• aktualisiert:

    Was bleibt?

    „Sie haben viele Millionen Dollar ausgegeben – wieviele junge Menschen sind in diesen Tagen in die Kirche eingetreten?“ Auf diese provokative Frage – gestellt von einem südkoreanischen Journalisten in der Abschluss-Pressekonferenz des Weltjugendtages – wird sich der Organisator des Megaevents in Sydney, Weihbischof Anthony Fisher, vorbereitet haben. Zumindest ließ seine Antwort das erahnen: „Individuelle Glaubenserfahrungen lassen sich nicht statistisch erfassen. Eines aber ist nach dem Weltjugendtag klar: Australien ist kein areligiöses Land, eine neue Generation von jungen Menschen hat durch den Papst ein Lebensprogramm aufgezeigt bekommen und die australische Öffentlichkeit hat ein neues Bild von Papst, Kirche und Glauben gewonnen.“ Klare Ansage – für Australien.

    „Sie haben viele Millionen Dollar ausgegeben – wieviele junge Menschen sind in diesen Tagen in die Kirche eingetreten?“ Auf diese provokative Frage – gestellt von einem südkoreanischen Journalisten in der Abschluss-Pressekonferenz des Weltjugendtages – wird sich der Organisator des Megaevents in Sydney, Weihbischof Anthony Fisher, vorbereitet haben. Zumindest ließ seine Antwort das erahnen: „Individuelle Glaubenserfahrungen lassen sich nicht statistisch erfassen. Eines aber ist nach dem Weltjugendtag klar: Australien ist kein areligiöses Land, eine neue Generation von jungen Menschen hat durch den Papst ein Lebensprogramm aufgezeigt bekommen und die australische Öffentlichkeit hat ein neues Bild von Papst, Kirche und Glauben gewonnen.“ Klare Ansage – für Australien.

    Nach Angaben des Bischofs werden 120 000 Australier in ihre Gemeinden zurückkehren und ihre Erlebnisse mit den Zuhausegebliebenen teilen. Außerdem werde es im November eine zentrale Konferenz für alle mit Jugendarbeit und Jugendpastoral befassten Mitarbeiter und Geistlichen geben. Dort solle erörtert werden, wie sich eine solche Woche der Superlative in der Seelsorge vor Ort verstetigen lassen, sozusagen „eingemeinden“ kann. Es soll dabei auf die Betroffenen gehört, nichts von oben verordnet werden. Fisher betonte, dass bereits 70 000 internationale Gäste im Vorfeld des Weltjugendtags an den Tagen der Begegnung in den Diözesen Australiens teilgenommen hätten. Die Unterbringung in Gastfamilien, die gemeinsame Gestaltung sozialer Aktivitäten und des Freizeitprogramms mit den Gemeinden dürften auch Spuren hinterlassen haben. Der 48 Jahre alte Chefkoordinator des Weltjugendtags dankte auch den Medien. Die hatten ungewohnt positiv berichtet. Die Tatsache, dass alle großen Zeitungen mit dem Bild vom Kreuzestod Jesu aus dem am Freitag inszenierten Kreuzweg titelten, bezeichnete der Bischof als „Wunder“.

    Doch die Frage bleibt: Was nehmen die 110 000 internationalen Gäste von Sydney mit nach Hause. Der Vorwurf ist nicht neu: Es blieben lediglich Fotos, Souvenirs und die eine oder andere Email-Adresse? Doch selbst, wenn das so wäre, ist das gar nichts? Es sind nicht irgendwelche Fotos, Souvenirs und Email-Adressen. Das Foto vom gemeinsamen Messbesuch lässt andere Erinnerungen wach werden als dasjenige vom letzten Fußballspiel. Ein Kreuz, Rosenkränze oder Tassen mit christlichen Symbolen haben als Souvenirs einen anderen Aussagewert als ähnliche Utensilien mit der Skyline einer großen Stadt. Email-Adressen von jungen Freunden, mit denen man während der Vigil im wahrsten Sinne des Wortes über „Gott und die Welt“ gesprochen hat, werden anderen Inhalten den Weg über die elektronische Post bahnen als die Adresse der Klassenkameraden. Es gilt also vorsichtig zu sein mit einem vorschnellen Urteil.

