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    „Wir brauchen die Seismographenfunktion der Kirchen“

    Herr Ministerpräsident, was kann ein Katholikentag heute bringen?

    Herr Ministerpräsident, was kann ein Katholikentag heute bringen?

    Ich habe Katholiken- und Evangelische Kirchentage immer als Bereicherung meines Lebens empfunden. Es gibt dort immer ein besonderes Klima, fast ein bisschen vergleichbar wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft. Man ist sich in Gemeinschaft einig und stellt fest: Viele denken genauso. Der Versuch, öffentlich Sprachrohr katholischer Christen zu sein und Politik und Glaube in engen wechselseitigen Kontakt und in ein fruchtbares Verhältnis zueinander zu bringen, ist einfach spannend. Katholikentage passen gerade jetzt in die Zeit.

    Woran aber denken Sie besonders gerne zurück?

    Beim Evangelischen Kirchentag 2005 in Hannover habe ich mich die ganze Woche als Gastgeber engagiert und ins Zeug geworfen. Es war ein riesiges Fest. Das größte Ereignis für mich war der Weltjugendtag in Köln mit all den Jugendlichen aus der ganzen Welt. Mein Traum, im Juli zum Weltjugendtag nach Sydney zu reisen, lässt sich leider durch meine Verpflichtungen als Ministerpräsident nicht umsetzen. Ich freue mich aber, dass viele junge Leute aus dem Bistum Osnabrück dorthin fliegen werden. Das sind Erlebnisse, die sie dann ihr ganzes Leben durchtragen.

    Katholikentage verstehen sich immer auch als politische Plattform. Braucht die Politik solche Ansagen, gerade im Jahr vor der Bundestagswahl?

    Wir brauchen die Seismographenfunktion der Kirchen, weil sie nah dran sind an Menschen in Not und in bestimmten Konfliktfällen. Dadurch können die Kirchen auf Fehlentwicklungen und Missstände hinweisen. Das Motto des Katholikentages „Du führst uns hinaus ins Weite“ kann ja auch nicht als etwas Ungefähres gemeint sein, sondern es geht um irdische Dinge wie Energieversorgung und Klimaschutz. Ich bin gespannt, was zu Themen wie Lebensschutz, Stammzelldebatte, zur Lage in Tibet oder der Christen in muslimischen Ländern gesagt wird: Da muss der Katholikentag schon deutlich werden.

    Das Zusammenleben von Christen und Muslimen ist sowohl beim Katholikentag als auch in Niedersachsen ein Thema. Welche Erfahrungen haben Sie da?

    Wir müssen viel mehr miteinander reden und übereinander erfahren. Manche Unsicherheit entsteht auch, weil Muslime mit dem Koran und einer klaren Botschaft fest gegründet zu sein scheinen und Christen eher im Schwemmsand gründen. Da lassen sich keine tragfähigen Brücken bauen, die wir aber zwischen den Religionen brauchen. Ich glaube, das Thema des 21. Jahrhunderts ist nicht nur der Klimawandel, sondern wie Menschen unterschiedlicher Religion, Herkunft und Tradition auf Dauer friedlich, respektvoll und in Toleranz miteinander leben. Osnabrück ist ein optimaler Ausrichterort für das Thema Integration, Multikulturalität und Religionsdialog.

    Welches Signal wünschen Sie sich vom Katholikentag?

    Die Botschaft: Wir gestalten Zukunft in Gottvertrauen und Fröhlichkeit mit einem klaren Bild von friedlichem und gerechtem Zusammenleben. Wir fühlen uns als Christen hierzulande verstanden und gewollt, und dass wir uns aktiv einbringen, auch wenn's mal kritisch ist. Ich wünsche mir auch Signale zu innerkirchlichen Fragen wie etwa Amtsverständnis, Zölibat, Frauenordination und Rolle der Laien. Da habe ich Erwartungen und Wünsche, die man als einfacher Christ, aber nicht als Ministerpräsident einbringen und äußern kann.

    Von Sabine Kleyboldt