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    Zwischen den Fronten

    Karakosh, ein staubgraues Dorf irgendwo in der nordirakischen Niniveh-Ebene. Niedrige, rissige Wohnblocks aus Rohbeton ziehen sich entlang der Straßen, hier und dort ragt der Turm einer Kirche auf. Ringsum erstreckt sich karges Land. Tausende von Vertriebenen sind in den vergangenen Jahren in die überwiegend christlichen Dörfer geflüchtet, die in dieser entlegenen Gegend verstreut liegen.

    Karakosh, ein staubgraues Dorf irgendwo in der nordirakischen Niniveh-Ebene. Niedrige, rissige Wohnblocks aus Rohbeton ziehen sich entlang der Straßen, hier und dort ragt der Turm einer Kirche auf. Ringsum erstreckt sich karges Land. Tausende von Vertriebenen sind in den vergangenen Jahren in die überwiegend christlichen Dörfer geflüchtet, die in dieser entlegenen Gegend verstreut liegen.

    Immer mehr Anschläge auf Kirchen – Eines Tages eine Todesdrohung im Briefkasten

    Amira K. lebt seit einem Jahr in einer ungepflasterten Seitenstraße im Zentrum von Karakosh. Zögerlich öffnet die 31-Jährige die hölzerne Eingangstür, durch deren Ritzen schneidend kalter Wind zieht. Amira K. und ihre Familie stammen aus dem nahe gelegenen Mossul. Sie gehört der chaldäisch-christlichen Gemeinde an. Seit dem Einmarsch der US-Truppen im Jahre 2003 wurde ihre Umgebung zusehends feindseliger, schildert sie. Ringsum häuften sich Anschläge gegen Kirchen und christliche Einrichtungen. Eines Tages fand Amira K. Todesdrohungen in ihrem Briefkasten und begriff, dass sie nicht in Mossul bleiben konnte. Als die Familie gerade mit den Vorbereitungen für ihre Flucht begonnen hatte, explodierte vor ihrem Haus eine Autobombe. Ihr Mann war gerade mit dem jüngsten Sohn vom Einkaufen wiedergekommen. Der Mann wurde schwer verletzt. Das Kind starb.

    Amira K.s Blick flackert ausdruckslos über die nackten Betonwände um sie herum. Unter einer Girlande aus Plastikblumen hängt ein Bild ihres getöteten Sohnes, eines zarten Fünfjährigen. „Wir sehen in diesem Land keine Zukunft mehr“, sagt sie mit rauer, leiser Stimme, „wir stehen vor dem Nichts.“ Ihr Mann ist arbeitslos, die Ersparnisse sind aufgebraucht. Ihren Schmuck hat sie bereits verkauft. Von Caritas international erhalten sie regelmäßig Lebensmittelkörbe, doch wie es weitergehen soll, das weiß Amira K. nicht.

    Caritas international hat im Nordirak vier Sozialzentren eröffnet, um Menschen wie Amira K. Zugang zu der Unterstützung aus ihrem Hilfsprogramm für vertriebene Familien zu geben. Die Hilfe setzt auf verschiedenen Ebenen an: Um die unmittelbare Not zu lindern, erhalten die Flüchtlinge Lebensmittelkörbe oder Sachleistungen wie Matratzen, Decken und Küchenausstattung. Von den Ärzten in den Caritas-Zentren können sie sich medizinisch behandeln lassen. Für die Kinder wird Schulunterricht veranstaltet. Zusätzlich übernimmt die Hilfsorganisation einen Teil der Miete besonders bedürftiger Familien.

    Von Karakosh aus versorgt Caritas Vertriebene in dem Ort selbst sowie in 26 umliegenden Dörfern. „Wir haben alle Hände voll zu tun“, sagt Naim Izak Taddar, der Manager des Zentrums. „Wir unterstützen hier rund 800 Familien. Es fehlt ihnen an allem, denn sie haben oftmals ihr ganzes Hab und Gut zurücklassen müssen. Zusätzlich gibt es viele Witwen und Waisen, die keinerlei Einkommen haben.“

    Ehe Familien in das Hilfsprogramm aufgenommen werden, besucht die Sozialarbeiterin Naghem Habib sie zu Hause, um sich einen Eindruck von ihren Lebensumständen zu verschaffen. „Hier sind sie in Sicherheit, daher fühlen sie sich wohl“, sagt sie. „Doch die meisten leben unter sehr kritischen Bedingungen, weil sie keine Möglichkeit haben, Arbeit zu finden.“ Rund 2 000 Vertriebene sind allein nach Karakosh gekommen, schätzt Naghem Habib. Mittlerweile sei der Zustrom etwas gesunken, einzelne Familien sind sogar wieder in ihre Heimatorte zurückgekehrt: „Die Mehrheit von ihnen will zurück, kann aber nach wie vor nicht.“

    Die Verfolgung der christlichen Minderheit im Irak mag nachgelassen haben, ganz aufgehört hat sie nicht. Erst im Sommer wurden sieben Kirchen innerhalb von 48 Stunden angegriffen – sechs in Bagdad, eine in Mossul. Gerade im Norden des Landes hat sich die Gewalt wieder verschärft: El Kaida schlägt dort seit Wochen wieder öfter zu. Sie will den Krieg, der zwischen Sunniten und Schiiten abgeflaut ist, zwischen Arabern und Kurden neu entfachen. Und wieder steht die christliche Minderheit zwischen den Fronten.