    Darüber hinaus ist es schlicht unfair, diejenigen, die den langen, mitunter beschwerlichen Weg nach Sydney auf sich genommen haben, aus dem warmen Fernseh-Studio selbstgerecht zu bevormunden. Woher wissen manche Journalisten eigentlich, dass die Jungen in Sydney Kondome in den Hosentaschen, die Mädchen die Pille in der Handtasche hatten? Es ist kaum anzunehmen, dass sie die Nacht bei klirrender Kälte auf dem Feld mit denen verbracht haben, über die sie so berichten. Die Jugendlichen auf dem Weltjugendtag bieten ein gegensätzliches Bild zu dem, das manche Medien als Realität der Öffentlichkeit verkaufen wollen. 180 000 Pilger der insgesamt 235 000 Teilnehmer der Vigil sind den neun Kilometer langen Pilgerweg durch die Stadt marschiert, das Gepäck auf dem Rücken. Sie hätten auch den Bus nehmen können. Knapp 200 000 junge Menschen haben die Nacht unter freiem Himmel verbracht. Sie hätten auch die dafür eingerichteten Ausweichlager ansteuern können. 70 000 der internationalen Gäste haben die Tage vor dem Weltjugendtag in den teils sehr abgelegenen Diözesen Australiens verbracht. Sie hätten auch bloß die großen touristischen Attraktionen besuchen oder direkt zur „Megaparty Weltjugendtag“ anreisen können. Journalisten sollten das wissen.

    Was macht also den Weltjugendtag zu mehr als einem Rockfestival inklusive Papst? Der Charakter des Glaubensfestes verdichtet sich immer dann, wenn es um das Wesentliche geht: Gott, Jesus Christus selbst. Benedikt XVI. hatte die Stille von 700 000 jungen Menschen bei der eucharistischen Anbetung auf dem Marienfeld in Köln 2005 als „beeindruckend“ bezeichnet. Auf der Galopprennbahn Randwick wurde gleich mehrfach geschwiegen. Während der Anbetung, nach der Homilie am Sonntag, nach der Kommunion zum Abschlussgottesdienst.

    Jugendliche suchen Gottes Stille, deshalb sind sie nicht unkritisch

    Die Jugendlichen aus dem Ausland nehmen diese Erfahrungen mit. So zögerte die 17-jährige Maike Bauer aus dem Erzbistum Köln nicht lange mit ihrer Antwort auf die Frage nach dem beeindruckendsten Erlebnis: „Die Stille bei der Anbetung während der Vigil. 200 000 junge Menschen können sich doch nicht irren, noch dazu solche jungen Menschen.“ Den Vorwurf, es handle sich hier um unkritische Jugendliche, kontert der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner: „Ich habe nirgends kritischere junge Menschen erlebt als auf den Weltjugendtagen. Diese Jugendlichen sind kritisch – vor allem sich selbst, nicht nur Anderen gegenüber.“

    Wie sehr es den Jugendlichen um Inhalte geht, belegte das Erlebnis eines deutschen Journalisten aus dem Ruhrgebiet: Ihm sei das für Medien im Vorfeld ausgehändigte Textmanuskript der Predigten bei Vigil und Abschlussmesse von den deutschen Pilgern aus Kleve am Niederrhein noch auf dem Feld „geradezu aus der Hand gerissen worden“. Sein Bild hat sich geändert. Er hatte die Nacht bei den Jugendlichen verbracht. Sie tatsächlich kennengelernt. Und dann erst über sie geschrieben.

    Die deutschen Teilnehmer nehmen eine Menge mit aus Sydney. Der Kölner Stadtjugendseelsorger Dominik Meiering ist sich sicher: „Sydney bleibt nicht ohne Konsequenzen.“ Er werde die Möglichkeiten des weiteren Vorgehens gemeinsam mit den Jugendlichen besprechen – und ist sich einer ausgeprägten Resonanz gewiss.

    Kardinal Meisner machte deutschen Pilgern bei der Katechese ausdrücklich deutlich, dass die größte Verletzung Gottes darin bestehe, ihn nicht ernst zu nehmen. Die Botschaft des Papstes geht in dieselbe Richtung. Den Ungerechtigkeiten dieser Welt ist nicht durch naive Träumereien oder selbstgerechtes Gutmenschentum zu begegnen, sondern durch Festigkeit im aktiven Mittun beim Aufbau einer Zivilisation der Liebe. Er hat die jungen Christen aufgerufen, um den Heiligen Geist nicht nur zu beten, sondern auch sein Gesicht in dieser Welt zu sein. Sein Hinweis darauf, dass das Widerspruch und Kreuz bedeuten kann, zeugt davon, dass er um die Lebensumstände Jugendlicher heute weiß. Benedikt XVI. hat in Sydney keine theologischen Vorlesungen gehalten. Er hat den zweiten Teil des Leitspruchs für den XXIII. Weltjugendtag herausgestellt: „Und ihr werdet meine Zeugen sein.“ Er baut auf die Jugend, empfindet mit ihr und sieht sich auf demselben Weg wie sie. Das bleibt den Teilnehmern – allen.

    Von Nathanael Liminski