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    „Wir debattieren in der WG schon über Politik“

    Alkoholexzesse bis zur Bewusstlosigkeit, Prügelattacken und ausufernde Gewalt, Amokläufe und Killerspiele, Kriminalisierung des Internets – um das Image Jugendlicher und ihrer Lebenswelt steht es in den Medien nicht zum Besten. Nur wenig positiver sind Ressentiments und Vorurteile, die man über Politik und Jugend zu hören und lesen bekommt: Kein oder nur wenig Interesse, eine vermutete geringe Wahlbeteiligung, fehlendes politisches Engagement, jugendliche Politikverdrossenheit. Doch stimmt das so? Was denken Jugendliche im Vorfeld der Bundestageswahl über Politik? Haben junge Menschen der politischen Bühne wirklich den Rücken zugekehrt?

    Alkoholexzesse bis zur Bewusstlosigkeit, Prügelattacken und ausufernde Gewalt, Amokläufe und Killerspiele, Kriminalisierung des Internets – um das Image Jugendlicher und ihrer Lebenswelt steht es in den Medien nicht zum Besten. Nur wenig positiver sind Ressentiments und Vorurteile, die man über Politik und Jugend zu hören und lesen bekommt: Kein oder nur wenig Interesse, eine vermutete geringe Wahlbeteiligung, fehlendes politisches Engagement, jugendliche Politikverdrossenheit. Doch stimmt das so? Was denken Jugendliche im Vorfeld der Bundestageswahl über Politik? Haben junge Menschen der politischen Bühne wirklich den Rücken zugekehrt?

    „Viele junge Leute fallen auf das Konzept der Linken rein!“

    Die Shell-Jugendstudie mit dem Titel „Eine pragmatische Generation unter Druck“ aus dem Jahr 2006 zeichnet hierzu ein zweideutiges Bild: Nur 39 Prozent der 15 bis 24-jährigen Jugendlichen interessieren sich für Politik, ein „starkes Interesse“ bekunden lediglich fünf Prozent. Mit steigendem Alter, größerer gesellschaftlicher Verantwortung und einem höheren Bildungsgrad steigt jedoch die Auseinandersetzung mit Politischen sprunghaft an: So schätzen sich mehr als zwei Drittel der Studenten als politisch interessiert ein, bei Gymnasiasten sind es noch 39 Prozent, bei Hauptschülern dann 14 Prozent. Im Gesamt liegen die Ergebnisse aus dem Jahr 2006 immerhin noch um fünf Prozentpunkte höher als 2002, wo ein historischer Tiefpunkt erreicht wurde. Nur noch ein Drittel der Jugendlichen sagten damals, dass sie über Politik sich informierten, redeten oder nachdächten. Eine politikverdrossene junge Generation – glaubt man den nackten Zahlen.

    Michael Kreuzfelder, Pressesprecher beim Bundesvorstand des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ), der die Interessen von rund 650 000 Jugendlichen aus etwa 15 katholischen Kinder- und Jugendverbänden vertritt, sieht das anders: Jugendliche seien sehr darauf bedacht, dass sich die Dinge in ihrem Umfeld zu ihrem Vorteil entwickeln. Politisches Interesse bestehe bei der jungen Generation insbesondere dann, wenn es sie persönlich oder ihr Umfeld betreffe – also Schule, Bildung, kommunale Themen vor Ort, so Kreuzfelder. Die Klischees und Vorurteile vom apathischen Jugendlichen hält er für überkommen. Beim BDKJ habe er die Erfahrung gemacht, dass es viele junge Menschen gebe, die sich für Politik interessieren und engagieren würden. Ja, was meinen denn nun die jungen Staatsbürger selbst?

