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    Paris

    Bürger leisten Widerstand gegen Macron

    In Frankreich machen Lebensschützer mobil. In 61 Städten demonstrieren sie gegen bioethische Pläne der Regierung. Es geht um den Schutz der Menschen.

    Emmanuel Macron
    Im Hintergrund die Marianne: Emmanuel Macron plant umstrittene bioethische Gesetze. Foto: Ludovic Marin (POOL AFP)

    Große Zivilisationen sterben nicht, diagnostizierte der Kulturhistoriker Arnold Toynbee, sie begehen Selbstmord. Das ist heute in Europa zu beobachten, Stichworte wären Abtreibung, künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft, Transhumanität. Bei anderen Stichworten handelt man sich schon Prozesse der mächtigen Homo-Lobby ein. Als Vorreiter auf dem Weg des Selbstmords tun sich mal nicht die Deutschen besonders hervor, weiter sind schon die Briten und mittlerweile auch die Franzosen. Frankreich zählt offiziell mehr als doppelt so viele Abtreibungen wie Deutschland, und es sollen noch mehr werden. Die Frist für legale Abtreibungen soll von 12 auf 14 Wochen verlängert werden und in der ersten Lesung bekam dieses Gesetz jetzt auch eine Mehrheit in der Nationalversammlung. Staatspräsident Macron passt der Zeitpunkt für diese Debatte nicht, denn es läuft schon eine Diskussion über seine bioethischen Vorhaben – trotz Corona. Und dieser Widerstand wächst.

    Gegner auf der Straße

    Man hatte geglaubt, mit dem allgegenwärtigen Reden der Virus-Gefahr die Gegner in Schach halten zu können. Aber am vergangenen Wochenende ging in 61 Städten Frankreichs das Bündnis „Marchons enfants!“, die Gegner der bioethischen Gesetze, auf die Straße – streng nach Vorschrift mit Abstand, Masken und sauberen Händen. Es waren zehntausende, die von Brest bis Straßburg, von Lille bis Toulon, über Versailles, Paris, Bordeaux, Lyon, Dijon, Rennes, Nantes und auf vielen Marktplätzen mehr im ganzen Land Parolen wie „weder bio noch ethisch“ und „Nicht nur Tier- auch Menschenschutz!“ ertönen ließen. Es waren so viele und der Lärm so groß, dass die Medien das Ereignis nicht übergehen konnten. Es wurde berichtet, wenn auch kritisch. In Deutschland las man kein Wort, hörte keinen Ton, sah man kein Bild.

    Zurück ins Barbarentum

    Die Gesetze, die Frankreich ethisch ins Barbarentum zurückzuwerfen drohen, sind noch nicht in Kraft. Macron hätte sie gern lautlos im Sommer über die Parlamentsbühne geschoben. Aber der Widerstand aus Fachkreisen und von katholischen Familienverbänden und Bischöfen schwoll an. Die Begleitbotschaft der Bischofskonferenz nimmt Bezug auf die neueste Enzyklika von Papst Franziskus und fragt: „Kann eine Gesellschaft brüderlich sein, wenn Kinder keinen Vater, nur noch einen Erzeuger haben?“ Beim neuen Abtreibungsgesetz haben auch immer mehr Ärzte Bedenken.

    Ärzte zur Abtreibung gezwungen

    Der Verband der Gynäkologen weist darauf hin, dass in der 14. Woche der Kopf des ungeborenen Kindes bereits so stark verknöchert sei, dass man ihn mit einer Spezialzange zerquetschen muss, um ihn entfernen zu können. Das sei schockierend für viele Ärzte, und ein Grund mehr, an Abtreibungen nicht teilzunehmen. Hier wird das Barbarische sichtbar. Und es kommt erschwerend hinzu, dass auch die Gewissensklausel für Ärzte gestrichen werden soll. Ärzte sollen zur Abtreibung gezwungen werden können. Es ist fraglich, ob diese Passage den Gesetzesweg durch Senat und Verfassungsrat übersteht. Aber dass sie überhaupt existiert, zeigt den totalitär anmutenden Furor, die Unmenschlichkeit ihrer ideologischen Macher.

    Vergessen Gottes

    Toynbee hat Recht und Guardini hat es vorausgesehen. Der Religionsphilosoph sah die „Unmenschlichkeit des Menschen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Vergessen Gottes und der Anwendung einer irreführenden Technologie. Was geht, wird gemacht, ohne Rücksicht auf Würde und Ethik. Das ist die moderne Barbarei. Im Widerstand aber liegt Hoffnung. Das Barbarentum war immer Begleiterscheinung menschlichen Lebens. Kain war immer da. Seine und Abels Würde aber auch. Es ist die Würde der creatura, über die der Creator, wie es im Buch der Weisheit steht, nur „mit großer Ehrfurcht“ verfügt. Deshalb lehrt das Wochenende in Frankreich über Grenzen hinweg auch dies: Standhalten, festhalten an der Würde des Menschen. Das ist der Weg aus der Selbstmord-Barbarei zurück in eine Zivilisation der Liebe.

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