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    Wer ist Jude

    lsrael debattiert über die jüdische Identität. Von Till Magnus Steiner

    Ökumenische Pilgergruppe an der Klagemauer
    Mit Blick auf Christen ist die jüdische Identitätsfrage eindeutig. Foto: KNA

    Bevor es den Staat Israel gab, wurde er bereits 1917 in der Balfour-Deklaration den Zielen des Zionismus entsprechend als „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ definiert. So hat sich der israelische Staat seit seiner Gründung verstanden und so soll es auch in einem Grundgesetz über die nationale Identität festgeschrieben werden, das im Moment in dem Land diskutiert wird. Allerdings ist dabei umstritten, wer als Jude zu verstehen ist. Neu entfacht wurde diese Debatte in den vergangenen Wochen durch die Schwedin Rebecca Floer und den Kenianer Francis Kimani Njogu.

    Rebecca Floers Großeltern starben im Holocaust. Ihr jüdischer Vater gelangte 1939 durch einen Kindertransport nach Schweden, überlebte und heiratete dort später eine Christin. Rebecca Floer wurde als Baby getauft, die 64-Jährige versteht sich aber selbst als Jüdin. Nach eigener Aussage habe sie ihr Leben lang unter Antisemitismus gelitten. In Schweden wurde etwa ihre Wohnungstür mit einem Hakenkreuz beschmiert. Aber der Staat Israel hat Rebbecca Floer Ende November die Einbürgerung verwehrt.

    Nach dem jüdischen Religionsgesetz ist Rebecca Floer keine Jüdin, denn die jüdische Identität wird entweder durch eine Konversion oder durch die Mutter vererbt, aber eben nicht durch den Vater. Staatsrechtlich betrachtet ist die Identitätsfrage komplizierter. Seit 1950 gilt in Israel das Rückkehrgesetz, durch das in der geltenden Fassung von 1970 jedes Kind und jeder Enkel eines Juden als jüdisch anerkannt wird, „es sei denn, es handelt sich um einen Menschen, der Jude war und freiwillig anderweitig konvertierte“. Die Einwanderungsbehörde verweigert Rebecca Floer jedoch die Anerkennung als Jüdin, da sie ja getauft worden sei. Das Innenministerium beruft sich zudem auf Beweise, nach denen ihr Vater zum Christentum konvertiert sei und sie zum messianischen Judentum gehöre. Floer bestreitet aber beides.

    Anhänger des messianischen Judentums sind meist jüdischer Abstammung und halten fest am jüdischen Brauchtum und ihrer jüdischen Identität. Zugleich glauben sie an Jesus als Messias und die Heilige Dreifaltigkeit. Sie erkennen das Neue Testament als Heilige Schrift an und wollen die Botschaft Jesu im Judentum verbreiten. Aus der Perspektive des Judentums sind messianische Juden missionierende Christen. Vor einem rabbinischen Gericht hatten im vergangenen August zwei israelische messianische Juden versucht, das Recht einzuklagen, offiziell durch das staatliche Oberrabbinat verheiratet zu werden. Das religiöse Gericht entschied jedoch, dass messianische Juden als Apostaten kein Anrecht auf eine solche jüdische Eheschließung haben.

    Und wie ordnet der israelische Staat die messianischen Juden ein? Er sieht in ihrem Glauben an Jesus als Messias ein Einbürgerungshindernis. So hatte bereits 1989 der Oberste Gerichtshof entschieden, dass ein jüdisches Ehepaar aus Südafrika aufgrund seines Glaubens an Jesus als Messias kein Anrecht habe, als Juden vom Staat anerkannt und eingebürgert zu werden. 2008 ist diese Entscheidung durch den Obersten Gerichtshof aber weiter ausdifferenziert worden: Messianische Juden haben dann ein Anrecht auf Einbürgerung, wenn sie Kinder und Enkel eines männlichen jüdischen Vorfahrens sind. Denn dann gelten sie nach dem jüdischen Religionsgesetz nicht als jüdisch im religiösen Sinne. Damit liege dann also, wenn sie nun an Jesus als Messias glauben, auch keine Konversion vor. Bei diesen Fällen gehe es lediglich um die jüdische Abstammung. Da diese über den Vater oder den Großvater bestehen würde, hätten diese Personen nach dem Rückkehrgesetz auch ein Recht auf Einbürgerung.

    Auf diese Argumentation bezieht sich die Rechtsanwältin von Rebecca Floer. Sie betont, dass ihre Klientin gemäß dem Rückkehrgesetz Anrecht auf die israelische Staatsbürgerschaft habe, selbst wenn sie eine messianische Jüdin wäre: „Es ist unfassbar, dass eine Frau, die ihr ganzes Leben aufgrund ihres Jüdisch-Seins verfolgt wurde, in dem Land keinen sicheren Hafen finden kann, das gerade für solche Fälle gegründet wurde. Genau dies ist der Sinn des Rückkehrgesetzes.“

    Im Mittelpunkt des zweiten Falls, der aktuell diskutiert wird, steht Francis Kimani („Yehuda“) Njogu. Der 31-Jährige gehört zur 50 Mitglieder zählenden Kasuku-Gemeinde in Kenia. 2006 verließen die Gemeindemitglieder ihre Form des messianischen Judentums und konvertierten unter Aufsicht eines ugandischen Rabbiners zum konservativen Judentum. In Uganda leben die Abayudaya als eine jüdische Gemeinde, die als solche 2016 auch durch die offizielle Einwanderungsorganisation des Staates Israel anerkannt wurde. Nachdem Kimani bereits mehrere Monate an einer jüdischen Universität in den USA studiert hatte, sollte er nun an einem dreiwöchigen Studienprogramm in Israel teilnehmen. Als er am 19. Dezember letzten Jahres auf Einladung der Jerusalemer Hochschule für Tora- und Talmudstudien des Konservativen Judentums am Flughafen in Tel Aviv gelandet ist, wurde ihm aber die Einreise verweigert. Das Innenministerium erklärte Kimanis Visum aus bürokratischen Gründen für ungültig: Er hätte einen zuvor abgelehnten Antrag auf ein Visum bei der Neubeantragung angeben müssen. So wurde er direkt wieder des Landes verwiesen. Justin Philips, ein Vorstandsmitglied der Hochschule, die Kimani eingeladen hatte, wertet den Vorfall als Ausdruck von Rassismus des Staates Israel gegen das wachsende Judentum in Afrika: „ Sie mögen keine nicht-orthodoxen Juden und sie mögen keine schwarzen Juden. Wir haben andauernd Probleme, Visa für konservative Juden zu erhalten.“

    In dieser Woche findet nun im israelischen Parlament, der Knesset, eine Anhörung zu dem Thema statt. Sie ist von der Parlamentsabgeordneten der Oppositionspartei Zionistische Union, Yael Cohen Para, erwirkt worden. Dann sollen Vertreter des Innenministeriums und des konservativen Judentums in Israel dazu Stellung nehmen, ob eine systematische Diskriminierung afrikanische Konvertiten bestehe. Es geht also wieder, um die Problematik: Wer wird vom Staat als Jude anerkannt? Ein Thema, das Israel wohl immer umtreiben wird.

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