• aktualisiert:

    Was ist mit Kreuz, Kippa oder Turban?

    Replik auf das Plädoyer Boris Palmers für ein Kinderkopftuchverbot – Ein Gastbeitrag. Von Khola Maryam Hübsch

    Schülerin mit Kopftuch
    Soll das Kinderkopftuch verboten werden? In der letzten Woche erschien ein Plädoyer für ein Verbot durch den Tübinger Ob... Foto: dpa

    Wer könnte ernsthaft für ein Kinderkopftuch sein? Auch die meisten Muslime schütteln verständnislos den Kopf, wenn kleine Mädchen zum Tuch gezwungen werden. Imame betonen, dass das koranische Kopftuchgebot frühestens ab der Pubertät von Relevanz ist. Die Kritiker des Kopftuches nutzten diese breite gesellschaftliche Ablehnung des Kinderkopftuches als Türöffner ihrer grundsätzlich islamkritischen Agenda. Es geht „Terre des femmes“ nicht um das Kindeswohl: Im Duktus der Pegida-Bewegung wird eindringlich vor einer Islamisierung Deutschlands gewarnt und ein generelles Kopftuchverbot auch für erwachsene Frauen im öffentlichen Dienst gefordert. Geschürt wird damit die Angst vor dem Islam. Denn andernfalls würde man sich auch für ein Verbot der Kippa oder des Turbans für Jungen aussprechen. Ein Gesetz, das nur das Kopftuch verbietet, andere religiöse Symbole wie Kreuz, Kippa und Sikh-Turban jedoch erlaubt, stellt Muslime einseitig an den Pranger und gefährdet die Glaubwürdigkeit des zur Neutralität verpflichteten Staates.

    Werden unsere Grundwerte tatsächlich durch kleine Mädchen mit Kopftüchern bedroht? Ich meine, dass die eigentliche Gefahr für unsere demokratische Ordnung von denjenigen ausgeht, die im Namen einer behaupteten Bedrohung Grundwerte für Andersdenkende einschränken wollen. Das Recht auf religiöse Selbstbestimmung und Recht der Eltern auf Erziehung sind fundamentale Grundrechte. Wie überzeugend ist es, wenn der Staat Freiheiten verwehrt, um gegen eine aus seiner Sicht freiheitsbeschränkende Kleidung vorzugehen? Eine einseitige Verbotspolitik, die eine bereits marginalisierte Minderheit weiterhin an den Rand drängt, fördert nicht die Integration, sie fördert die Ablehnung der Demokratie, die dann als doppelmoralisch empfunden wird.

    Verbot hilft nicht weiter

    Ja, auch ich bin dagegen, dass kleinen Mädchen ein Kopftuch aufgenötigt wird. Doch glaube ich nicht, dass ihnen ein Verbot helfen wird. Verbote bewirken kein Umdenken. Wer das Betteln abschafft, tut nichts gegen Armut. Wer das Kinderkopftuch verbietet, bekämpft die fundamentalistischen Strukturen nicht, die in den Familien weiterhin wirken, sondern befeuert sie. Denn wer behauptet, das Kopftuch sexualisiere Kinder, übernimmt selbst die Deutung der Fundamentalisten.

    Muslimische Feministinnen betonen seit jeher, dass das selbstbestimmt getragene Kopftuch spirituelle Gründe hat und auch ein Ausdruck der Emanzipation ist – weil es Frauen frei vom männlichen Blick macht und sie sich einer vom Kapitalismus befeuerten Warenlogik entziehen. Der Koran nimmt übrigens in erster Linie Männer in die Pflicht, Frauen respektvoll zu behandeln und spricht erst dann vom Kopftuch (Sure 23: 31).

    Es ist deswegen mehr als scheinheilig, zu behaupten, ausgerechnet das Kopftuch sexualisiere kleine Mädchen und sei mit Restriktionen zu belegen. Zumal unsere freiheitlich-liberale Gesellschaft dann sehr vieles verbieten müsste: Von sexualisierender Mädchenkleidung und Spielzeug wie der Barbiepuppe bis zu frauenverachtenden Sendeformaten wie „Germany's next topmodel“ und sexistischen Musikvideos, Zeitschriften oder Filmen. Wer massenhaft verbreitete Phänomene einer in Teilen zutiefst sexistischen Populärkultur in Namen der Freiheit nicht sanktioniert, gleichzeitig aber ein Verbot eines religiösen Kleidungsstücks, das von einer verschwindend geringen Minderheit getragen wird, durchsetzen will, entlarvt sich selbst: Es geht ihm nicht um einen feministischen Kampf zum Schutz kleiner Mädchen, es geht um einen Kulturkampf und um die machtpolitische Zurückweisung einer als lästig empfundenen Minderheit.

    Dass dieser Kampf auf dem Rücken der Schwächsten ausgetragen wird, indem das Kinderkopftuch für eine grundsätzlich islamkritische politische Agenda instrumentalisiert wird, ist ein Armutszeugnis für die Demokratie. Kleidervorschriften und einseitige Verbote sind Maßnahmen autokratischer Regime. Unsere Antwort auf die Einschränkung der negativen Religionsfreiheit kann nicht darin bestehen, dass wir lediglich die Vorzeichen einer freiheitsfeindlichen Politik umkehren. Wir verteidigen freiheitliche Werte nicht, indem wir denjenigen ähnlich werden, die sie angreifen.

    Die Autorin ist Publizistin. Sie ist Muslima.

    Weitere Artikel