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    „Wir wollen Häuser und Wasser“

    Regenbogennation nennt man das Land an der Südspitze Afrikas, wegen der vielen, verschiedenen Ethnien, die hier relativ friedlich zusammenleben. Heute auf dem besten Weg, eine attraktive Multikulti-Gesellschaft zu werden, herrschte in Südafrika lange Zeit ein System von Ungerechtigkeit und Unterdrückung: die Apartheid. Eigentlich ist Apartheid ein harmloses Wort aus dem Afrikaans und steht für Gesondertheit beziehungsweise Trennung. Es hat aber als Begriff einer Jahrzehnte dauernden strikten Rassentrennung in Südafrika seine Belanglosigkeit verloren. Apartheid steht für die systematische Unterdrückung einer nicht weißen Bevölkerungsmehrheit von rund 41 Millionen Menschen durch vier Millionen Weiße. Offiziell endete zwar das Apartheidsregime 1994, an den gravierenden sozialen und gesellschaftlichen Folgen haben südafrikanische Regierungen weiterhin zu tragen. Das bessere Leben, das man der schwarzen Bevölkerung versprochen hatte, ist vielfach ein Wunschtraum geblieben. Und der Kontrast von Arm und Reich verläuft häufig immer noch entlang ethnischer Bruchlinien. Auch der jetzige Präsident Jacob Zuma versprach ein besseres Leben für alle. Mit großem Pathos verpflichtete sich Zuma in seiner Antrittsrede „vor den Augen der Welt“, nicht zu rasten, solange es Menschen mit vermeidbaren Krankheiten, ohne Arbeit und Essen, ohne Wasser und Strom gebe. Es sei keine Zeit mehr für Selbstgefälligkeit, Faulheit und Zynismus. Doch nach nicht einmal 80 Tagen ist die Enttäuschung groß.

    Regenbogennation nennt man das Land an der Südspitze Afrikas, wegen der vielen, verschiedenen Ethnien, die hier relativ friedlich zusammenleben. Heute auf dem besten Weg, eine attraktive Multikulti-Gesellschaft zu werden, herrschte in Südafrika lange Zeit ein System von Ungerechtigkeit und Unterdrückung: die Apartheid. Eigentlich ist Apartheid ein harmloses Wort aus dem Afrikaans und steht für Gesondertheit beziehungsweise Trennung. Es hat aber als Begriff einer Jahrzehnte dauernden strikten Rassentrennung in Südafrika seine Belanglosigkeit verloren. Apartheid steht für die systematische Unterdrückung einer nicht weißen Bevölkerungsmehrheit von rund 41 Millionen Menschen durch vier Millionen Weiße. Offiziell endete zwar das Apartheidsregime 1994, an den gravierenden sozialen und gesellschaftlichen Folgen haben südafrikanische Regierungen weiterhin zu tragen. Das bessere Leben, das man der schwarzen Bevölkerung versprochen hatte, ist vielfach ein Wunschtraum geblieben. Und der Kontrast von Arm und Reich verläuft häufig immer noch entlang ethnischer Bruchlinien. Auch der jetzige Präsident Jacob Zuma versprach ein besseres Leben für alle. Mit großem Pathos verpflichtete sich Zuma in seiner Antrittsrede „vor den Augen der Welt“, nicht zu rasten, solange es Menschen mit vermeidbaren Krankheiten, ohne Arbeit und Essen, ohne Wasser und Strom gebe. Es sei keine Zeit mehr für Selbstgefälligkeit, Faulheit und Zynismus. Doch nach nicht einmal 80 Tagen ist die Enttäuschung groß.

