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    Zwei Matratzen als Startkapital

    Wie es ihrer Familie geht? Aria Saleh ist den Tränen nahe. Tapfer unterdrückt die 24-jährige Syrerin ihren Schmerz. Seit einem Jahr hat die Studentin nichts mehr von ihren Angehörigen gehört, sagt sie; sie weiß nicht, ob sie tot sind oder sich ins Ausland abgesetzt haben, wie fast neun Millionen ihrer Landsleute, die vor allem nach Jordanien, den Libanon und in die Türkei geflohen sind. Eigentlich fühle sie sich in Deutschland „pudelwohl“, sagt sie. Das Wort hat sie kürzlich im Deutschkurs an der Volkshochschule gelernt. Doch nachts quäle sie der Gedanke, was aus ihren Eltern, den fünf Geschwistern und dem Hauskater Nemo geworden ist, der sich immer in der Küche ihres Hauses in der Hafenmetropole Latakia zum Schlafen in sein Körbchen gelegt hat.

    Erlebnisse, die sich in die Seele fressen: Syrische Flüchtlinge, die nun in Deutschland in Sicherheit sind, leiden oft a... Foto: Symbolbild: dpa

    Wie es ihrer Familie geht? Aria Saleh ist den Tränen nahe. Tapfer unterdrückt die 24-jährige Syrerin ihren Schmerz. Seit einem Jahr hat die Studentin nichts mehr von ihren Angehörigen gehört, sagt sie; sie weiß nicht, ob sie tot sind oder sich ins Ausland abgesetzt haben, wie fast neun Millionen ihrer Landsleute, die vor allem nach Jordanien, den Libanon und in die Türkei geflohen sind. Eigentlich fühle sie sich in Deutschland „pudelwohl“, sagt sie. Das Wort hat sie kürzlich im Deutschkurs an der Volkshochschule gelernt. Doch nachts quäle sie der Gedanke, was aus ihren Eltern, den fünf Geschwistern und dem Hauskater Nemo geworden ist, der sich immer in der Küche ihres Hauses in der Hafenmetropole Latakia zum Schlafen in sein Körbchen gelegt hat.

    Zu Newroz, dem kurdischen Neujahrsfest, dessen Wurzeln bis in die Zeit der orientalischen Hochkulturen vor Christi Geburt zurückreichen, haben sich zum Frühlingsbeginn in Braunschweig syrische Flüchtlinge aus ganz Niedersachsen versammelt, um wenigstens für Stunden die Schrecken ihrer Flucht zu vergessen. Newroz ist kein religiöses Fest, sondern eher ein Brauch, mit dem im Orient der Übergang von der kalten zur warmen Jahreszeit und damit der immer gleich bleibende Lebenszyklus zwischen Geburt und Sterben in einen festlichen Rahmen gegossen wird.

    Sterben und Tod sind für die Flüchtlingen aus dem Nahen Osten keine Unbekannten, im Gegenteil: Zwar leben sie hierzulande in Sicherheit, doch die Bilder der Vergangenheit, zerstörte Städte und Leichenberge, werden viele nicht los. Was Bürger hierzulande nur aus dem Fernsehen kennen, haben viele Flüchtlinge über Wochen und Monate am eigenen Leib erfahren, bevor sie unter oft dramatischen Umständen dem Inferno des Bürgerkrieges entkommen konnten; ein Konflikt, der ihr Land seit nunmehr drei Jahren im Griff hat und bei dem noch lange kein Ende abzusehen ist. Wirklich „verstehen“ können diese Menschen wahrscheinlich nur jene Deutschen, die im Winter 1945 selbst über Nacht aus Ostpreußen vor den heranrückenden Sowjettruppen fliehen mussten. Und wissen, was Flucht und Vertreibung, der Verlust der Heimat bedeuten.

    Wie anders dagegen das Leben in Deutschland, in Braunschweig, der pulsierenden Multi-Kulti-Stadt im Norden, mit dem Löwen im Wappen, wo Menschen aus aller Herren Länder seit Jahrzehnten in Frieden und Wohlstand zusammenleben. Fast scheint es, als sei Newroz ein fester Bestandteil hiesiger Kultur, eine Brücke vom Orient in den Westen geworden. Die Frauen tragen an diesem Abend bunte Kleider. Es gibt alkoholfreie Kaltgetränke und traditionelle kurdische Küche mit gebratenem Gemüse, Reis und Lammfleisch. Im Hintergrund lädt orientalische Musik zum Tanzen ein. „Newroz ist immer auch ein Familienfest“, sagt Aria, gekleidet in festlichen Gewändern, in die sich die Frauen hüllen, um die bewundernden Blicke der Männer auf sich zu ziehen. Das letzte Mal habe sie das kurdische Neujahrsfest vor fünf Jahren in ihrer Geburtsstadt Qamischli nahe der türkischen Grenze gefeiert, sagt sie. Doch immer mehr verwischen die Erinnerungen an die Vergangenheit. Auf alten Fotos ist sie als Teenagerin zu sehen, in einem gelben seidenen Kleid und hoch toupierten Haaren, in die kunstvoll Spangen geflochten sind, Bilder aus besseren Tagen, unter freiem Himmel, wo die Kurden traditionell ihr Newroz-Fest begehen. Nun feiern Aria Saleh und ihr jüngerer Bruder Newroz zum ersten Mal in Deutschland, in einem großen Festsaal. Das März-Wetter in Norddeutschland ist unberechenbar. „Wie schön es hier ist“, sagt Aria, während sie sich mühsam ein Lächeln abringt. Ob das Gesagte ihrer Gefühlswelt entspricht? Unter Arias Augen sind Schatten sichtbar. Auch die an diesem Abend dick aufgetragene Schminke konnte daran nichts ändern.

