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    Wo es um das Leben geht, muss die Kirche ihre Stimme erheben

    „Die Kirche kann und darf den politischen Kampf nicht an sich reißen. (....) Sie kann und darf sich nicht an die Stelle des Staates setzen. Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben“. Diese Worte, die Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ geschrieben hat, können stets als Fundamentdienen, wenn man dazu aufgerufen ist, das Thema der Beziehungen zwischen Kirche und Politik zu behandeln. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass wir in einer Zeit tiefgreifender sozialer Veränderungen leben, die die Denkweise und darum das Verhalten der Menschen berühren. Bei den Themen, die von der Gesellschaft diskutiert werden, handelt es sich heute oft um Fragen aus dem Bereich der Bioethik. Sie stellen eine echte Herausforderung für die Parlamente der westlichen Länder dar.

    „Die Kirche kann und darf den politischen Kampf nicht an sich reißen. (....) Sie kann und darf sich nicht an die Stelle des Staates setzen. Aber sie kann und darf im Ringen um Gerechtigkeit auch nicht abseits bleiben“. Diese Worte, die Benedikt XVI. in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ geschrieben hat, können stets als Fundamentdienen, wenn man dazu aufgerufen ist, das Thema der Beziehungen zwischen Kirche und Politik zu behandeln. Wir können nicht darüber hinwegsehen, dass wir in einer Zeit tiefgreifender sozialer Veränderungen leben, die die Denkweise und darum das Verhalten der Menschen berühren. Bei den Themen, die von der Gesellschaft diskutiert werden, handelt es sich heute oft um Fragen aus dem Bereich der Bioethik. Sie stellen eine echte Herausforderung für die Parlamente der westlichen Länder dar.

    So ist heute ein Mangel an Konsens über den Wert des menschlichen Lebens in den ersten Phasen seiner Entwicklung feststellbar. Nicht selten stößt man auf Aussagen, die dem Embryo jede Würde absprechen, da es sich noch nicht um ein voll ausgebildetes menschliches Leben handle. Eine andere Frage berührt die sogenannte „In-vitro-Fertilisation“. Die neuen Technologien, die bei der Befruchtung angewendet werden, bringen zuerst den Begriff der natürlichen Vaterschaft und Mutterschaft ins Wanken und tragen stark dazu bei, auch die Vorstellung von der Familie zu verändern. Die Folgen einer solchen Technik sind nicht unbedeutend, vor allem was den Begriff der Liebe angeht, die stets die Grundlage einer Beziehung im Hinblick auf die Fortpflanzung gebildet hat. Diese Voraussetzung wird heute im Rahmen einer kulturellen Tendenz, die sich allmählich durchsetzt, nicht mehr als unbedingt notwendig angesehen, um ein neues Leben anzunehmen. Was zählt, ist einzig der Wunsch des Einzelnen nach Vaterschaft oder Mutterschaft, unabhängig davon, ob es sich um eine monogame Familie von Personen verschiedenen Geschlechts handelt. Die Verfahren für diese Art von Befruchtung sind genauso unterschiedlich wie die damit verbundenen Kosten und Gewinne. Die Praxis der Kryokonservierung versetzt Tausende von Embryonen in einen künstlichen Schlaf, in dem sie auf tragische Weise zwischen der Zerstörung oder der Wiederbelebung für ein grausames Experimentieren aus rein instrumentellem Nutzen schweben.

    Unlogisch, dass Forscher auf embryonale Stammzellen setzen

    Das Experimentieren mit embryonalen Stammzellen hängt damit zusammen. Zahlreiche Wissenschaftler erklären nicht ohne Grund, dass die Entdeckung der Bedeutung von Stammzellen unerwartete Perspektiven im Hinblick auf die Überwindung vieler Krankheiten eröffnet. Bekanntlich lassen sich diese Zellen aus dem Blut, aus den Nerven- oder Muskelzentren gewinnen – es handelt sich also um eine wahre Fundgrube an Zellen, die in der Lage sind, optimale Ergebnisse zu erzielen. Es gibt zwei Arten von Stammzellen: die „embryonalen“ und die „adulten“. Tatsächlich haben die Versuche bislang ermöglicht, wirklich aufsehenerregende Ergebnisse bei der Anwendung von adulten Stammzellen zu erreichen, während die Anwendung embryonaler Stammzellen zu keinem Ergebnis geführt hat. Was im ethischen Bereich Schwierigkeiten bereitet, ist die Verwendung embryonaler Stammzellen, da Versuche mit ihnen die Würde des Embryos missachten, weil hier absichtlich ein menschliches Leben verhindert wird, das nicht auf Kosten des bereits im Embryo vorhandenen individuellen Lebens zu instrumentellen Zwecken verwendet werden dürfte. Es ist nicht zu verstehen, dass einige Wissenschaftler mit diesen Versuchen fortfahren wollen, menschliche Wesen zerstören sowie ethische Konflikte schaffen, wenn das gleiche Verfahren mit adulten Stammzellen möglich ist. Diese können, wenn sie einer speziellen Behandlung der „Rückprogrammierung“ unterzogen werden, wieder in den gleichen Zustand der Undifferenziertheit gebracht werden wie die embryonalen Stammzellen.