    Eine Welle sozialer Unruhen schwappt über das Land. Die Massen machen ihrem Ärger Luft. Wichtige Straßen werden blockiert, Barrikaden brennen. In einem Township im Nordwesten wurden Zuwanderer angegriffen und ihre Geschäfte ausgeraubt. In Durban plünderten Arbeitslose zwei große Supermärkte. Die Chefin der Arbeitslosenbewegung UPM, Nozipho Mteshane, rechtfertigt die Aktion als Mundraub: „Die Menschen hungern, die Regierung muss Arbeitslosen eine Stütze von wenigstens 1 500 Rand (etwa 140 Euro), geben.“ Präsident Zuma steht aufgrund von Streiks im öffentlichen Dienst und in der Privatwirtschaft, etwa in der Papier- und Chemiebranche, unter Druck. Bedienstete in den Kommunen drohen im Kampf um höhere Löhne mit einem Ausstand.

    Südafrika erlebt gerade seine erste Rezession seit 17 Jahren. Einer Studie zufolge haben bereits 400 000 Menschen durch die globale Krise ihre Arbeit verloren. 42 Prozent von ihnen kommen nach eigenen Angaben finanziell nicht mehr über die Runden. Das allgemeine Armutsniveau liegt ohnehin schon bei 47 Prozent. Der Volkszorn beginnt sich zu entladen: „Wir wollen Häuser!“, fordern sie im Süden Johannesburgs: „Seit 20 Jahren hat sich hier nichts verändert. Diesmal protestieren wir, bis sie uns zuhören. Wir haben nicht mal Klos und Wasser hier, unsere Kinder werden krank.“ Andere sagen: „Wir sind schon so oft vergeblich marschiert, aber diesmal fordern wir es wirklich ein.“ Präsident Zuma hat den Kampf gegen die Armut zu seinem Hauptziel erklärt. Er machte den Großindustriellen Tokyo Sexwale zu seinem Wohnungsminister. Der ANC hat nach eigenen Angaben in 15 Jahren Regierung zwar knapp drei Millionen Billighäuser gebaut. Das ist aber längst nicht genug. Es ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Volkszorn richtete sich auch wieder gegen Zuwanderer aus anderen Teilen des Kontinents. Die Szenen erinnerten an die ausländerfeindlichen Attacken in Südafrika vor gut einem Jahr.

    Die fremdenfeindlichen Übergriffe haben eigentlich nie ganz aufgehört. Die Situation kann jederzeit wieder eskalieren. Dabei wurde niemand für das zur Rechenschaft gezogen, was im vergangenen Jahr geschah. Die offiziellen Quellen sprechen von 62 Toten. Doch dürften bei den rassistischen Exzessen mindestens 80 Menschen ums Leben gekommen sein. Darüber hinaus gab es eine nicht kalkulierbare Zahl von Vergewaltigungen. Trotzdem wurde niemand wegen Mordes oder sexueller Gewalt vor Gericht gestellt. Die Anklagen gegen die an den Übergriffen Beteiligten sind geringfügiger Art: Diebstahl, Landfriedensbruch oder Anstiftung zu Unruhen. In den Polizeiberichten ist allgemein von „normalen Vorkommnissen“ die Rede.

    Erleichterung gab es zunächst nach Ende des einwöchigen Streiks auf den WM-Baustellen in Südafrika. Die etwa 70 000 Bauarbeiter stimmten einer Lohnerhöhung von zwölf Prozent zu, einem Prozentpunkt weniger als von ihnen gefordert. Der Konflikt hatte die pünktliche Fertigstellung der Spielstätten für die Fußballweltmeisterschaft im nächsten Jahr gefährdet. Neben den Neubauten unternimmt Südafrika für den Massenansturm der Fußballfans auch Anstrengungen zur Verbesserung der Infrastruktur. Bauarbeiter in Südafrika verdienen monatlich einen Mindestlohn von 215 Euro. Hilfsarbeiter bekommen oft weniger als 140 Euro. Doch längst ist kein Ende der Streikwelle abzusehen. Der Generalsekretär des größten Gewerkschaftsdachverbandes Cosatu, Zwelinzima Vavi, warnte die Regierung vor einer „explosiven Welle unkontrollierbarer Arbeiterunruhen im ganzen Land“. Gerade der öffentliche Dienst gilt angesichts nicht eingehaltener Regierungsversprechen als „tickende Zeitbombe“. Staatschef Jacob Zuma hingegen lehnt einen Linksruck in der Wirtschaft kategorisch ab und meinte: „Ich schulde niemandem etwas“, was der Gewerkschaftsdachverband Cosatu postwendend als „Kriegserklärung“ bezeichnete. Ungeduldig registrieren neben den Arbeitnehmervertretungen auch die Kommunistische Partei Südafrikas (SACP) und die Jugendorganisation von Zumas Regierungspartei African National Congress (ANC), dass ihre Unterstützung des 67-Jährigen auf dem Weg zur Präsidentschaft bislang nicht in dem erhofften Linksruck mündete.

