• aktualisiert:

    Kommentar um "5 vor 12"

    Der Zweifrontenkrieg der US-Katholiken

    Die Ära Trump hinterlässt auch US-Katholiken gespalten, die sich in doktrinären Fragen einig sind. Doch es bleibt kaum Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Denn unter der neuen linken Regierung müssen sie schnell wieder politikfähig werden.

    Wie US-Katholiken mit Biden umgehen
    Mit sendungshafter Wucht wird Amerikas regierende Linke und der sie tragende kulturelle Resonanzraum versuchen, die obje... Foto: J. Scott Applewhite (AP)

    Zu Beginn der Biden-Präsidentschaft hat es der konservative US-Katholizismus mit einem Zweifrontenkrieg zu tun. Da sind die Altlasten der Trump-Jahre. War und ist die disruptive Politikidee des 45. Präsidenten angesichts der kulturellen Hegemonie des progressiven Establishments alternativlos? Oder waren trotz unbezweifelbarer Errungenschaften etwa beim Lebensschutz die Kollateralschäden für die US-Demokratie zu groß? Keineswegs alle Katholiken, denen das Lebensrecht Ungeborener oder der Schutz der Religionsfreiheit angesichts um sich greifender "cancel culture" etwas bedeutete, sahen in Trump den Messias. Zu offen lagen für sie seine charakterliche Schwächen und die unkontrollierbare Gefahr seines Populismus für die demokratischen Verfahren des Landes zu Tage.

    Katholisches Selbstgespräch kann nicht endlos anhalten

    Brilliante Köpfe wie der Jurist Robert George oder der Publizist George Weigel waren deshalb nicht Teil des Teams Trump. Andere wie New Yorks Kardinal Dolan agierten – wohl auch, weil sie in (kirchen)-politischer Verantwortung standen -, pragmatischer und suchten Trumps Nähe. Dolan hat nach den "Capitol Riots" fluchtartig das Weite gesucht. Andere halten aber auch nach dem 6. Januar am Trumpismus fest – sei es als kleineres Übel, sei es aus Überzeugung. Die von linkskatholischer Seite absichtsvoll begonnene Debatte, wie katholische Unterstützung zum Sturm auf das Kapitol mit beitrug, ist noch lange nicht vorbei. Sie entzweit zudem auch Katholiken, die sich in doktrinären Fragen eigentlich einig sind. Das innerkatholische Gespräch, welche politischen Mittel zur Erlangung von für Katholiken wichtigen Ziele erlaubt sind, wird noch dauern.

    Die gesellschaftspolitische Herausforderung durch die neue Administration wird aber dafür sorgen, dass das katholische Selbstgespräch nicht endlos anhalten kann. Mit sendungshafter Wucht wird Amerikas regierende Linke und der sie tragende kulturelle Resonanzraum versuchen, die objektiven Errungenschaften der Trump-Jahre rückgängig zu machen. Spätestens dann müssen Amerikas Katholiken wieder politikfähig sein.

    Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

    Hier kostenlos erhalten!

    Weitere Artikel