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    Warum Päpste nur schwer „urlauben“ können

    So ganz ohne Erholung blieben die Päpste nicht, auch wenn diese immer wieder pastorale Züge bekam. Von Ulrich Nersinger

    Papst wandert
    Seventy eight year old Pope John Paul II walks July 15 in the Dolomite mountains of northern Italy, where he is on a two... Foto: Vatican_Pool (ANSA/epa)

    Seit dem Pontifikat Urbans VIII. (Maffeo Barberini, 1623–1644) verfügen die Päpste in den Albaner Bergen über eine Residenz, den Apostolischen Palast von Castel Gandolfo. In früheren Zeiten pflegten sie sich in den Sommermonaten dorthin zu begeben. Nur in den Jahren zwischen dem Ende des alten Kirchenstaates (1870) und der Gründung des Vatikanstaates (1929) blieb ihnen der Aufenthalt hoch über dem Albaner See, gut 24 Kilometer vor den Toren Roms, durch die politischen Umstände verwehrt. Nach der Aussöhnung von Kirche und Staat – dem Heiligen Stuhl und dem Königreich Italien – konnte dann wieder ein Papst nach Castel Gandolfo fahren.

    Von einem der ersten Aufenthalte Pius’ XI. (Achille Ratti, 1922–1939) berichtete die „Illustrazione Vaticana“: „Der Papst kennt keine Rast, er hat nur seinen Aufenthaltsort geändert und ist dorthin gegangen, wo die Hitze weniger drückend, die Luft nicht so stickig, das Klima gemäßigter und die Gärten ausgedehnter sind. Die täglichen Obliegenheiten des Heiligen Vaters sind hier in keiner Weise verschieden von denen des Vatikans; wenn er gegen ein Uhr mittags seine Privat- audienzen beendet hat, ist es eine Freude zu sehen, wie er mit elastischen Schritten frohgestimmt die Säle seiner Gemächer durcheilt, um seine lieben Söhne und Töchter zu begrüßen, die auch hier Tag für Tag zusammenströmen, um seine Stimme zu hören und seinen Segen zu empfangen: Geistliche, Seminaristen, Ordensschwestern, katholische Vereine, Brautpaare, Kinder, Männer, Frauen.“

    Die Notiz in der „Illustrazione Vaticana“ verrät, dass der „Urlaub der Päpste“ nur wenig mit dem Begriff „Urlaub“ zu tun hat, wie wir ihn kennen und für uns als Erholung erleben. Die Päpste verließen ihre Residenz bei Sankt Peter in den heißen Monaten des Jahres vor allem wegen des ungesunden Klimas, das ihnen an dieser Stätte das alltägliche Leben erschwerte. Viele von ihnen „flohen“ in den vergangenen Jahrhunderten zum Papstpalast auf der Piazza Venezia oder in ihre Stadtresidenz beim Quirinal. Obschon nur einige hundert Meter vom Vatikan entfernt, verschaffte ihnen das dortige Mikroklima einen erträglichen, nicht allzu belastenden Aufenthalt. Nachdem Urban VIII. Güter in Castel Gandolfo erworben hatte und noch in seiner Regierungszeit die ersten Palastbauten entstanden, verlegten sie von da an nach dort ihre künftige Sommer„frische“.

    Zwar fuhr und fährt die Römische Kurie, um es salopp zu formulieren, ihr Arbeitspensum in den Sommermonaten herunter, doch die Angelegenheiten der Weltkirche verlangen über das ganze Jahr ihre Aufmerksamkeit und ihren Einsatz. Heute sogar mehr als früher. Castel Gandolfo entband den Papst nicht von seinen Amtspflichten. Unter einer Reihe bedeutender päpstlicher Dokumente ist zu lesen: „datum ex Arce Gandulphi – gegeben zu Castel Gandolfo“. In ihrer Sommerresidenz fanden regelmäßig Audienzen statt, Diplomaten fremder Mächte überreichten dem Papst dort ihre Ernennungsschreiben zu Botschaftern beim Heiligen Stuhl, Monarchen und Staatsoberhäupter wurden zu offiziellen Besuchen empfangen, so in jüngerer Zeit das japanische Kaiserpaar, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

    So ganz ohne Erholung blieben die Päpste nicht, auch wenn diese immer wieder pastorale Züge bekam. Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740–1774) erkundete mit großer Leidenschaft die Umgebung der Residenz. Unversehens betrat er Kirchen und Kapellen, lauschte den Predigten der Priester oder betete mit den Gläubigen den Rosenkranz. Klemens XIV. (Giovanni Vincenzo Ganganelli, 1769–1774) galt als ruhig, bescheiden und fromm, doch bei seinen Ausritten in die Umgebung Castel Gandolfos verließ den Papst sein sonst so ruhiges Naturell. Sein ungestümes Reiten erweckte bei der Umgebung des Papstes große Furcht; die Leichte Reiterei, die den Heiligen Vater bei seinen Ausritten zu begleiten hatte, konnte mit ihm nicht mithalten. Der Papst galoppierte seiner Eskorte oft davon, was ihm bei der Landbevölkerung Respekt und Bewunderung brachte.

    Pius IX. (Giovanni Maria Mastai Ferretti, 1846–1878) nutzte Castel Gandolfo und seine Umgebung zu ausgedehnten Ausflügen – zu Fuß, zu Pferde und in der Kutsche. Es soll im Umkreis von zehn Meilen keine Kirche, kein Kloster, keinen Adelssitz und kein Kolleg oder Wohltätigkeitsinstitut gegeben haben, das er nicht besucht hätte. Von Pius IX. wird berichtet, dass er zur Mittagszeit Wohnhäuser betrat, zu der Herdstelle ging und einen Blick in die Kochtöpfe wagte. Bemerkte er ein zu karges Mahl, hinterließ er den Bewohnern das ein oder andere Geldstück.

    Johannes Paul II. (Karol Wojtyla, 1978–2005) und Benedikt XVI. hatten erkannt, das ihnen die Sommerresidenz vor den Toren Roms nicht immer die erhoffte Erholung brachte. Und so unternahmen beide Kurzurlaube im norditalienischen Aosta-Tal. Für Papst Franziskus scheint „Urlaub“ ein Fremdwort zu sein. Nach eigenen Angaben hat er sich seit 1975 nicht mehr „auswärts“ erholt. Auf den Apostolischen Palast in Castel Gandolfo hat der Pontifex verzichtet und ihn zum Museum gemacht. „Ich ändere den Rhythmus, schlafe mehr, lese, was mir gefällt, höre Musik – das ist für mich Erholung“, erklärt er. Zwar fallen im Monat Juli die wöchentlichen Generalaudienzen aus, und erst im September finden in S. Marta wieder Messen mit den Gläubigen statt, doch ein Ortswechsel täte dem Papst gut.

    Vielleicht finden sich mutige Männer in seiner Umgebung, die ihn einmal – und sei es nur für eine Stunde – in die Vatikanischen Gärten entführen, wo er bei einem Glas Mate ein wenig Ablenkung vom Alltag findet und Momente der Entspannung erlebt.

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