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    Porträt der Woche

    Der Co- Vorsitzende Robert Habeck bleibt im Wartestand

    Der Reserveheld der Grünen meldet sich nun auch zu Wort. Dennoch bleibt er zurückhaltend und lässt die Kanzlerkandidatin im Vordergrund.

    Habeck auf Küstentour in Schleswig-Holstein
    Robert Habeck zielt seit Jahren darauf, die Grünen für die bürgerliche Mitte wählbar zu machen. Foto: Frank Molter (dpa)

    „Wenn du geschwiegen hättest, wärest du Philosoph geblieben“ („Si tacuisses philosophos mansisses.“) – diesen alten lateinischen Sinnspruch kennt man natürlich im Kernmilieu der Grünen. Dort also, wo man einen akademischen Abschluss hat, gut verdient und die eigene Bildungsbürgerlichkeit pflegt (Kritiker nennen diesen Lebensstil „Öko-Hedonismus“). Diese Leute sind aufgescheucht, denn plötzlich scheint ihnen mit den Affären um Annalena Baerbock eine Heldin abhanden zu kommen. Doch am letzten Samstag konnten sie aufatmen, denn endlich meldete sich der andere grüne Heroe zu Wort: Robert Habeck.

    Der Co-Vorsitzende gab in der Süddeutschen Zeitung ein Interview – er sagte einiges, aber er schwieg auch zu bestimmten Fragen. Und damit dürfte der 51-Jährige endgültig bewiesen haben, dass er nicht umsonst als Partei-Philosoph gilt: Denn in seinem Schweigen steckte mehr Aussagekraft als in dem, was er sagte.

    Der Schiegersohn- Philosoph

    Er verzichtete darauf, über eine vermeintliche Anti-Baerbock-Kampagne zu schimpfen. Aber er verpasste auch der Kandidatin keine verbalen Rippenstöße. Stattdessen eine nüchterne Bestandsaufnahme handwerklicher Fehler der grünen Wahlkämpfer („Das war kein Glanzstück.“).

    Doch wie das mit den schweigenden Philosophen immer so ist – alles Interpretationssache. Die Fans sehen hier sogleich den ersten Akt eines neuen Polit-Stücks, Titel: „Ich, Robert Habeck, Vizekanzler und Außenminister“. Skeptiker zeigen Zweifel, ob Habeck, der als Mann mit Wuschelfrisur und Dackelblick vielleicht als neuer Lieblingsschwiegersohn des Justemilieu reüisseren mag, auch ein politischer Stratege sei.

    Doch genau das ist er. Habeck zielt seit Jahren darauf, die Grünen für die bürgerliche Mitte wählbar zu machen. In seinen Büchern, die allesamt auf den Bestseller-Listen gelandet sind (und in denen bisher kein Plagiatsjäger fündig geworden ist), lieferte er den geistigen Überbau.

    Die Guten

    Gleichzeitig inszenierte er sich als Repräsentant der Leute, die ihn wählen sollen. Ein bisschen Lifestyle, ein bisschen Richard-David-Precht-Philosophie und dazu jede Menge grüne Selbstgerechtigkeit: „Wir sind die Guten.“ Tiefe ja, aber immer nur so viel, dass sie gerade noch zu einem Plausch bei zwei Gläsern Rotwein passt. Diesen Stil zur unangefochtenen Partei-Kommunikationsstrategie zu machen, trotz der in sich hinein nörgelnden Fundis am grünen Stammtisch, ist keine geringe politische Leistung.

    Vorerst reicht es für Robert Habeck aus, der Mann zu sein, von dem man spricht. Er kann weiter schweigen und abwarten. Den Rest besorgt schon die Kanzlerkandidatin.

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