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    „Wir alle sind Flüchtlinge in dieser Welt“

    Wir, die wir im Nahen Osten leben, haben schon immer Gewalt und konfessionelle Konflikte als Teil unseres Alltagslebens erfahren. Ich wurde in einem kleinen Dorf im Süden des Libanon geboren. Als ich neun Jahre alt war, musste meine Familie das Dorf verlassen, weil die Israelis es bis 2001 besetzt hatten. Es gab viel Leid; meine Großmutter und eine meiner Tanten wurden von der letzten Rakete getötet, die von den Israelis vor der Befreiung abgeschossen wurde. Und dann wurden eine weitere Tante und ihr Sohn von der syrischen Armee ermordet. Doch nun kümmere ich mich erstaunlicherweise um syrische und irakische Flüchtlinge.

    Hinter diesen Gesichtern verbirgt sich oft unvorstellbares Leid. Foto: Oliver Maksan

    Wir, die wir im Nahen Osten leben, haben schon immer Gewalt und konfessionelle Konflikte als Teil unseres Alltagslebens erfahren. Ich wurde in einem kleinen Dorf im Süden des Libanon geboren. Als ich neun Jahre alt war, musste meine Familie das Dorf verlassen, weil die Israelis es bis 2001 besetzt hatten. Es gab viel Leid; meine Großmutter und eine meiner Tanten wurden von der letzten Rakete getötet, die von den Israelis vor der Befreiung abgeschossen wurde. Und dann wurden eine weitere Tante und ihr Sohn von der syrischen Armee ermordet. Doch nun kümmere ich mich erstaunlicherweise um syrische und irakische Flüchtlinge.

    Im Jahr 2005 wurde meine Kongregation gebeten, die Medikamentenausgabe Saint-Antoine in der Region Rueissat zu übernehmen, die an der Grenze zum Beiruter Vorort Jdeideh gelegen ist, und weiterhin den Armen zu dienen. Ich wurde mit der Leitung dieser Apotheke beauftragt. Diese Medikamentenausgabe hat im Laufe ihrer Geschichte schon immer Flüchtlinge unterstützt. Im Jahr 2006 sorgten wir für mehr als 5 000 Flüchtlinge, die aus dem Süden des Libanon wegen des Kriegs mit Israel kamen. Einen ganzen Monat lang arbeiteten wir rund um die Uhr, um sie mit Nahrung, Kleidung, Unterwäsche, Wasser, Hygieneartikeln et cetera zu versorgen.

    Jahre zuvor fingen wir damit an, Iraker aufzunehmen, hauptsächlich chaldäische Christen. Sie wurden im Irak verfolgt und hatten keine Wahl – entweder mussten sie das Land verlassen oder sie wurden getötet. Einige wurden entführt und kehrten für ein Lösegeld wieder zurück; Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt. Sie entkamen in den Libanon als einem sicheren christlichen arabischen Land und in der Hoffnung, ein Visum zu bekommen und den Nahen Osten zu verlassen. Manchmal mussten sie zwei bis vier Jahre warten, bevor sie ihre Visa erhielten.

    Es scheint, dass sich dieser Leidensweg für die irakischen Christen mehrfach wiederholt. In diesem Jahr, als der IS ihnen das Leben, ihren Grund und Boden und ihre Häuser genommen hat, wurden ganze Dörfer entvölkert. Die Christen flohen in Richtung Erbil. Bei ihrer Ankunft in Erbil blieben einige in Zelten, die für sie bereitgestellt wurden, während andere weiter nach Jordanien oder in den Libanon flüchteten, wenn sie dort irgendwelche Kontakte oder Verwandte hatten, die ihnen vorausgegangen waren.

    Für diejenigen, die die finanziellen Mittel haben, ist Reisen kein Problem, doch für die übrigen bedeutete die Reise in den Libanon, dass sie alles, was sie besaßen, verkaufen mussten, um die Flugtickets zu kaufen und dann ohne einen Cent in einem fremden Land anzukommen.

    Wir in der Medikamentenabgabe nehmen sie herzlich auf – wie viele andere NGOs. Wir unterstützen sie mit der Hilfe des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) für Gesundheitsdienste sowie mit den Geldern von Kirche in Not. Wir versuchen, sie mit Grundmaterialien zum Überleben zu versorgen, wie mit Lebensmitteln, Hygieneartikeln und Babywindeln et cetera. Wir hören uns die Geschichten des schrecklichen Leids an, das sie durchgemacht haben.

