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    Fulda

    Wir brauchen eine neue missionarische Dynamik

    Die Kirche in Deutschland steht vor massiven Verlusten. Darüber macht sich Fuldas Bischof Michael Gerber keine Illusionen.

    Michael Gerber, ernannter Bischof von Fulda
    Michael Gerber, ernannter Bischof von Fulda, am 20. Dezember 2018 vor dem Fuldaer Dom. Foto: KNA

    Herr Bischof, in Ihrem Büro riecht es noch nach frischer Farbe, an der Stuckdecke glänzt das Blattgold. Das Bistum Fulda gibt gut zwei Millionen Euro für die Renovierung des Bischofshauses aus. Nun sagt eine neue Studie, dass sich die Finanzkraft der Kirche in den kommenden vier Jahrzehnten halbieren wird. Wie gehen Sie mit solchen Widersprüchen um?

    Wir haben als Kirche ein Erbe aus Zeiten, in den gebaut wurde in einer Art und Weise, wie wir es heute nicht tun würden. Natürlich müssen wir aber auch das Pflegen. Das macht eben katholische Kirche aus. Wir haben uns nicht vor zehn Jahren neu gegründet und alles hinter uns gelassen. Wir tragen unser Erbe mit, mit allen Schwierigkeiten. Und wenn Sie durch diese Tür gehen (deutet auf eine unscheinbare Tür im Eck seines Arbeitszimmers) kommen Sie in die Michaelskirche, den zweitältesten Kirchenbau Deutschlands. Solche Räume bieten wiederum die Möglichkeit, Menschen den Glauben aufzuschließen.

    Können Sie sich vorstellen, an einen Punkt zu kommen, an dem die Last dieses Erbes zu groß wird? Laut den aktuellen Prognosen dürfte sich diese Frage in manchen deutschen Diözesen bald stellen.

    Es gibt natürlich einen Kernbestand. Gerade unser geistliches Erbe, unsere Traditionen, werden wir immer mitnehmen. Aber ich mache mir nichts vor, dass wir auch vieles loslassen müssen. Das ist keine Frage.

    In den nächsten 15 Jahren erwartet die katholische Kirche in Deutschland einen Rückgang der Gläubigen um 20 Prozent. Haben Sie mit dieser Zahl gerechnet?

    Ich hätte mir im Vorhinein schwer getan, eine konkrete Zahl zu nennen. Mir ist es aber wichtiger zu sehen, welche allgemeinen gesellschaftlichen Faktoren zu diesem Rückgang führen. Es sind sicherlich auch allgemeine soziologische Phänomene, die hier eine Rolle spielen. Wir sind als Kirche herausgefordert, in einer Gesellschaft das Evangelium zu verkünden, wie wir sie so noch nicht gesehen haben in 2 000 Jahren Kirchengeschichte.

    Wie meinen Sie das?

    Am stärksten merken wir das im Osten Deutschlands. Dort bewegen wir uns in einer Landschaft, in der der deutlich größte Teil der Menschen nicht nur kirchenfern ist, sondern faktisch die Frage nach Gott überhaupt nicht stellt. Das ist für die Kirche eine neue Situation. Paulus konnte auf den Areopag gehen und sagen: „Das ist der unbekannte Gott, den ihr sucht.“ Die Menschen heute suchen nichts mehr. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen, aber wir müssen erst einmal diese Faktoren in unserer Gesellschaft studieren, die eine ganz neue missionarische Dynamik brauchen. Alles andere würde zu kurz greifen.

    Das klingt nach einer riesigen Herausforderung.

    Es geht vor allem um eine geistige Haltung. Wenn man den ganzen Tag solche Studien lesen würde, würde man sich natürlich verrückt machen. Ich bin persönlich stark durch die Schönstatt-Bewegung geprägt. Die hat es dreimal erlebt, kurz vor dem Aus zu sein: Im Ersten Weltkrieg, im KZ Dachau und später während der Prüfung durch die Kirche. Da stand dreimal alles auf dem Spiel und immer hat die Bewegung erlebt, dass sie in die Breite und in die Tiefe gewachsen ist. Das tragen wir im kollektiven Gedächtnis mit. Und das ist letztlich die österliche Dynamik des Christentums.

    Die aktuelle Studie zur Kirchenmitgliederzahl bezieht sich auf die institutionelle Gestalt der Kirche. Aber geht es letztlich um Mitglieder in einer Organisation? Geht es nicht eher darum, dass Menschen den Kontakt zu Jesus verlieren?

