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    Neuheidnische Formen nicht nur zur Weihnachtszeit – Beobachtungen zwischen den Jahren. Von Jürgen Liminski

    Wintersonnenwende in Stonehenge
    Wintersonnwendfeiern wie hier in Stonehenge haben heidnische Wurzeln. Foto: dpa

    Jedem Land sein Heidentum. Besonders um die Weihnachts-und Osterzeit werden die unterschiedlichen Formen sichtbar. Beispiel Frankreich: Der Präfekt des Departements Herault bemühte die Gerichte, um die Krippe im Rathaus von Beziers zu „vertreiben“. Natürlich im Namen der Laizité. Aber dass es um die Vertreibung christlicher Symbole aus dem öffentlichen Raum ging, zeigt die Präsenz der Präfektur und anderer behördlicher Vertreter beim öffentlich begangenen jüdischen Fest Hanuka. Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Nichts gegen das jüdische Fest, es ist gut, wenn auch diese französische Tradition öffentlich in Ehren gehalten wird. Es geht nur um das doppelte Maß oder genauer: um den antichristlichen Furor.

    Neuheidnischer Furor auch in der Presse. Das Wochenmagazin Marianne veröffentlicht eine hundertseitige Sondernummer unter dem Titel: Integristes et fous de Dieu – Integristen und Verrückte Gottes. In dieser Sonderausgabe zu Weihnachten werden praktizierende Katholiken in die Nähe von islamistischen Gotteskriegern gerückt. Sie hätten sozusagen identische Motivationen. Integrismus wird definiert als Primat des Geistlichen oder der Religion über alles Weltliche. Und natürlich werden einige Aussagen von Päpsten aus dem Mittelalter zitiert als Belege für das Denken vieler Katholiken heute, so als ob ein zu Gewalt und Macht drängender Kreuzzugsgedanke heute noch lebendig wäre. Es versteht sich von selbst, dass auch katholische Schriftsteller wie Leon Bloy, Paul Claudel, Louis Veuillot oder Louis de Bonald und andere in diesen Topf des geistigen Allerlei eingerührt werden. Das glaubt man dem revolutionären Erbe des Laizismus schuldig zu sein.

    Die Deutschen haben ihr eigenes, neuheidnisches Allerlei. Da gibt es die Wintersonnwendfeier oder auch die Waldweihnacht, die nicht nur in Göppingen touristisch aufgemotzt daherkommt, sondern auch im katholischen Bayern, etwa in Erlangen, Dorsten oder Deggendorf. Da gibt es magische Momente mit Feuerzauber und Geschichten vom finnischen Weihnachtsmann und Märchen aus einer Feenwelt, es wird gesungen und statt Stille Nacht ertönt das Lied von der Hohen Nacht der klaren Sterne. Diese nordischen Riten sind deshalb so deutsch, weil sie vor achtzig Jahren von den Nationalsozialisten stark gefördert wurden als bewusste und gewollte Gegenveranstaltungen zum christlichen Weihnachtsfest. Diese Vergangenheit hat man in Deggendorf oder an anderen Orten, wo selbst in christlichen Kreisen diese neuheidnischen Bräuche wiederbelebt werden, sicher oder hoffentlich nicht im Sinn.

    Aber gerade diese Geschichtsvergessenheit ist es, die in doppelter Weise bedenklich stimmt. Zum einen betrifft sie die allezeit lauernde Gefahr geistiger Verflachung und Vergesslichkeit. Zum anderen aber, und das ist schlimmer, die Neigung, durch diese Verflachung auch den menschlichen Fortschritt zu verdrängen, den das Christentum Europa und der Welt bis heute gebracht hat. Der nicht gerade kirchenfreundliche Schriftsteller Heinrich Böll hat sich in seiner berühmten Satire „Nicht nur zur Weihnachtszeit“, in der jeden Tag Weihnachten ist, weil eine demente und vermögende Verwandtschaft das so will, keineswegs über das Fest der Liebe und über die Christen lustig machen wollen. Im Gegenteil, von dem Kölner Nobelpreisträger für Literatur stammt auch der sehr ernst gemeinte Satz: „Die schlechteste christliche Gesellschaft ziehe ich noch tausendmal der besten heidnischen Gesellschaft vor. Denn in keiner wirklich heidnischen Gesellschaft hat es jemals Platz gegeben für Waisenkinder, psychisch Kranke, Arme und Behinderte.“

