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    Zwischen Verfolgung und Zeugnis

    „Schenke, o Herr, den Söhnen und Töchtern der Ostkirchen – beraubt aufgrund mannigfacher Notlagen, manchmal sogar durch Verfolgung, und geschwächt durch Abwanderung – den Mut, in ihren Ländern auszuharren, um die Frohe Botschaft zu verkünden“: Immer wieder erinnerten die Meditationstexte zum Kreuzweg von Papst Franziskus gestern im Kolosseum an das Leiden der Christen im Nahen Osten. Der Grund: Noch Papst Benedikt XVI. hatte den libanesischen Kardinal Bechara Boutros Rai gebeten, die Meditationen zu verfassen. Tatsächlich kommt dem 72-jährigen maronitischen Patriarchen von Antiochien eine Schlüsselrolle zu, wenn es um die Zukunft der orientalischen Christenheit geht.

    In diesem Jahr erinnerte der Kreuzweg in Rom besonders an die schwierige Situation der Christen in den Ländern des Nahen... Foto: dpa

    „Schenke, o Herr, den Söhnen und Töchtern der Ostkirchen – beraubt aufgrund mannigfacher Notlagen, manchmal sogar durch Verfolgung, und geschwächt durch Abwanderung – den Mut, in ihren Ländern auszuharren, um die Frohe Botschaft zu verkünden“: Immer wieder erinnerten die Meditationstexte zum Kreuzweg von Papst Franziskus gestern im Kolosseum an das Leiden der Christen im Nahen Osten. Der Grund: Noch Papst Benedikt XVI. hatte den libanesischen Kardinal Bechara Boutros Rai gebeten, die Meditationen zu verfassen. Tatsächlich kommt dem 72-jährigen maronitischen Patriarchen von Antiochien eine Schlüsselrolle zu, wenn es um die Zukunft der orientalischen Christenheit geht.

    Denn kein anderer katholischer Kirchenführer des Orients steht einer zahlenmäßig so großen Herde vor. Der maronitischen Kirche, die als einzige Ostkirche vollständig mit dem Papst uniert ist, gehören etwa eine Million Gläubige im Libanon selbst und etwa fünf Millionen in der weltweiten Diaspora an. Sie verfügt im Libanon über eine ausgezeichnete universitäre Infrastruktur, weshalb das Land Mittelpunkt der katholischen theologischen Ausbildung im Nahen Osten ist. Obschon in viele Konfessionen gespalten, stellen die Christen des Libanon noch immer etwa 30 bis 40 Prozent der etwa vier Millionen umfassenden Bevölkerung des Zedernstaates.

    Seine herausgehobene Stellung als Führer der größten Kirche des Landes nutzt Rai, um die Situation der Christen auch innenpolitisch zu stabilisieren. Charakteristisch ist für ihn dabei sein Pragmatismus. Viele westliche Beobachter sehen im konfessionellen Proporzsystem des Landes, das Mandate und Ämter nach festen konfessionellen Quoten zuteilt, den Hauptgrund dafür, dass die Spaltung entlang religiöser und ethnischer Grenzen nicht überwunden wird. Und tatsächlich sieht das Abkommen von Taif, das 1990 den verheerenden Bürgerkrieg beendete, die Überwindung des Konfessionalismus als Verfassungsziel vor.

    Rai ist indes der Auffassung, dass der konfessionelle Proporz angesichts der libanesischen Wirklichkeit und der für Christen nachteiligen demographischen Entwicklung der beste Weg ist, den institutionellen Einfluss der Christen im Land zu wahren. Wichtig ist ihm weiter, die Spaltung des christlichen politischen Lagers zu überwinden. Tatsächlich finden sich sowohl in der Opposition als auch in der Regierung christliche Parteien und Politiker. Diese Positionierung verdankt sich – und das macht sie aus Sicht des Kardinals problematisch – eher machtpolitischen Einzelinteressen denn der Orientierung am Wohl der christlichen Gemeinschaft und der Nation.