    Vor eineinhalb Jahren kam die Tochter eines syrischen Unternehmers, der hochwertige Landbaumaschinen aus der EU in den gesamten Orient bis nach Indien importierte, als Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland. Das Grenzdurchgangslager Friedland nahe Thüringen war ihre erste Station, nach einer langen Odyssee über die Türkei und den Balkan. Wochenlang waren Aria Saleh und ihr Bruder auf der berühmten Magistrale an der Adria entlang getrampt, weil sie kein Geld für den Bus hatten. Manchmal haben ihnen Anwohner zu essen gegeben. Und einmal war eine Urlauberfamilie aus Dänemark so nett, ihnen ihren Picknickkorb zu überlassen, erzählt Aria von ihrer abenteuerlichen Flucht aus der zerstörten Heimat. In Kroatiens Hauptstadt Zagreb haben sich die Geschwister für einige Monate als Spülhilfen in einer Pizzeria durchgeschlagen, bis ein Verwandter Geld für ein Bahnticket schickte und sie kurze Zeit später mit einer kleinen Sporttasche auf dem Göttinger Hauptbahnhof standen.

    Die ersten Monate in der Bundesrepublik habe sie nur apathisch in ihrer Unterkunft vor sich hin gewuselt, kaum fähig, einen klaren Gedanken zu fassen, mit Zukunftsängsten, Depressionen und Selbstmordgedanken. „Zu schwer wogen die Bilder in meinem Kopf“, erzählt die junge Frau, die vor ihrer Flucht an der bekannten Tischrin-Universität in Latakia Anglistik und Kunstgeschichte studiert hat und davon träumte, eines Tages kurdische Literatur ins Englische zu übersetzen. „Damit die Welt mehr von unserem Volk erfährt“, sagt Aria. Literatur sei dazu das beste Mittel, ist die Kurdin überzeugt, besser als Krieg und all die Negativmeldungen, die im Westen über den Nahen Osten kursieren. In Latakia hat sich Aria auch kurzzeitig als Textildesignerin versucht, sagt sie, und zusammen mit ihrer Tante Eigenkreationen an Touristinnen aus aller Welt verkauft. „Zu uns kamen Frauen aus Japan und Russland, die sich für orientalische Mode interessierten“, berichtet die junge Frau von ihrem Leben in der Hafenstadt, die vor dem Bürgerkrieg als „Saint Tropez“ des Nahen Ostens galt.

    Doch der Traum von einem Leben als Übersetzerin und Modedesignerin zerplatzte, als 2011 in Syrien verfeindete Gruppen mit Waffengewalt aufeinander losgingen. Mit Ersparnissen von Verwandten gelang Aria und ihrem damals 19-jährigen Bruder die Flucht nach Europa. Viele ihrer Studienkollegen seien inzwischen tot, sagt Aria, gefallen als zwangsrekrutierte Kämpfer, bei Massenvergewaltigungen und öffentlich inszenierten Hinrichtungen des Assad-Regimes ums Leben gekommen. Erst vor wenigen Tagen habe sie wieder eine traurige Nachricht von Verwandten aus dem Libanon bekommen.

    In Deutschland mussten sie bei Null anfangen – mit wenig Geld und großer Hoffnung. In einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung am Rande Hannovers sind sie inzwischen untergekommen, mit gebrauchten Möbeln, ausgetretenen Gummiböden und einer alten Waschmaschine, bei der schon zweimal der Schlauch gerissen ist. „Ich lerne jeden Tag Deutsch, das ist erst einmal das Wichtigste“, sagt Aria, die immer eine kleine deutsche Grammatik mit sich herumträgt. „Es ist wichtig, dass ich die neuen Wörter aufschreibe, dann merke ich sie mir besser, das Internet ist da eher hinderlich“, sagt sie. Besonders schwer sei es, Arbeit zu finden, denn selbst für Aushilfsjobs und auch als Babysitter seien gute Deutschkenntnisse gefragt. Immer wenn sie oder ihr Bruder auf eine Annonce reagierten, würden sie auf Ablehnung stoßen; ihres gebrochenen Deutsch wegen und weil das Visum nur drei Jahre gültig ist. Wenn im nächsten Jahr der Mindestlohn kommt, dürfte es für Menschen wie Aria Saleh auf dem Arbeitsmarkt noch schwieriger werden. Noch immer haben sie vom Jobcenter keine Möbel bekommen, sagt sie, nur die Aussage, dass sie womöglich Anrecht auf einen Gutschein haben, um sich bei der Diakonie gebrauchte Betten, einen Schrank und endlich einen Tisch zu organisieren. Auch nach mehr als einem Jahr in Deutschland spielt sich das Leben von Aria nd ihrem Bruder auf zwei alten Matratzen ab, auf denen sie lernen, schlafen und von einer besseren Zukunft träumen.