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    Zwischen großer Ehre und kleiner Fußballnation

    Die französische Empfindlichkeit ist literaturträchtig. Die Literatur, jener Spiegel menschlichen Lebens, der Flanken und Tiefen, Winkel und Ecken menschlicher Existenzen ausleuchtet, kennt in der Tat viele Beispiele und Passagen, die sich mit dieser Eigenart der Franzosen befassen. Stefan Zweig etwa beschreibt sie in einem Kurzporträt über den Sozialistenführer Jean Jaures als „phosphorne Fläche, die leicht entflammt“ und in seinem Roman „Die Kartause von Parma“ nennt Stendal die Grenze, ab der seine Landsleute für vernünftige Argumente nur noch schwer zugänglich seien: Ruhm, Ehre, Eitelkeit. Vor der Weltkulisse der populärsten Sportart dieses Globus hat sich die Grande Nation nun so blamiert, dass es genügend Stoff für einen neuen, zeitgenössischen Roman, nennen wir ihn mal „Die Kabine von Johannesburg“, geben könnte. Und entflammt hat sich die Empfindlichkeit nicht nur an der Blamage der Niederlage, sondern vor allem an Worten und Verhalten der Ikonen des Fußballs, vor während und nach dem Aufenthalt in der Kabine zur Halbzeit des Spiels gegen Mexiko. Ein Verhalten der Millionäre, das eher zu Groschenromanen passt als in die zeitgenössische Literatur.

    Die französische Empfindlichkeit ist literaturträchtig. Die Literatur, jener Spiegel menschlichen Lebens, der Flanken und Tiefen, Winkel und Ecken menschlicher Existenzen ausleuchtet, kennt in der Tat viele Beispiele und Passagen, die sich mit dieser Eigenart der Franzosen befassen. Stefan Zweig etwa beschreibt sie in einem Kurzporträt über den Sozialistenführer Jean Jaures als „phosphorne Fläche, die leicht entflammt“ und in seinem Roman „Die Kartause von Parma“ nennt Stendal die Grenze, ab der seine Landsleute für vernünftige Argumente nur noch schwer zugänglich seien: Ruhm, Ehre, Eitelkeit. Vor der Weltkulisse der populärsten Sportart dieses Globus hat sich die Grande Nation nun so blamiert, dass es genügend Stoff für einen neuen, zeitgenössischen Roman, nennen wir ihn mal „Die Kabine von Johannesburg“, geben könnte. Und entflammt hat sich die Empfindlichkeit nicht nur an der Blamage der Niederlage, sondern vor allem an Worten und Verhalten der Ikonen des Fußballs, vor während und nach dem Aufenthalt in der Kabine zur Halbzeit des Spiels gegen Mexiko. Ein Verhalten der Millionäre, das eher zu Groschenromanen passt als in die zeitgenössische Literatur.

    Die Flammen der öffentlichen Empörung schlugen hoch

    Was war geschehen? Ein Spieler hatte den Trainer derart ordinär beleidigt, dass wir uns auch nach längerem Überlegen nicht dazu durchringen können, das wörtlich zu zitieren. Im Französischen klingt das zwar melodischer und eleganter, ist aber im Inhalt gleich, gar nicht literaturfähig und wurde von der größten Sportzeitung des Landes, L'Equipe, als Schlagzeile verbreitet. Die Flammen der öffentlichen Empörung schlugen hoch. Nun ist der Trainer alles andere als beliebt, aber hier ging es um nichts weniger als die Ehre der Grande Nation. Denn Nationalspieler sollen, so der einhellige Tenor der öffentlichen Debatte, Vorbild sein. Einige leise Plädoyers versuchten, den Umgangston in der Kabine der Helden zu erklären und die Schuld an der Misere den Journalisten und denjenigen in die Schuhe zu schieben, die diese – übrigens nicht dementierte anzügliche Aufforderung – aus der Kabine an die Öffentlichkeit getragen hatten. Aber das war so hilflos wie die Kommentare der Sportministerin Roselyn Bachelot, die um mehr sportlichen Einsatz kämpfte. Man solle alles geben auf dem Platz. Nun hatte man es sich aber in der Kabine gegeben und zwar so, dass es zu einer Art Revolution auf dem Platz kam. Nachdem der rebellierende Spieler noch vom Ancien Regime des Trainers Domenech nach Hause geschickt worden war, wurde mangels Guillotine oder anderer Mittel der Terreur nur herumgebrüllt, mit Stoppuhren um sich geworfen und gestreikt. Schließlich stieg die Mannschaft in ihren Luxusbus und verschwand. Trainer Domenech verlas dann vor der Presse eine Erklärung: „Alle Spieler, ohne Ausnahme, protestieren gegen die Entscheidung der FFF (Französischer Fußballverband, Anm. d. A.), Nicolas Anelka zu suspendieren.“ Die Weigerung des Verbandes, sich vor dem Rauswurf von Anelka mit diesem auszutauschen, habe zu dem Trainingsboykott geführt. Am Ende des Briefes hieß es: „Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir werden alles geben, damit Frankreich seine Ehre wiederfindet.“