    Bedrohlich für die Regierung könnten vor allem angedrohte Streiks von Minenarbeitern in den Gold- und Kohleminen des Landes werden. Die Gewerkschaft der Minenarbeiter Südafrikas, die National Union of Mineworkers (NUM) warnte bereits, dass ein Streik in Südafrikas Goldminensektor unmittelbar bevorstehe. Gehaltsverhandlungen mit den Goldminenfirmen sind festgefahren, nachdem diese, etwa AngloGold Ashanti und GoldFields, ein Angebot von sieben Prozent vorlegten. Die Gewerkschaft verlangt für die Arbeiter im Goldsektor 15 Prozent mehr Lohn. Nun stehen als nächstes Schlichtungsgespräche auf dem Programm. Sollte diese Bemühungen um einen Ausgleich zwischen Gewerkschaft und Goldminenfirmen scheitern, wäre man einem Streik einen Schritt näher, in dem mehr als 150 000 Minenarbeiter in den Ausstand treten könnten. Rechnet man die Zuliefererbetriebe hinzu, hängen nahezu 170 000 Arbeitsplätze von den Goldminen ab.

    Südafrika ist der größte Goldproduzent der Welt. Allerdings sinkt sein Anteil am Weltmarkt ständig. Während das Land 1970 noch 80 Prozent des weltweiten Goldes schürfte, sind es derzeit nur noch 14 Prozent. Grund sind zur Neige gehende Ressourcen sowie Exportrückgänge wegen der starken Währung. Südafrikanische Goldminen reichen bis in dreitausend Meter Tiefe unter der Erdoberfläche und zählten lange Zeit zu den unsichersten der Welt. Bei einer der größten Rettungsaktionen in der Bergwerksgeschichte Südafrikas konnten vor zwei Jahren alle 3 200 Bergleute, die nach einem Grubenunglück bis zu eineinhalb Tage in ihrer Goldmine bei Johannesburg eingeschlossen waren, unversehrt in Sicherheit gebracht werden. Johannesburg, das wirtschaftliche Zentrum Südafrikas, heißt auf Tswana eGoli, Ort des Goldes.

    Außer leeren Worten hat die Regierung bisher keine Antwort auf die Streikwelle. „Wir verurteilen die mit den sozialen Protesten verbundene Gewalt und untersuchen ihre Ursachen“, erklärte der Generalsekretär der Regierungspartei ANC, Gwede Mantashe. Der mächtige Chef der Gewerkschaft Cosatu, Sdumo Dlamini, ein enger Verbündeter Zumas, meinte kleinlaut: „Wie berechtigt der Unmut über die Behörden auch sein mag, Gewalt und Ladenplünderungen kann man nicht gutheißen. Denn auch diese Läden sichern Menschen ein Einkommen.“ Und weil der Regierung ohnehin ein Konzept fehlt, greift die Staatsmacht zu Mitteln, wie man es zu Zeiten der Apartheid gewohnt war: die Proteste gewaltsam niederschlagen. So waren jetzt Polizisten mit Tränengas und Gummigeschossen gegen Demonstranten vorgegangen, die die Korruption unter lokalen Vertretern der Regierungspartei ANC angeprangert und eine funktionierende Strom- und Wasserversorgung eingefordert hatten. Zahlreiche Demonstranten wurden verhaftet. Jacob Zuma freilich, dessen Zulu-Name Gedleyihlekisa so viel bedeutet wie „der, der zuletzt lacht“, ist vorerst das Lachen vergangen.

    Von Carl-H. Pierk