    Nach unserer katholischen Auffassung haben die Beziehung zu Jesus Christus und die Eingebundenheit in die Glaubensgemeinschaft immer etwas miteinander zu tun. Von daher muss uns die Mitgliedschaftsstatistik nachdenklich machen. Zumal wir glauben, dass Jesus Christus nicht nur eine interessante Lehre in die Welt gesetzt hat. Von ihm und seiner Verkündigung hat eine ganz konkrete Bewegung – die Kirche als Leib Christi – ihren Ausgang genommen. Es ist unsere Aufgabe, Menschen hineinzunehmen in diesen Leib Christi.

    Die Gruppe, in der die meisten Gläubigen der Kirche den Rücken kehren, sind die 20- bis 40-Jährigen. Findet die Kirche einfach keinen Weg zu diesen Menschen?

    Wir haben da in der Tat oft eine große Lücke. Gleichzeitig kommen aus diesem Alterssegment, wenn man in die Kirchengeschichte blickt, eigentlich alle wesentlichen Innovationsschübe der Kirche. Die Gründergestalten kommen in der Regel, angefangen von den Jüngern selbst, aus dieser Altersgruppe. Und ich kann von hier sagen, dass ich in den ersten Wochen im Bistum Fulda, auf zahlreiche junge Menschen gestoßen bin, die auf ihre Weise eine persönliche Christusbeziehung leben. Da ist es offenbar in der Jugendarbeit gelungen, manches grundzulegen. Das ist für mich ein großes Potenzial, an dem wir ansetzen müssen. Es geht dabei vor allem darum, junge Erwachsene selber als Träger der Mission zu begreifen.

    "Ich glaube, es ist nicht die Zeit,
    noch einmal eine schnelle These rauszuhauen
    und irgendwie dieses oder jenes Projekt zu starten."
    Bischof Michael Gerber

    Der Leiter der Projektionsstudie, Professor Bernd Raffelhüschen, erklärte vor Journalisten: „Wir sind im Moment in einem ganz ruhigen Fahrwasser und tun so, als ob es so bleibt.“ Müsste die Kirche nicht tatsächlich viel agiler sein?

    Da will ich mir als relativ junger Diözesanbischof kein Urteil erlauben. Mir ist es vorrangig wichtig, dass Kirche sich als genuin missionarisch begreift. Nicht zuletzt in dem Bistum, in dem der heilige Bonifatius begraben ist, liegt dieses Thema auf der Hand. Aber wenn es darum geht, in einer freiheitlichen Gesellschaft Menschen zum Glauben zu führen, geht es um Prozesse. Das hat mit Persönlichkeitsbildung zu tun, mit Wachstum, mit Annahme in Freiheit. Das geschieht in den wenigsten Fällen sofort. Es gibt nicht das schnelle Mittel. Da unterscheiden wir uns sicherlich auch von früheren Generationen und Kulturen. Heute müssen wir lange Wege gehen. Wichtig ist, dass wir Menschen in der Kirche sensibilisieren und befähigen, diese mit anderen Menschen zu gehen. Es geht sozusagen darum, den Dienst des Hananias an Paulus zu leisten.

    Haben Sie das Gefühl, dass die Krise in Deutschland gut gemanagt wird?

    Das ist eine gute Frage. Wir sind in manchem noch in einem Suchprozess. Mir ist es wichtig, von gelingenden Prozessen auszugehen. Ich glaube, dass der liebe Gott uns Türen öffnet und Wege zeigt. Und das macht er in der Regel durch konkrete Menschen und Zeichen des Wachstums. Es ist mir wichtig, diese zu identifizieren und fruchtbar zu machen. Ich glaube, es ist nicht die Zeit, noch einmal eine schnelle These rauszuhauen und irgendwie dieses oder jenes Projekt zu starten. Wir müssen Wachstumsbedingungen studieren.

    Welche Rolle spielen für Sie die vielen Aufbrüche in der Kirche, die sich gerade außerhalb der hierarchischen Struktur auftun?