    „Vulgäre Safari-Fahrer“, „Vuvuzelas in blau-weiß-rot“

    Was der amtierende Vize-Weltmeister dann noch gegen Südafrika gab, war nicht viel. Die Suche nach der verlorenen Ehre blieb zeitlos blass. Das Urteil in der Heimat war eindeutig und das Fernsehen brachte es in unzähligen Äußerungen von Fans, Politikern und anständig arbeitenden Franzosen zum Ausdruck: Es handele sich um eine Gruppe „verwöhnter und fauler Millionäre“, „ungezogene Analphabeten“, „vulgäre Safari-Fahrer“, „Vuvuzelas in blau-weiß-rot“, „eine Schande für Frankreich“ – wie gesagt, viel Stoff für einen Roman. Viel gelernt haben die Kicker aus dem Vorfall allerdings nicht. Man bedauere, was passiert sei, sagte der Kapitän des Tricolore-Teams, „aber noch mehr bedauern wir die Veröffentlichung des Streits“. Derartige Vorfälle gehörten „zum Leben eines Weltklasseteams“.

    Dieses Leben will die Nation nicht weiter subventionieren. Man kann davon ausgehen, dass die meisten Spieler des „Weltklasseteams“ in Rente geschickt werden. Das ist zwar gegen das Gesetz, das die Regierung zurzeit über die Hürden von Parlament und Straße bringen will – es sieht eine Erhöhung des Renteneinstiegsalters von 60 auf 62 Jahre vor. Aber im Schatten der öffentlichen Empörung und Debatte kommt dieses Gesetz wenigstens gut voran. Das mag auch einer der Gründe dafür sein, dass Präsident Sarkozy seine Sportministerin jetzt so oft auf dem öffentlichen Platz auflaufen lässt, auch wenn sie nicht viel zu sagen hat.

    Ein positives Ergebnis indes zeigt diese Debatte – die Romane müssen ja erst noch geschrieben werden: Es wird wieder über Werte, über Anstand, über Erziehungsziele, über Verantwortung für die Gesellschaft, über Vorbilder diskutiert. Die Blamage der Kicker ist selbstverständlich ein politisches Thema. Sie dient den höheren Ehren der Nation. Sarkozys Gegenspieler im bürgerlichen Lager, Dominique de Villepin, unter anderem auch Poet und Schriftsteller, brachte es auf den Punkt: „Wir wollen ein Frankreich, das wie unsere Nationalmannschaft ist, verhindern“. Man hält an der Größe der Nation fest, nahezu verzweifelt. Das kontrastiert zum zwar realistischen aber doch irgendwie ehrenrührigen Gemaule der linksliberalen Le Monde, die schlicht konstatierte: „Wir sind eine kleine Fußballnation.“

    „Die Dinge können so nicht bleiben“

    Immerhin, es tauchen in der Debatte auch andere Fragen auf, die sich nicht nur mit der Vergangenheit beschäftigen, sondern im Gegenteil in die Zukunft weisen. Ist die vielbesungene Mannschaft der „black-blanc-beurre“, jene multikulturelle Truppe, die in Südafrika ebenso versagt hat wie schon bei der Europameisterschaft 2008, wirklich ein gesellschaftliches Modell für Frankreich oder ist sie schlicht nur ein Spiegel der heutigen Gesellschaft, die aber reformiert werden muss, damit Integration gelingen kann? Einer der großen Sponsoren des WM-Teams, der Energiekonzern GDF Suez, gab ernüchtert bekannt, dass man jetzt alle Verträge neu prüfen werde: „Die Dinge können nicht so bleiben, wie sie sind.“ Wenn die Politik das auch so sieht, ist die Gruppe der verzogenen, pubertären Kicker ohne Anstand und Ehrgefühl für die Nation doch noch mit einem Sieg heimgekehrt – auch wenn die meisten Mitglieder dieser Gruppe das nicht verstehen.

    Von Jürgen Liminski