    Da ich während des Krieges viel erlebt und gelitten habe, kann ich mit anderen mitfühlen, die die gleiche Belastung erfahren haben. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie viel Leid die Flüchtlinge durchmachen. Ich werde versuchen, einige ihrer Geschichten zu erzählen. Eines Tages kamen zwei junge Männer in die Apotheke und behaupteten: „Wir wollen keine Nächstenliebe; wir brauchen nur Arbeit“ – doch dann brachen sie in Tränen aus. Es kommt wirklich selten vor, und es ist erschütternd mitanzusehen, wie ein Mann aus dem Nahen Osten weint und schluchzt. Es war ganz klar, dass sie jemanden brauchten, der ihnen zuhört. Ihre Eltern hatten alles, was sie besaßen, verkauft, die Mitgift für die Hochzeit, das Auto, die Ersparnisse, alles nur, um ihren Kindern ein Flugticket nach Beirut zu kaufen. Die beiden Brüder waren gezwungen, ihre Eltern ohne einen Pfennig Geld in einem sich im Belagerungszustand befindenden Land zurückzulassen. Die jungen Männer tragen enorme Schuldgefühle mit sich herum, als sie versuchen, Arbeit zu finden und das erforderliche Geld zusammenzubekommen, um ihre Eltern nach Beirut zu holen.

    Ein anderes Mal kam ein dreifacher Vater in die Apotheke und brachte seine sehr kranke und ausgetrocknete sechzehnjährige Tochter mit sich, die an einer schweren Depression und einer Magen-Darm-Infektion litt. Sie waren einige Tage zuvor im Libanon eingetroffen und hatten gerade die Mutter wegen Hepatitis B verloren. Wir versuchten, dem Mädchen – so gut wir konnten – zu helfen, weil wir kein Krankenhaus finden konnten, das sie aufnehmen wollte. Wir legten sie an den Tropf und gaben ihr noch etwas mit für zuhause. Wir befürchteten, dass sie die Nacht nicht überleben würde, und sie schien auch keinen Willen zu haben, es zu versuchen. Ihr Vater stand unter Schock, seine Augen waren leer, er redete verwirrt, und er war zu aufgelöst, um uns zu verstehen oder in Bezug auf seine Tochter die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Zum Glück überlebte die Tochter und wurde an unseren Psychologen überwiesen, damit sie ihren Weg zurück in eine Art Normalität finden konnte.

    Zu Beginn des Syrien-Krieges mussten die Iraker, die dort Zuflucht gefunden hatten, vor einem weiteren Krieg erneut fliehen; sie kamen in den Libanon, und auch sie hießen wir willkommen und halfen ihnen, egal wie. Ihnen folgten zwei Millionen Syrier in einen Libanon, der schon nicht mehr imstande war, für sein eigenes Volk und für die irakischen und palästinensischen Flüchtlinge zu sorgen. Die Schulen und Krankenhäuser waren bereits überfüllt, ganz zu schweigen von den Engpässen bei Strom, Wasser und bei den Angeboten auf dem Arbeitsmarkt. Gewalt und Diebstahl sind derzeit im Steigen begriffen, weil all diese Menschen verzweifelt ihren menschlichen Grundbedarf abdecken müssen. Der Libanon wurde von anderen Nationen nicht unterstützt, und jetzt werden dem libanesischen Volk die Grundrechte nach und nach weggenommen.

    Die Flüchtlinge, hauptsächlich Syrer, kommen in die Medikamentenausgabe; sie zögern nicht, um Lebensmittel, Kleidung und weiteres zu bitten. Wir haben in der Klinik zwei Sozialarbeiter, die Personen – vor allem Frauen – empfangen, ihnen zuhören und ihnen Ratschläge geben. Wir haben festgestellt, dass viele Frauen körperlich missbraucht wurden und es ihnen untersagt ist, über ihre Situation zu reden. Einige sind schwer geschädigt – physisch und psychisch – wie etwa dieses junge Mädchen, das von vier Männern vergewaltigt wurde und zu traumatisiert war, um das anderen Menschen mitzuteilen. Eine andere Frau wurde von ihrem Ehemann gezwungen, sich zu prostituieren, um für den Lebensunterhalt ihrer Familie zu sorgen. Syrische Mädchen werden oft gezwungen, sehr früh (mit elf Jahren) zu heiraten, und sie bekommen viele Kinder, so dass eine Frau mit 30 Jahren bereits Mutter von sechs bis neun Kindern sein kann. Manche Mädchen heiraten ältere Männer, um etwas mehr Geld zu bekommen und geben es ihren Familien zum Überleben, doch sie wissen nicht, wie sie ihre Kinder aufziehen und sich um ihre eigenen Familien kümmern sollen. Viele Familien mieten sich gemeinsam Zimmer im Libanon und leben in Gruppen zu fünfzehn Personen oder mehr im selben Raum – man kann sich vorstellen, was das für Probleme ergibt.

    Unser Amt besteht darin, die Barmherzigkeit Gottes zu leben, den Menschen zu helfen, Versöhnung zu leben und ihnen Hoffnung zu schenken – trotz all der Hoffnungslosigkeit, die sie umgibt. In der Medikamentenausgabe versuchen wir, ihnen den bestmöglichen Dienst anzubieten, weil wir glauben, dass alle Menschen Gottes geliebte Kinder sind. Leider führt das insofern zu neuen Problemen, dass Libanesen jetzt meinen, dass unsere Medikamentenausgabe keine Anlaufstelle mehr für sie sei, wenn sie Hilfe benötigten, sondern eine Anlaufstelle für Ausländer und Flüchtlinge. Sie verstehen nicht, wie oder warum das geschehen ist, und es ärgert sie, sich in ihrem eigenen Land wie Bürger zweiter Klasse zu fühlen. Ich muss dazu sagen, dass sogar wir, die wir dort arbeiten, die Lage unerträglich und widersprüchlich finden, wenn wir versuchen, gegensätzliche Emotionen und Sichtweisen miteinander zu versöhnen, wenn wir mit Flüchtlingen arbeiten, die undankbar sind, sowie mit verärgerten Einheimischen.