    Es war in der Kirche immer so, dass die wesentlichen Aufbrüche – ob es Benedikt, Franziskus, Ingatius oder wer auch immer waren – nicht aus der Struktur kamen. Das Katholische ist, dass sich beide Seiten aufeinander zu bewegen. Das Amt prüft, aber im Sinne der Unterscheidung der Geister ist es wichtig, dass sich der Aufbruch auch prüfen lässt. Dabei muss er sein kritisches Potenzial behalten und in die Kirche einbringen, im Respekt vor den anderen Feldern der Kirche. Es macht für mich die Reife eines Aufbruchs aus, wie er damit umgeht, gerade wenn er in die Jahre kommt. Manche Gemeinschaften bleiben ein Generationenprojekt, manche haben ein wirkliches Gründercharisma, das länger trägt.

    Mit dem Rückgang der Gläubigenzahl stellt sich der Kirche auch die substanzielle Frage nach dem Geld. Teilweise müssen heute schon harte finanzielle Entscheidungen getroffen werden. Kehrt Ihre Generation der jungen Diözesanbischöfe sozusagen die Scherben auf, die Ihre Vorgänger übersehen haben?

    Viele Probleme stammen aus einer Zeit, wo man einfach von anderen demografischen Entwicklungen ausgegangen ist. Ich tue mir schwer, den damals verantwortlichen Mitbrüdern etwas vorzuwerfen. Die haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Aber wir sind eben herausgefordert, jetzt andere Wege zu gehen. Es ist mir ganz wichtig, dass wir dabei immer vom Inhalt unseres Sendungsauftrags ausgehen. Und wo wir erleben dürfen, dass wir fruchtbar sind, selbst wenn vieles nicht mehr da ist, wächst auch die innere Freiheit, manches loszulassen. Das kennt jede Familie. Wenn das erste Kind geboren wird, erleben die Eltern sich als fruchtbar und müssen zugleich anderes loslassen, was ihnen bisher wichtig war. Aber sie tun das um des neuen Lebens Willen. Das muss der Ansatz auch der Kirche sein.

    Welche Rolle wird das Geld in Zukunft noch für die Kirche spielen?

    Das Geld spielt eine entscheidende Rolle, auch für die Kirche in anderen Ländern. Ich denke da an Südamerika, Afrika oder auch Osteuropa. Die Kirche dort profitiert entscheidend davon, dass wir finanziell so ausgestattet sind, wie wir es sind. Denn das heißt, dass wir einen Großteil des Spendenaufkommens unserer Gläubigen dafür verwenden können, die Kirche in diesen Ländern zu unterstützen. Wir brauchen es eben nicht, um uns selber zu unterhalten. Und wir leisten auch hierzulande einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft. Deswegen gibt es auch gesellschaftlich gute Gründe, das nicht alles einfach so in Frage zu stellen.

    Man muss die Kirchensteuer nicht infrage stellen wollen. Es reicht ein nüchterner Blick auf die Prognosen: Das Geld wird weniger wert sein.

    Wie gesagt, es ist unsere Aufgabe, Menschen mit Jesus Christus in Beziehung zu bringen. Von da aus müssen wir die anderen Fragen angehen. Da kommen wir in eine ganz andere innere Gelassenheit. Ich hoffe, dass es uns als Kirche immer wieder gelingt, an diese Punkte zu kommen, von der Berufungsfrage ausgehend Entscheidungen zu treffen.

    Als junger Diözesanbischof haben Sie viele solcher Entscheidungen zu treffen und zwar, so Gott will, noch für lange Zeit. Macht Ihnen das Angst?

    Nein, tatsächlich nicht. Aus einem einfachen Grund: Ich habe in meinem bisherigen Priesterleben immer wieder Situationen erlebt, die wirklich nicht einfach waren, die ich mir wahrlich nicht ausgesucht hätte und um die mich auch andere nicht beneidet haben. Das hat mich immer zu der Frage gebracht: Wer ist es eigentlich, der die Kirche führt? Ist es der Herr, oder bin ich es? Für meine persönliche Christusbeziehung ist es ganz wichtig, dass ich glaube, dass der Herr die Kirche führt, auch in dieser Zeit. Und dass er uns auch durch solche Zeichen der Zeit darauf hinweist, wo es hingeht.

    Ist es das, was Papst Franziskus als arme Kirche bezeichnet?

    Ja, da geht es nicht nur um wirtschaftliche Armut. Es geht um eine Kirche, die tiefer auf den Herrn vertraut und zwar aus der Erfahrung heraus: Wir haben es dem Herrn hingehalten und es ist uns etwas anderes geschenkt worden.

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