für Nordzypern, die er gerade mit Waffengewalt in Arzach, so hieß das armenische Pendant zu Nordzypern in Karabach, beendet hat.

    Auswirkungen auf das Staatsgebiet Armeniens

    Der Karabach-Waffenstillstand hat auch Auswirkungen auf das Staatsgebiet von Armenien selbst. Armenien muss jetzt einen aserbaidschanischen Korridor durch sein Staatsgebiet zwischen den beiden Landesteilen Aserbaidschans, wahrscheinlich entlang der iranisch-armenischen Grenze, einräumen. Dadurch kann Aserbaidschan in Zukunft auch eine direkte Pipeline von seinen Ölfeldern in die Türkei verlegen, ohne den Umweg über das unsichere christliche Georgien. Denn bislang hatte die Türkei gar keine gemeinsame Grenze zum Herzland von Aserbaidschan, lediglich zu dessen Exklave Nachitschewan. Die größten Probleme wird jetzt der armenische Premier Nikol Paschinjan haben, der erst vor zwei Jahren durch eine friedliche Maidanrevolution in Eriwan an die Macht gekommen ist. Er war es, der die mächtige und korrupte Karabach-Mafia, die auch in Armenien selbst seit Jahrzehnten die Macht übernommen hatte, gestürzt hatte. Paschinjan selbst sprach von einer äußerst schwierigen Entscheidung, die ihm keine andere Wahl ließ. Noch in der Nacht nach der Unterzeichnung des Waffenstillstands hatten seine Gegner das Parlament und den Regierungssitz in Eriwan verwüstet. Dass Paschinjan jetzt um seinen Posten kämpfen muss, dürfte Putin nicht unangenehm sein. Er hatte ihn immer verdächtigt, Armenien weg von Moskau in die EU zu führen.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.