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    Magdeburg

    Die Methode Haseloff

    Der Wahlsieger von Sachsen-Anhalt ist bekennender Katholik. Wer in der Union von seiner Strategie lernen will, kann Haseloffs katholischen Kompass nicht ignorieren.

    Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
    Man müsse in der Politik so respektvoll miteinander sprechen wie man es auch in der Familie tue, meint Reiner Haseloff. Foto: Ronny Hartmann (dpa)

    Reiner Haseloff hat für die CDU in Sachsen-Anhalt die Landtagswahl gewonnen. Aus dem Siegestaumel,in dem sich die vom Laschet-Söder-Duell noch immer erschütterte Union seit Sonntag befindet, sticht eine Frage hervor: Lässt sich die Methode Haseloff auf den Bundestagswahlkampf übertragen? Findet hier Parteichef Armin Laschet eine Anleitung für seinen Weg ins Kanzleramt in Berlin. Hier gibt es zwei Antwort-Ansätze: Im Modell eins wird der Magdeburger Sieg mit einer Bestätigung der bisherigen Laschet-Linie gleichgesetzt. Das Motto: Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen. Die Union als Anker der Stabilität verkaufen. Die CDU findet dann zu ihrer Mitte, wenn sie einfach steif und fest dabei bleibt, dass sie die Mitte repräsentiert und deswegen die geborene Regierungspartei ist. Kurz: Status quo mag zwar langweilig sein, aber letztlich liegt genau darin, eben die deutsche Status quo-Partei zu sein, der Markenkern.

    Vom Partei-Mainstream abgegrenzt

    Modell zwei: Haseloff hat zwar im Wahlkampf auf das Mannschaftsspiel mit der Bundespartei gesetzt, sich aber zuvor deutlich vom Partei-Mainstream abgesetzt und ein konservatives Profil gezeigt. Mit seinem Nein zur GEZ-Gebührenerhöhung genauso wie mit seiner Ablehnung der Gender-Sprache. Also: Nur durch klar konservative Akzente kann die Union die ganze Breite ihrer potentiellen Wähler ansprechen. Und hier darf Armin Laschet sich nicht entspannt zurücklehnen, sondern muss ordentlich nachliefern. Modell eins wird tendenziell von der Parteiführung vertreten, Modell zwei tendenziell von der konservativen Basis, den alten Stammwählern, von denen, vor allem im Osten, viele voller Hoffnung auf den ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen schauen, der in den Bundestag einziehen will.

    Beide Gruppen vergessen aber dabei, dass auf dem Wahlkampf-Rezept-Zettel Haseloffs eine zentrale Zutat steht: Persönlichkeit. Die Aura eines Ruhe und Sicherheit ausstrahlenden Landesvaters entsteht nicht im luftleeren Raum. Man kann sie nicht erklären, ohne nach den geistigen Wurzeln des 67-Jährigen zu fragen. Reiner Haseloff ist bekennender Katholik, unaufgeregt, ohne kirchenpolitische Ambition. Er ist es einfach und er hat auch keine Scheu, darüber zu sprechen, wie er seine Politik an diesem katholischen Kompass ausrichtet.

    Deutliche Worte, aber keine Kulturkampf-Tonlage

    Diese Grundorientierung erlaubt es ihm, klar eine Grenze zur AfD zu ziehen, ohne gleichzeitig inhaltlich beliebig zu werden und jede konservative Kante abzustoßen. Es zeigt sich aber auch in der Art und Weise, wie er das macht. Mit deutlichen Worten, aber doch darum bemüht, die Kulturkampf-Tonlage zu vermeiden, die vor allem die Auseinandersetzung in den sozialen Medien bestimmt. Hier ist eine Szene bezeichnend, die am Wahlabend bei Bild-TV zu sehen war: Haseloff erläuterte dort sein politisches Selbstverständnis: Es gehe nicht darum, in Talkshows mit abgehobenen Thesen zu glänzen   eine deutliche Spitze gegen Identitätspolitik und Cancel Culture-, sondern die Probleme der Menschen ernst zu nehmen, die sie in ihrem Alltag bewegen. Dazu gehöre aber auch, anständig miteinander umzugehen. Man müsse in der Politik so respektvoll miteinander sprechen wie man es auch in  der Familie tue. 

    Und dann stellte der Journalist die entscheidende Frage, auf die Haseloff eine Antwort schuldig bleiben musste. Weil er, wie er sagte, über den Knopf im Ohr die Info bekomme, er müsse weiter zur nächsten Fernseh-Schalte. Der Reporter wollte von ihm wissen, wie er denn vor diesem Hintergrund die jüngsten Äußerungen von Hans-Georg Maaßen bewerte. Dieser hatte wenige Tage zuvor die Anfangsbuchstaben des Namens der Kanzlerkandidatin der Grünen ACAB (Annalena Charlotte Alma Baerbock) mit dem gleichlautenden Kürzel für die polizeifeindliche Parole "All Cops are bastards" ("Alle Polzisten sind Mistkerle") in Verbindung gebracht. Wie Haseloff geantwortet hätte, kann man ahnen. Die Antwort müssen aber nun die verschiedenen Lager, die die Methode Haseloff jeweils für sich in Anspruch nehmen wollen, selbst geben. Es könnte die Gretchenfrage für den Wahlkampf werden.

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