    Neben seiner innerlibanesischen Arbeit hat der Kardinal auch nach außen eine Führungsrolle zur Stabilisierung der nahöstlichen Christenheit übernommen. Vermehrt ist dies im Anschluss an den Besuch Papst Benedikts XVI. im Libanon im vergangenen September geschehen, währenddessen auch das nachsynodale Apostolische Schreiben Ecclesia in Medio Oriente überreicht wurde. Erster Schritt, das Dokument umzusetzen, war das Treffen der katholischen Patriarchen und Bischöfe des Nahen Ostens im Dezember im Libanon. Erstmals in der Geschichte überhaupt fanden sich die Führer der katholischen Gemeinschaften zu einem Gipfeltreffen im Nahen Osten ein. Dabei ging es darum, die beiden Hauptimpulse des päpstlichen Schreibens zu beraten: Gemeinschaft und Zeugnis. Noch immer gibt es selbst innerhalb der katholischen Ritenfamilie Misstrauen und mangelnde Kooperation. Diese Art anachronistischen Kirchturmdenkens will die neue Generation nahöstlicher Kirchenführer überwinden. Im Kreuzwegtext schrieb Rai deshalb: „Gib, dass wir die Mentalität der Spaltung ablegen, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird.“

    Auf dieser Linie liegt, dass sich Rai um ökumenische Vernetzung bemüht. Reisen führten den im März 2011 zum Nachfolger von Kardinal Nasrallah Sfeir gewählten Patriarchen in rascher Abfolge mit wichtigen orthodoxen Kirchenführern zusammen. So hatte er im November vergangenen Jahres in Kairo an der Inthronisation des neuen koptisch-orthodoxen Patriarchen Tawadros II. teil genommen. Mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I., dem in Istanbul residierenden Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie, war er ebenso zusammengetroffen wie mit dem orthodoxen Erzbischof von Athen und Griechenland, Hieronymus. Besonderes Aufsehen erregte Anfang Februar seine Teilnahme an der Inthronisation des griechisch-orthodoxen Patriarchen von Antiochien, Johannes X. Erstmals überhaupt reiste damit ein maronitischer Patriarch nach Syrien. Im Libanon selbst war die Reise hoch umstritten. Der Besuch in Damaskus wurde als Parteinahme für das Assad-Regime gewertet und im Libanon heftig kritisiert. Der Kardinal verwahrte sich gegen solche Deutungen und betonte, dass sein Besuch ausschließlich pastoralen Charakter gehabt habe. Tatsächlich fordert er aber konträr zur westlichen und sunnitischen Linie immer wieder die Einrichtung eines Runden Tisches in Syrien, an dem auch Präsident Assad zu sitzen habe. Gegenüber dem Autor sagte er Ende Februar: „Wenn die internationale Gemeinschaft wirklich Frieden und Demokratie in Syrien zum Wohl des Volkes will, muss sie helfen, einen Runden Tisch mit beiden Seiten einzurichten. Das Land, das eine große Kultur, auch eine christliche, hervorgebracht hat, ist dabei, auseinanderzufallen und sich aufzulösen.“ Damit liegt Rai auf derselben Linie wie die russische Orthodoxie. Noch vor Beginn des Konklaves reiste der Kardinal deshalb nach Moskau, um mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. auf dessen Einladung hin zusammenzutreffen. Im Mittelpunkt stand dabei die gemeinsame Sorge um die Lage der syrischen Christen. Deren Aufnahme im Westen lehnt er ab. Gleichzeitig beklagte der Kardinal die Destabilisierung des Libanon durch Hunderttausende syrischer Flüchtlinge, die in den Nachbarstaat strömen.

    Treffen dieser Art sollen den Boden bereiten für ein Gipfeltreffen aller christlichen Patriarchen des Nahen Ostens. Das hat Rai Anfang März in Rom angekündigt. Dort sagte er: „Die mögliche Rückkehr zu einer vollen Einheit wird auf höchster Ebene erörtert. Unterdessen können wir die Gemeinschaft konkret durch die Verkündigung des Evangeliums und gemeinsamer Initiativen auf sozialer, karitativer und kultureller Ebene fördern. Es handelt sich um konkrete Ökumene ohne große Reden.“