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    „Wir müssen jetzt schnell handeln“

    Herr Südhoff, nach der Hungersnot am Horn von Afrika droht in Westafrika mehreren Millionen eine zweite Hungerkatastrophe. Kann man dort noch gegensteuern? Die Chancen stehen noch gut. Aber wir müssen jetzt schnell handeln.

    leitet das Büro des UN Hilfsprogrammes in Berlin. Foto: Archiv

    Herr Südhoff, nach der Hungersnot am Horn von Afrika droht in Westafrika mehreren Millionen eine zweite Hungerkatastrophe. Kann man dort noch gegensteuern?

    Die Chancen stehen noch gut. Aber wir müssen jetzt schnell handeln. Wir wissen seit einiger Zeit, dass mindestens 750 000 Menschen in Niger vom Hunger bedroht sind und, wahrscheinlich selbst nach Schätzungen der Regierung, schon im Januar dort eine Million Menschen Hunger leiden wird. Man kann diesen Menschen helfen, wenn ausreichend Nahrungsmittel ins Land gebracht werden. Derzeit gibt es in Niger zu wenig davon und es braucht zwei bis drei Monate Vorlaufzeit, weil man in der Region kaum Lebensmittel ankaufen kann. Das ist nur ein Beispiel. Wenn man erst handelt, wenn die Krise schon da ist, ist es oft zu spät.

    Aber Nahrungsmittelhilfe allein wird dort auf Dauer keine Lösung sein...

    Das stimmt. Nahrungsmittelhilfe kann immer nur die Nothilfe als letzter Schritt sein, um das Überleben zu sichern, bleibende Schäden bei Kindern zu verhindern, um zu verhindern, dass Viehzüchter ihr Vieh verkaufen müssen und dann dauerhaft abhängig sind von Hilfe. Nachhaltiger ist es, die Menschen in Food-for-Work-Programmen zu unterstützen und sie dazu zu befähigen, Bewässerungskanäle anzulegen oder Dämme zu bauen, um Wasser zu sammeln, um auch in Dürrezeiten ausreichend Wasser zur Bestellung der Felder zu haben. Aber auch bei diesem nachhaltigen Programm müssen wir schnell handeln, damit spätestens beim nächsten Regen und bei der nächsten Ernte der Ertrag höher ist. Das Grundproblem in der ganzen Region ist ja, dass die Ernten dieses Jahr um rund ein Drittel schlechter ausgefallen sind als in den letzten fünf Jahren im Durchschnitt.

    Nach der Katastrophe am Horn von Afrika hat man über Präventionsmaßnahmen gesprochen und ein staatliches Versagen konstatiert. Sieht es in Westafrika ähnlich aus?

    Diese Frage stellt sich auch im Sahel. Man muss Regierungen dazu bringen und befähigen, vernünftige Entwicklungen im ländlichen Raum einzuleiten. Das ist aber derzeit nicht das Grundproblem: Die Ernten waren in den letzten Jahren deutlich höher. In Mauretanien ist die Ernte um fast die Hälfte niedriger. Im Tschad um mehr als ein Drittel. Im Niger um mehr als ein Viertel. Das lässt sich nur mit den sich wandelnden Wetterbedingungen erklären. Wir haben innerhalb der letzten zehn Jahre schon die dritte Dürre in der Sahel-Zone. Das ist extrem ungewöhnlich. Die Menschen haben nicht das Know-how, wie sie auch in Dürrezeiten trotzdem eine brauchbare Ernte einfahren können. Daneben gibt es aber auch grundsätzliche Fragen – und da sind die Regierungen gefordert: Auch ohne Dürre geht in den Ländern etwa ein Drittel der Ernte verloren, weil Kleinbauern keine Kredite bekommen, um ein Lagerhaus zu bauen, oder sich einen Lastwagen zu mieten, um ihre Ernte rechtzeitig in die Stadt zu bekommen. Da gibt es noch viele Maßnahmen, bei denen wir die Regierungen auch nachhaltig unterstützen können.

    Wie beurteilen Sie das Engagement der Bundesregierung in diesem Kontext?

    Die Bundesregierung ist sehr dafür kritisiert worden, dass sie auf die Krise am Horn von Afrika sehr spät reagiert habe. Daraus hat man seine Lehren gezogen: International ist die Bundesrepublik einer der wenigen Geber, die schon jetzt in dieser Phase versuchen, einer Krise vorzubeugen. Wir haben für diverse Länder bereits 5,5 Millionen Euro Zuwendungen vom Entwicklungsministerium erhalten. Und Partner von uns haben weitere Mittel bekommen.

    Die Krise am Horn von Afrika ist aus den Medien verschwunden. Hat sich die Lage entspannt?

    Nein. Die Situation vor Ort ist immer noch dramatisch. Es sind immer noch rund 13 Millionen Menschen, die Hilfe benötigen. Allein wir vom UN World Food Programme müssen an elf Millionen Menschen Ernährungshilfe leisten. Das war auch absehbar, weil die nächste Ernte erst Anfang nächsten Jahres eingefahren werden kann. Unklar ist auch, ob die Ernte besser wird, sodass Nahrungsmittel auf die Märkte kommen. Bis dahin müssen wir die Menschen unterstützen. Obwohl diese Krise wie vergessen erscheint, ist es wichtig, weiter zu helfen.