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    Wehret den Anfängen

    Ganze drei Stunden lang wird der Bundestag am Donnerstag über eine Novelle des Stammzellgesetzes debattieren. Bis zum Mittag werden 28 Redner vier Gesetzesvorlagen sowie einen Antrag vorstellen und verteidigen. Die Bandbreite der Entwürfe reicht von der ersatzlosen Streichung des Stichtags (1. Januar 2002), bis zu dem durch Tötung menschlicher Embryonen gewonnene Stammzelllinien für Forschungen nach Deutschland eingeführt werden dürfen, über eine Verlegung des Stichtags um fünf Jahre, die den Forschern Zugriff auf rund 500 neuere Stammzelllinien – für die schätzungsweise rund 2 000 Embryonen getötet wurden – erlauben würde, sowie der Beibehaltung des Status quo bis hin zur Rücknahme der Import-Erlaubnis. Danach soll alles sehr schnell gehen. Die 2. und 3. Lesung sind bereits für den 13. März vorgesehen. Über das, was dann geschieht, lassen sich derzeit nur Mutmaßungen anstellen. Sicher ist nur: Zwischen dem 14. Februar und dem 13. März gibt es noch einmal Gelegenheit für eine groß angelegte bioethische Debatte.

    Ganze drei Stunden lang wird der Bundestag am Donnerstag über eine Novelle des Stammzellgesetzes debattieren. Bis zum Mittag werden 28 Redner vier Gesetzesvorlagen sowie einen Antrag vorstellen und verteidigen. Die Bandbreite der Entwürfe reicht von der ersatzlosen Streichung des Stichtags (1. Januar 2002), bis zu dem durch Tötung menschlicher Embryonen gewonnene Stammzelllinien für Forschungen nach Deutschland eingeführt werden dürfen, über eine Verlegung des Stichtags um fünf Jahre, die den Forschern Zugriff auf rund 500 neuere Stammzelllinien – für die schätzungsweise rund 2 000 Embryonen getötet wurden – erlauben würde, sowie der Beibehaltung des Status quo bis hin zur Rücknahme der Import-Erlaubnis. Danach soll alles sehr schnell gehen. Die 2. und 3. Lesung sind bereits für den 13. März vorgesehen. Über das, was dann geschieht, lassen sich derzeit nur Mutmaßungen anstellen. Sicher ist nur: Zwischen dem 14. Februar und dem 13. März gibt es noch einmal Gelegenheit für eine groß angelegte bioethische Debatte.

    Und das ist gut so. Denn bei dem Streit um die künftige Gestalt des Stammzellgesetzes geht es um sehr viel mehr als um die Frage, ob und mit welchen embryonalen Stammzellen Wissenschaftler in Deutschland künftig forschen. Nicht, dass dies wenig wäre. Von der Tötung von Menschen profitieren zu wollen, bleibt ein Unrecht. Es wird nicht dadurch akzeptabel, dass Menschen, die ursprünglich zum Zwecke der künstlichen Befruchtung erzeugt wurden, zum Zeitpunkt ihrer Tötung mikroskopisch klein und – weil ihre genetischen Eltern keine Verwendung mehr für sie hatten – bereits dem Tode geweiht waren. Weder die Tatsache, dass deutsche Wissenschaftler diese Menschen nicht eigenhändig getötet haben, noch der Umstand, dass sie diese nicht wieder zum Leben erwecken können, berechtigt dazu, mit ihren Überresten zu forschen.

    Das gilt erst recht für vermeintlich positive Folgen, die diese Forschung mit sich bringen könnte. Weder ein Mehr an Wissen noch ein daraus resultierender Ansatz zur Therapie bislang unheilbarer Krankheiten und schon gar kein Zugewinn an Forschungsmitteln, Arbeitsplätzen und dergleichen mehr rechtfertigen den Gebrauch von menschlichen embryonalen Stammzellen.

    Es ist eine Illusion anzunehmen, mit der Verschiebung des Stichtags auf den 1. Mai 2007 ließe sich ein Ausgleich zwischen einer „Ethik des Heilens“ und einer „Kultur des Lebens“ bewerkstelligen und Frieden stiften. Wie realitätsfern dieser Gedanke ist, zeigt bereits der flüchtige Blick auf Länder, die dem Abgrund, der sich hier öffnet, näher gekommen sind. In Spanien und Großbritannien etwa geben sich die Forscher nicht mehr mit verwaisten Embryonen zufrieden und animieren Frauen längst zur Eizellspende für die Forschung.

    Dass dort mittlerweile auch das Klonen von Embryonen erlaubt ist, ist kein Grund zu Entwarnung. Denn einmal ist das Klonen von Embryonen als Rohstofflieferanten, wie etwa Detlev Ganten, Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin und Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité, einräumt, „die logische Folge“ der Forschung mit embryonalen Stammzellen. Zum anderen begründen die Wissenschaftler, die heute die Abschaffung oder Verlegung des Stichtages fordern, dies gerne mit der Wettbewerbsfähigkeit deutscher Forscher.

    Lässt man dieses Argument aber gelten, dann lassen sich damit sowohl Forderungen nach einer Abschaffung des Embryonenschutzgesetzes als auch nach Zulassung der Eizellspende, der Präimplantationsdiagnostik, des Klonens sowie der Schaffung von Tier-Mensch-Wesen begründen. All dies ist etwa in Großbritannien, mit dem Deutschland in der Gentechnik um die Spitzenposition in Europa konkurriert, längst Realität. Dass die Stammzellforscher heute solche Forderungen weit von sich weisen, bedeutet nicht, dass sie es auch morgen und übermorgen noch tun. Die Erfahrung lehrt, dass es anders kommen würde.

    Man muss dem katholischen Episkopat in Deutschland sowie zahlreichen protestantischen Bischöfen dankbar sein, dass sie hier unmissverständlich Position beziehen und den Anfängen wehren wollen. Denn die Gentechnik vermag – wie keine andere Technik – unserer Zivilisation das Genick zu brechen. Wird hier das technisch Mögliche erst zum Wünschenswerten, dann geraten Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ernsthaft in Gefahr. Embryonen als Rohstofflieferanten, Frauen als „Gewächshäuser“, deren Eizellen – wie es Jargon der Forscher heißt – „geerntet“ werden, mittels Gentechnik selektierte oder gar designte Kinder sind pures Gift für ein Verständnis vom Menschen, demzufolge alle zumindest insofern gleich sind, als sie jeweils mit einer zufälligen genetischen Ausstattung zur Welt kommen.

    Wundern kann das kaum. Wo sich der Mensch zum Schöpfer seiner selbst aufschwingt, reiht er sich zugleich in die Galerie seiner übrigen Werke ein. Die Folgen liegen auf der Hand: Als Menschen vermögen wir unsere Werke bewundern, doch räumen wir ihnen keine unantastbaren Rechte ein. Man muss also nicht erst den Gehorsam bemühen, um einen Grund zu haben, den Bischöfen zu folgen. Klugheit reicht völlig.

    Von Stefan Rehder