    Wer die Debatten im Bundestag und in den Medien hierzulande über Ehe, Leihmutterschaft, Spätabtreibung, aktive Sterbehilfe und so weiter in den letzten Jahren und Monaten verfolgt hat, kann sich fragen: Gibt es noch Platz für Arme, Kranke, Behinderte in Deutschland? In der UNO gibt es Bestrebungen, Abtreibung als ein Recht zu definieren und zwar im Rang eines Menschenrechts. Das dürfte bald auch in Deutschland diskutiert werden. Niemand in der politischen Klasse will die Abtreibung als solche in Frage stellen. Man könne und wolle den gesellschaftlichen Konsens darüber nicht aufbrechen, das Thema sei emotionell zu stark beladen, heißt es zum Beispiel bei der CDU. Muss man, wenn schon nicht aus moralischen, so doch wenigstens aus mathematischen Gründen – Stichwort Demographie – neu darüber diskutieren?

    Bei all diesen Fragen, hinter denen ein Neuheidentum lauert, sind die Christen gefordert und viele fragen sich: Hat die Kirche noch die Kraft, eine gesellschaftliche Debatte zu diesen Fragen anzustoßen? Oder hat sie sich damit abgefunden, dass es keinen Platz mehr gibt in der Herberge für ungeborene Kinder, die zur Unzeit kommen, für Alte, die wegen ihrer Demenz auf ihr Personsein zurückgeworfen sind, für Arme, die dieses Jahr nicht am Konsum im Wert von „95 Milliarden Euro für das Fest der Liebe“, wie der deutsche Einzelhandel es formuliert, teilnehmen durften?

    Man kann sich echauffieren über solche Zahlen oder sich an ihnen auch erfreuen. Die Wirtschaft brummt. Aber unabhängig von allen Konsum- und Neiddebatten oder Armutsdiskussionen stehen solche Zukunftsfragen: „Ist der gesunkene geistige Grundwasserspiegel, ist die Mittelmäßigkeit das Maß der Christenheit geworden? Braucht Europa mehr Fundamentalismus? Der französische Schriftsteller Georges Bernanos, dem wir unter anderem die Tagebuch-Aufzeichnungen eines Landpfarrers verdanken, hat einmal geschrieben: „Das Unglück dieser Welt, der Jammer unserer Zeit ist nicht, dass es so viele ungläubige Menschen gibt, sondern dass wir Gläubige so mittelmäßige Christen sind.“

    Der Befund des Bernanos gilt natürlich nicht nur für C-Politiker oder geistliche Hirten, er gilt für alle Christen. Es reicht auch nicht, ein vergiftetes gesellschaftliches Klima auszumachen, wie der Fraktionschef der Union, Volker Kauder, das tat und dabei die Brunnenvergifter rechts im politischen Spektrum ausmachte. Die gibt es dort auch zuhauf. Aber es gibt eben auch ein anderes Gift, das den gesellschaftlichen Leim löst, das die Demokratie schleichend entkräftet, das die Wertesysteme zerfrisst und hier finden sich etliche Vergifter auch in den Reihen der Union. Es ist der Relativismus.

    Er kanalisiert den öffentlichen Diskurs zum Mainstream und führt zu einem Einheitsdenken, dessen Reaktion wiederum zur Polarisierung der Gesellschaft treibt. Papst em. Benedikt XVI. sprach mit Recht von der Diktatur des Relativismus. Es geht dabei um mehr als gesellschaftlich notwendige Werte wie Toleranz und soziale Kompetenz. Es geht um Wahrheit.

    Bei dieser Vokabel schauen sich im Adenauerhaus viele nach einem Waschbecken um. Kein Zweifel, die Jünger des Pilatus stellen in der Union – in den anderen Parteien schon lange – die Mehrheit. Keiner fragt mehr nach Wahrheit, nach der Verfasstheit des Menschen, nach seiner geistigen Natur. Ohne diese ewige Frage aber verliert sich das Humanum. Schon Romano Guardini sah die „Unmenschlichkeit des Menschen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Verdrängen von Wahrheit und dem Vergessen Gottes.

    Das ist es, was die Welt aus den Fugen löst, auch in Deutschland. Das ist es, was das Neuheidentum nach oben spült. Vielleicht wäre es einen Vorsatz wert, im neuen Jahr den Willen zur Wahrheit zu schärfen und dabei auch mehr Fundamentalismus zu wagen.

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