    Ein weiteres Feld für bioethische Konflikte ergibt sich durch eugenische Experimente. Die Genforschung erstreckt sich von ihrem Wesen her auf verschiedene Bereiche: das reicht von der Biomedizin zu rechtlichen Fragen, von philosophischen und theologischen bis zu soziologischen und psychologischen Überlegungen. Niemandem kann entgehen, dass eine solche Thematik immer häufiger einen ständigen Bezugspunkt der Medizin darstellt. Vor allem nach der Entdeckung des Genoms und der daraus folgenden Erkenntnis eines großen Teils der besonderen Eigenschaften des genetischen Erbes eines jeden von uns.

    Die genetischen Errungenschaften sind Teil eines ständigen technologischen Fortschritts, der keine Grenzen mehr zu kennen scheint. Die verschiedenen Zielsetzungen, die mit der Genforschung verbunden sind, sind nicht schwer zu erkennen: das erste und grundlegende Ziel besteht in der Diagnostik, wo ein weiter Anwendungsbereich festgestellt werden kann und wo die wachsende Nachfrage – die offen gestanden nicht immer den vermarkteten Vorteilen entspricht – ihre Wirkung zeigt. Auf dieser Ebene erstreckt sich die Technik darauf, vor der Ehe und vor der Zeugung die Möglichkeit zu prüfen, ob es sich um Träger verschiedener Pathologien handelt oder nicht. Die gleiche Anwendung erfolgt heute jedoch auch auf pränataler Ebene und bringt, wie man sich vorstellen kann, keine unwesentlichen Probleme ethischer Natur mit sich.

    Bekanntermaßen hat die Genetik außerdem therapeutische Ziele, die bei somatischen Zellen oder dem Embryo im Frühstadium Anwendung finden. Man darf schließlich die produktive Zielsetzung nicht vergessen, die vor allem im pharmakologischen Bereich auf großes Interesse stößt. Es wäre naiv, weitere Formen unerwähnt zu lassen, die sich in unseren Tagen in der Genforschung finden, wie das Ziel der Veränderung, das auf Personen sowie auch im tierischen oder pflanzlichen Bereich angewendet wird. Allein diese Betrachtungen zeigen, in welchem Umfang die Selektion von Individuen, die gesünder sind und bestimmte Eigenschaften besitzen, bereits möglich ist. Die wirkliche Herausforderung, die sich am Horizont abzeichnet, scheint also gerade im Bereich der Genetik zu liegen.

    Es bleibt schließlich noch die Frage des „living will“: ein Ausdruck, der den verschiedenen rechtlichen und legislativen Traditionen entsprechend auf unterschiedliche Weise übersetzt wird. Hinter der scheinbaren Harmlosigkeit dieses Ausdrucks verbirgt sich eine Problematik, die alles andere als unwesentlich ist. Das biologische Testament stellt tatsächlich das Prinzip der Selbstbestimmung heraus, das in den Verfügungen zum Ausdruck kommt, die jeder im Hinblick auf das Ende seines Lebens im voraus erlassen kann. Hieraus ergeben sich unweigerlich einige Fragen hinsichtlich einer genaueren Erklärung des Prinzips der Selbstbestimmung.

    Schwierige Frage der Selbstbestimmung am Ende des Lebens

    Kann ich von nun an bestimmen, welche Behandlung ich ablehnen kann, ohne eine entsprechende Kenntnis über die bestimmte Krankheiten betreffende Forschung zu haben? Kann ich den Willen der anderen determinieren, meinen Willen zu sterben, auszuführen? Auf welche Weise wird die Würde der Person bewahrt, wenn ihr Gehirn keinerlei Aktivität mehr aufweist? Es ist offenkundig, dass es hier nicht um die Ablehnung geht, um jeden Preis auf künstliche Weise am Leben erhalten zu werden, sondern vielmehr um die Entscheidung, dem eigenen Leben im Moment des Todes die gewollte Richtung zu geben.

    Diese einfache Veranschaulichung zeigt den Bereich, dem sich auch die Politik stellen muss, um Grundsätze festzulegen, die die konsequente Achtung für das menschliche Leben von seinem Entstehen bis zu seinem natürlichen Tod zulassen. Dort, wo das menschliche Leben gefördert und geschützt werden muss, kann die Kirche nicht ausgegrenzt werden. Sie hat vielmehr die Pflicht, ihre Stimme zu erheben, um dem Gesetzgeber weitere Faktoren zu liefern, mit denen er sich auseinandersetzen muss, um zu einer Gesetzgebung zu finden, die die Würde der Person und jedes menschlichen Wesens achtet. Ein wirkliches Verständnis vom christlichen Laien im politischen Leben erfordert außerdem, auf alle Instanzen der Gesellschaft zu hören. Die Präsenz katholischer Parlamentarier muss in einem Parlament auch diese Dimension des konkreten Laientums bezeugen, das alle annimmt, ohne jemanden auszuschließen, sowie vor allem die christliche Komponente, welche die Identität unserer Völker bildet. Der Dienst, den die Politik dem Land und der Gesellschaft in ihren verschiedenen Ausdrucksformen leisten muss, besteht daher gerade darin, den Vorrang des personalen Lebens herauszustellen, damit die junge Generation im Gefühl für die Achtung und Bewahrung dessen ausgebildet wird, was unseren kostbarsten Besitz darstellt und anzuerkennen, dass es sich um ein Geschenk handelt, das wir empfangen haben und das als solches für keinerlei Instrumentalisierung verfügbar ist.

    Von Erzbischof Rino Fisichella