    Freilich richtet sich die Gewalt willkürlich gegen alle Konfessionen und Ethnien, auch Sunniten und Schiiten werden Opfer von Ermordungen und Vertreibungen. Die Folge ist eine gewaltige Zahl von Flüchtlingen, die eine der größten Herausforderungen für die Nachkriegsgesellschaft im Irak darstellt: Rund zwei Millionen Iraker sind in die Nachbarländer geflohen, geschätzte 2,6 innerhalb des Landes vertrieben worden.

    „Wir begannen zu spüren, dass sie uns hassen, weil wir Christen sind“

    Das Wartezimmer im Caritas-Sozialzentrum in Karakosh ist brechend voll. Amira H., eine kräftige Frau mit tiefen Schatten unter den Augen, stammt aus Mossul. „Wir begannen zu spüren, dass sie uns hassen, weil wir Christen sind“, erinnert sie sich. Sie drückt ihre Finger etwas fester um das Taschentuch, das sie in ihrer Hand hält.

    Die Entscheidung zu fliehen fiel vor vier Jahren, kurz nachdem ihr Sohn Karam schwer krank wurde. Der Junge hatte eine Rückenmarksentzündung und musste in Bagdad operiert werden. In ihrer Abwesenheit wurde ihr Haus vollständig geplündert. Zwei Wochen später versuchten maskierte Männer, ihren ältesten Sohn Afram vor ihrem Haus zu entführen. Das Kind entkam. Die Familie machte sich noch am selben Tag auf den Weg nach Karakosh.

    K., heute neun Jahre alt, bräuchte eine weitere Operation. Für die bisherigen Behandlungskosten musste sich die Familie bereits 5 000 US-Dollar leihen. „Unser ganzes Geld geht nun für die Zinsen drauf. Ich kann meinen Kindern manchmal nicht einmal Frühstück geben“, sagt Amira H. „Und nun machen die Gläubiger Druck, weil wir mit den Raten nicht mehr hinterherkommen.“

    Ein steter Strom von Menschen zieht die Treppe hinauf. In einem hellen, karg eingerichteten Raum im ersten Stock ist die Kinderarztpraxis zu finden. Der Mediziner Osama Saadallah sitzt hinter seinem Schreibtisch. Eine Mutter nach der anderen tritt heran und legt ihr Kind auf die Tischplatte. Er behandelt jeden Tag 70 Kinder. „Wir haben es mit vielen Infektionen zu tun“, sagt er. „Ein Grund ist mangelnde Hygiene, ein anderer chronische Unterernährung, die das Immunsystem der Kinder schwächt.“ Das Gesundheitssystem in Karakosh werde dem Bedarf nicht ansatzweise gerecht: „Das Kinderkrankenhaus hat 50 Betten, aber 70 Patienten“, erklärt Saadallah. „Sie werden mit Magengrippe eingeliefert, dann fangen sie sich auf den überfüllten Stationen zusätzlich Grippe und Masern ein.“

    Am Rande von Karakosh haben wohlhabende Familien pastellfarbene Villen errichtet, die ärmeren sind im Zentrum untergekommen, in verlassenen, halb verfallenen Häusern und Schuppen. Man könnte an Dutzende Türen ringsum anklopfen und würde immer die gleichen Geschichten hören. „Mein Mann hatte einen Alkoholladen in Bagdad, deswegen haben wir Todesdrohungen erhalten“, sagt Aida Nasser Tobea. Seit rund einem Monat lebt sie mit ihrem Mann und sieben Kindern in einem engen, feuchten Verschlag, wo es bis auf zwei Betten keine Möbel gibt. „Nachts ist es eiskalt und wir haben keine Heizung. Die Kinder werden deshalb ständig krank.“ Nun will der Vermieter die Miete erhöhen – doch von den 200 US-Dollar, die ihr Mann als Tagelöhner auf dem Bau verdient, können sie schon den bisherigen Betrag von 70 US-Dollar kaum bezahlen.

    Die Angst ist groß: Schwer bewaffnete Soldaten prüfen die Papiere jedes Autofahrers

    Wie tief die Furcht auch in Karakosh sitzt, beweist derweil ein Checkpoint vor der Zufahrtsstraße, wo schwer bewaffnete Soldaten die Papiere jedes Autofahrers überprüfen. Männer mit Gewehren stehen in den Seitenstraßen und heben misstrauisch den Blick, wenn Fremde herantreten – christliche Nachbarschaftswachen, die mit Erlaubnis der Regierung auf die Siedlungen achtgeben. An den Ausläufern des Dorfes, in einem schiitischen Viertel, klafft eine große Lücke in der Silhouette der Häuser. Verkohlte Trümmer liegen auf der Erde verstreut, die Wände der umliegenden Häuser sind geborsten. Vor wenigen Wochen explodierte hier ein Lastwagen voller Sprengstoff, 31 Menschen wurden getötet.

    Die Vertriebenen mögen unmittelbare Lebensgefahr hinter sich gelassen haben. Doch vollständige Sicherheit und Ruhe vor dem Terrorismus, das ist etwas, was im Irak nach wie vor nirgends zu finden ist.

    Von Gabriela Keller