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    Weltmeister der Kinderlosigkeit

    Der seit nunmehr 60 Jahren erhobene Mikrozensus ist die zuverlässigste Datenerhebung über die Gesellschaft in Deutschland. Ein Prozent der Bevölkerung wird befragt, also rund 830 000 Personen in etwa 370 000 privaten Haushalten. Die Befragung ist absolut vertraulich und die Daten werden nur für statistische Zwecke verwendet, etwa Arbeitsmarkt, soziale Lage, Beruf und Ausbildung, Familie und Partnerschaft. Aber wie bei allen Statistiken gilt auch hier: Die jüngsten, 2016 erhobenen Daten sind neutral, die Interpretation folgt politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Interessen.

    Geburtenrate in Bayern steigt weiter
    Mit 1,5 Kindern hat Deutschland eine sehr geringe Geburtenquote. Foto: dpa

    Der seit nunmehr 60 Jahren erhobene Mikrozensus ist die zuverlässigste Datenerhebung über die Gesellschaft in Deutschland. Ein Prozent der Bevölkerung wird befragt, also rund 830 000 Personen in etwa 370 000 privaten Haushalten. Die Befragung ist absolut vertraulich und die Daten werden nur für statistische Zwecke verwendet, etwa Arbeitsmarkt, soziale Lage, Beruf und Ausbildung, Familie und Partnerschaft. Aber wie bei allen Statistiken gilt auch hier: Die jüngsten, 2016 erhobenen Daten sind neutral, die Interpretation folgt politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Interessen.

    So verwundert es nicht, dass der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, bei der traditionellen Vorstellung ausgewählter Ergebnisse „positive Veränderungen“ verkündete, die dem politisch-medialen Establishment gefallen, zum Beispiel: „Der langjährige Trend zur höheren Kinderlosigkeit ist offenbar gestoppt; bei den akademischen Frauen ist die Kinderlosigkeit in den letzten Jahren sogar zurückgegangen.“ Das entspreche dem leichten Geburtenanstieg, der sich seit einigen Jahren abzeichne, die zusammengefasste Geburtenziffer erreiche 2015 erstmals seit 1982 den Wert von 1,5 Kindern je Frau. Das liege vor allem an der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf mit dem Ausbau der Kleinkindbetreuung, die Zahl der erwerbstätigen Mütter mit Kindern im Krippenalter habe zugenommen: Von 36 Prozent 2008 auf 44 Prozent 2016. „Die Gesellschaft ist kinderfreundlicher geworden“, schlussfolgert Thiel.

    Wer da nach dem Kindeswohl fragt, ist ein Spielverderber. Im Sandkasten der Statistiken gilt eben nur der trockene Sand, es fehlt das Wasser des Lebens, das der amorphen Materie Form und Gestalt gibt. Emotionen, Bindungen, Psyche lassen sich nicht so leicht als Daten „erheben“, dafür ist der Mikrozensus in der Tat nicht oder nur am Rand zuständig, etwa wenn er feststellt, dass die Zahl der Scheidungen leicht rückläufig ist oder wenn man durch Vergleich herauslesen muss, dass die Ehe immer noch die beliebteste und mit knapp drei von vier Paaren die bei weitem häufigste Lebensform ist. Darüber redet man in diesem Establishment, in dem überdurchschnittlich viel geschieden und anders gelebt wird, nicht so gern.

    Ähnlich ist es bei der Erwerbstätigkeit. Zwar berichten die Statistiker gern, dass akademisch gebildete Frauen schneller in den Beruf zurückkehren und häufiger Vollzeit als noch vor acht Jahren arbeiten. 2016 gingen 58 Prozent der Akademikerinnen, bei denen das jüngste Kind ein Jahr alt war, einer Erwerbstätigkeit nach; 19 Prozent arbeiteten in Vollzeit. 2008 lag der Anteil bei 16 Prozent. Im europäischen Vergleich lag Deutschland bei der Müttererwerbstätigkeit mit 74 Prozent im oberen Mittelfeld. Die Spitzenplätze belegen Schweden und Dänemark. Wer zwischen den Zeilen liest, dem wird auffallen, dass das Lieblingsmodell in Politik und Publizistik, nämlich beide Eltern sind Vollzeit erwerbstätig, nicht das Lieblingsmodell der Bevölkerung ist. Im Gegenteil. Hier überwiegt mit zunehmender Tendenz das Modell „Er Vollzeit, sie Teilzeit und zwar nach Alter der Kinder“. Das ist, sofern Kinder da sind, auch lebensnäher als das Doppelvollzeitmodell.

    Immerhin räumt der Vizepräsident des Statistischen Bundesamtes ein, dass der Rückgang der Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen noch keine allgemeine Trendwende bedeutet. Er verschweigt allerdings, dass Deutschland hier immer noch Weltmeister ist. Da heißt es dann leise, Deutschland gehöre zu den Ländern mit der höchsten Kinderlosigkeit „neben der Schweiz, Italien und Finnland. Der demografische Wandel geht weiter“. Die Kinderlosigkeit stabilisiere sich bei den in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren geborenen Frauen bei 22 Prozent. Bei der Verteilung zeigten sich aber deutliche Unterschiede: In den westlichen Flächenländern liege der Anteil der kinderlosen Frauen zwischen 45 und 49 Jahren zwischen 19 und 24 Prozent, in den ostdeutschen zwischen 11 und 13 Prozent. In allen Bundesländern ist die Kinderlosigkeit in den städtischen Regionen höher als in den ländlichen. Am höchsten ist sie in Hamburg mit 31 Prozent. Thiel bewertete die Veränderung als „noch sehr fragil“. Außerdem steige die Kinderlosigkeit bei den Jahrgängen 1965 und 1974 sogar leicht an, von 20 auf 22 Prozent. Wenn sich eine Trendwende andeute, dann bei Akademikerinnen, die mit 25 Prozent allerdings auch weiter überproportional kinderlos blieben. Der steigende Trend in der Kinderlosigkeit bei Nichtakademikerinnen sei nicht gestoppt: „Er wird lediglich durch eine niedrige Kinderlosigkeit der Zuwanderinnen gedämpft.“ Schuldig bleiben die Statistiker die Antwort auf die Frage, ob die eingangs verkündete Geburtenquote von 1,5 Prozent das Ergebnis der höheren Geburtenzahl bei Immigranten oder Frauen mit Migrationshintergrund ist und wie die Anteile dazu zu werten sind. Solche Fragen sind politisch nicht korrekt. Da schweigt man lieber.

    Lauter wird es dann wieder bei Lebensformen jenseits der traditionellen Familie, dieser Trend setze sich fort, wenn auch „abgeflacht“. Ehepaare mit Kindern seien mit 68 Prozent nach wie vor die häufigste Familienform, 2008 lag ihr Anteil aber noch bei 71 Prozent. Alleinerziehende machten im vergangenen Jahr 23 Prozent, Lebensgemeinschaften mit Kindern etwa 8 Prozent aller Familien aus. Wie immer man die Daten bewerten mag, der interessierte Bürger tut gut daran, unter Mikrozensus selbst nachzuschauen. Der große Bruder Google hilft dabei.