    Wir sind überwältigt von der gewaltigen Anzahl von Flüchtlingen. Der Libanon ist ein sehr kleines Land mit einer geringen Infrastruktur, die nicht imstande ist, diese enormen Zahlen aufzunehmen und zu bewältigen. Wir sind vier Millionen Libanesen, die im Libanon leben, und die offizielle Anzahl der registrierten syrischen Flüchtlinge beträgt zwei Millionen, wobei der enorme Prozentsatz der Nicht-Registrierten noch gar nicht miteingerechnet ist.

    Uns gehen die verfügbaren Plätze in Schulen, die Betten in den Krankenhäusern für kranke Menschen und besonders für schwangere Frauen aus, die sehr zahlreich sind (2014 wurden etwa 400 000 Babys im Libanon geboren). Oftmals bleibt den Frauen keine andere Wahl, als zuhause ohne irgendeine medizinische Unterstützung zu entbinden. Sie können sich die Konsequenzen derartiger Situationen für die Babys und die Mütter vorstellen, wenn bei der Geburt Komplikationen auftreten.

    In unserer Klinik versuchen wir jeden Tag, so weit wie möglich jedem von ihnen zu dienen. Für uns ist das eine große Herausforderung. Während der Impfkampagnen haben wir innerhalb von anderthalb Wochen 2 000 Kinder geimpft. Das ist eine große Herausforderung für die Mitarbeiter, für die Ärzte, für mich selbst und für die einfache Organisationsstruktur der Klinik. Die syrischen Flüchtlinge sind noch ärmer als die Iraker; sie leben in Zelten ohne Wasser, Strom oder irgendwelche Grundversorgungseinrichtungen, in katastrophalen Umständen. Eines Tages kam eine Frau in die Apotheke mit ihrem Baby im Arm, dessen Ohr von irgendeinem Tier angefressen war – aufgrund der schmutzigen Zustände, in denen die Menschen leben. Es ist sehr schwer für sie, ein gewisses Maß an Hygiene einzuhalten, was es schwierig macht, Krankheiten wie etwa Krätze zu vermeiden. Zudem breiten sich einige ansteckende Krankheiten wie Polio und Masern, die im Libanon bereits seit einiger Zeit ausgerottet waren, mit dem Eintreffen der Syrer erneut aus. Wir müssen nun diese Impfstoffe der libanesischen Bevölkerung ebenfalls zur Verfügung stellen. Die Regierung wird den Impfstoff lediglich bereitstellen, doch ohne irgendwelches geschultes Personal oder Materialien wie beispielsweise Handschuhe und Kanülen. Es ist nicht nur für sie eine sehr schwierige Situation, sondern auch für die libanesische Bevölkerung, die die Flüchtlinge aufnimmt.

    Gott möge uns Menschen zur Verfügung stellen, die helfen können – anderenfalls wird es unmöglich sein, diesen heiligen Auftrag fortzusetzen. Wir können nicht allein durch unseren Leib leben, sondern wir leben auch durch unsere Seele. Nur der Glaube, dass Gott bei uns ist, lässt uns geduldig und entschlossen bleiben, um diesen Weg weiterzugehen. Es scheint, als ob wir im Libanon dazu bestimmt seien, Flüchtlinge aufzunehmen – angefangen von den Armeniern während des türkischen Genozids, und sich fortsetzend bis zum heutigen Tag. Wir vergessen nicht, dass auch wir Flüchtlinge in dieser Welt sind, denn unsere wahre Heimat ist das Himmelreich. Unser Glaube an Gott ist unsere einzige Unterstützung, die uns durch die Belastungen hindurch hilft, mit denen wir täglich konfrontiert werden, während wir uns um die Flüchtlinge kümmern und mit den Syrern leben.

    In dieser gesegneten Fastenzeit können wir uns nur bei all den Menschen bedanken, die uns geholfen und die uns unterstützt haben. Wir bitten um die Gebete und die Großzügigkeit eines jeden Einzelnen, damit wir auch weiterhin Zeugnis für Jesus Christus, unseren Herrn, ablegen und seine barmherzige Gegenwart unter unseren Schwestern und Brüdern in Not sein können. Denn er sagt: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25). Mit diesen Worten möchte ich frohe Ostern wünschen. Gott sei mit euch.

    Schwester Hanan Jusef gehört der

    Gemeinschaft der Schwestern Unserer Lieben Frau vom Guten Hirten an.

    Übersetzung aus dem Englischen von Katrin Krips-Schmidt.