    Politisches Engagement kommt für die in Lohr am Main geborene Carina Steigerwald im Moment nicht infrage. Späteren politischen Einsatz möchte die 22-Jährige, die in der Ministrantenarbeit groß geworden ist und nun in einem Jugendkirche-Projektteam der Diözese Würzburg mitarbeitet, aber nicht ausschließen. Wählen ist für die Lehramtsstudentin für Theologie und Germanistik Pflicht. „Wahlen sind keine Selbstverständlichkeit. Die Menschen müssen wieder stärker zum Wählen bewegt werden“, meint Steigerwald, die auch selbst für das Wählen bei Bekannten, Freunden und Verwandten werbe. Schließlich könnten später nur diejenigen Kritik an der Politik äußern, die auch gewählt hätten. In ihrer Wohngemeinschaft und mit Freunden und Bekannten stehen politische Themen öfter zur Debatte: Studiengebühren, die Ergebnisse der Landtagswahlen in Thüringen und Saarland, die Wahlversprechen der einzelnen Parteien, die sie momentan im Wahlkampf durch Plakate, Broschüren, an Wahlkampfbuden der Parteien in der Stadt oder im Fernsehen wahrnimmt – darüber wird geredet. Kritisch äußert sich Steigerwald zum Aufstieg der Linken, den sie für bedenklich hält. „Viele Leute fallen auf das fehlende politische Konzept der Linken rein!“

    Das meint auch Simon Scherer aus Goldbach bei Aschaffenburg, dem der Wahlkampfslogan „Raus aus Afghanistan“ der Partei „Die Linke“ auf einem Plakat aufgefallen ist. „Deutschland kann doch gar nicht aus Afghanistan raus. Wir tragen da Verantwortung“, meint der 20-Jährige, der gerade seinen Zivildienst abgeleistet hat, in der Schönstattbewegung aktiv ist und Zeltlager und Wochenenden für Jungs im Alter von neun bis 14 Jahren organisiert. Von Wahlplakaten hält Scherer überhaupt nicht sonderlich viel. „Wahlplakate sind lächerlich oder nichts sagend“. Besonderes wichtig ist ihm die Abschaffung der Studiengebühren, als Zivi sei ihm aber auch eine Ungleichbehandlung von Kassen- und Privatpatienten im Gesundheitssystem aufgefallen. „Dieses Auseinanderdriften muss man verhindern“, meint der zukünftige Student, der die Grünen sympathisch findet und das Parteiprogramm der Piraten-Partei gelesen hat. Doch nur den beiden großen Parteien CDU/CSU und SPD traut Scherer wirklich zu, dass sie die politischen Herausforderungen in Deutschland bewältigen können. Auf eine Partei festlegen will er sich aber noch nicht: Schließlich hätten die Mehrzahl gute Vorschläge und Ideen sowie die passenden Argumente, um die eigene Position zu untermauern. Das Kreuz an der richtigen Stelle zu machen, falle ihm daher nicht leicht. Der junge Mann gibt zu, dass er sich noch viel mehr mit Politik beschäftigen müsste.

    Die Piraten-Parteien ist bei Jugendlichen im Blickfeld

    Junge Menschen wollen eigenständig sich im Wahlkampf informieren und recherchieren und dann selbst eine Entscheidung treffen, meint Kreuzfelder vom BDKJ. Auf der Internetplattform der BDKJ-Wahlkampagne „Werde Wahlheld/Wahlheldin“, die das politische Engagement fördern und über jugendnahe Wahlkampfthemen informieren will, habe man daher auf Wahlempfehlungen und Entscheidungshilfen verzichtet. Ein stärkeres Engagement der Jugendlichen könne man vielmehr fördern, indem Parteien und Institution neue Formen der politischen Mitarbeit wie beispielsweise Projektarbeit ausprobierten, stärker wie bisher die politischen Botschaften in die digital-vernetzte Lebenswelt der Jugendlichen einbrächten, wo sie die Anliegen der jungen Menschen ernst nehmen und aufgreifen könnten. Eine Politik mit und für Jugendliche müsse das Ziel der großen Parteien sein. Vielleicht sei gerade deswegen die Piratenpartei bei jungen Menschen so attraktiv, weil sie Politik auf eine andere Art mache und überwiegend jugendliche Themen anspreche.

    Von Clemens Mann