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    „Vergelt's Gott, Hoher Herr!“

    „Die rote Brut! 600 Jahre Geschichte ignorieren – das muss man erst mal fertigbringen!“: So herzhaft rustikal eine Passantin am Samstag in Wien das Fernbleiben der österreichischen Staatsspitze vom Trauerkondukt, der den Leichnam Otto von Habsburgs durch die Wiener Innenstadt zur Kapuzinergruft geleitete, auch kommentierte: Damit wurde die Frau aus dem Volk den Regierenden der Republik nicht gerecht. Denn die waren in bislang nie gekannter Weise über ihren anti-habsburgischen Schatten gesprungen – und der ist in Österreich bekanntlich lang.

    Mit Kardinal Schönborn zelebrierte auch Paul Habsburg LC, der derzeit einzige Priester der Familie. Die Söhne und Töchte... Foto: dpa

    „Die rote Brut! 600 Jahre Geschichte ignorieren – das muss man erst mal fertigbringen!“: So herzhaft rustikal eine Passantin am Samstag in Wien das Fernbleiben der österreichischen Staatsspitze vom Trauerkondukt, der den Leichnam Otto von Habsburgs durch die Wiener Innenstadt zur Kapuzinergruft geleitete, auch kommentierte: Damit wurde die Frau aus dem Volk den Regierenden der Republik nicht gerecht. Denn die waren in bislang nie gekannter Weise über ihren anti-habsburgischen Schatten gesprungen – und der ist in Österreich bekanntlich lang.

    Wenn es sich auch im engen protokollarischen Sinne nicht um ein Staatsbegräbnis gehandelt hatte, so sah es einem solchen für ein diplomatisch ungeschultes Auge doch zum Verwechseln ähnlich. Hohe Offiziere des Bundesheeres leisteten Ehrenwache am Sarg des Verstorbenen, das Bundesheer spielte während der Prozession, hunderte Polizisten taten Ordnerdienste. Vor allem aber war die politische Klasse quasi vollständig zum Requiem angetreten: vom etwas vierschrötigen Wiener Bürgermeister Häupl über den Bundeskanzler Faymann bis hin zum Staatsoberhaupt Fischer selbst, „Rote“ sie alle. Fehlte nur die Nationalratspräsidentin Prammer (SPÖ), die, wie die Zeitung „Die Presse“ schrieb, „die Republik durch Nichtteilnahme am Begräbnis vor der Wiedererrichtung der Donaumonarchie“ schützen wollte. Mehr Größe bewies Bundespräsident Heinz Fischer, in jungen Jahren stark anti-habsburgisch sozialisiert. Als er nebst Gattin im Stephansdom vor der Bahre des Kaisersohnes respektvoll das Haupt neigte, fühlte man sich an den berühmten Handschlag erinnert, mit dem SPÖ-Kanzler Kreisky 1972 die schlimmste Verfemung des Erben der Dynastie durch den roten Teil Österreichs beendete.

    An Zumutungen für die Vertreter der Republik sollte es im Folgenden indessen nicht fehlen. Den Sarg selbst deckte die schwarz-gelbe Fahne der alten Monarchie. Nuntius Zurbriggen verlas das an „Seine kaiserliche Hoheit Erzherzog Karl“ gerichtete Beileidstelegramm des Heiligen Vaters, in dem – größte Sünde wider die Republik dies – von „Erzherzog Otto von Österreich“ die Rede war. Kardinal Schönborn, selbst aus altem kakanischem Adel, begrüßte den Chef des Hauses ebenfalls als „Erzherzog“ Karl – nach seit 1919 geltendem österreichischem Namensrecht bestenfalls ein Anachronismus, schlimmstenfalls ein glatter Gesetzesverstoß.

    Vor allem aber erteilte der Wiener Erzbischof der politischen Klasse in seiner Predigt eine Lektion im Umgang mit der Geschichte. Tage zuvor schon hatte er einen weniger „schlampigen“ Umgang der Österreicher mit ihrer Vergangenheit angemahnt. Jetzt schrieb er der Politik und dem ganzen Land ins Stammbuch: Otto „hat uns vorgelebt, wie wir unverkrampft aus dem Gestern für das Morgen schöpfen können. In Sachen Umgang mit der Geschichte dürfen wir in Österreich von ihm lernen. Und Lernen war noch nie eine Schande.“ Es gehöre zur political correctness, die Idee des Gottesgnadentums für völlig vorgestrig zu halten. „Otto von Habsburg hat sie, im ganz ursprünglich gemeinten Sinn, zuerst als Verantwortung verstanden: Nicht als ein Anrecht auf eine Herrscherposition, sondern als Auftrag, die anvertrauten Aufgaben, in die wir hineingestellt sind, in Verantwortung vor Gott wahrzunehmen.“ Zahllosen Menschen sei an Otto aufgefallen, dass er nicht von Standesdünkeln geprägt gewesen sei, sondern von dem „bescheidenen Selbstbewusstsein (Benedikt XVI.)“, der Erbe des Hauses Habsburg zu sein. Schönborn schloss mit einer Anekdote vom Mitteleuropäischen Katholikentag 2004 in Mariazell, an dem über 100 000 Gläubige aus allen Ländern der alten Monarchie – Böhmen, Kroaten, Ungarn und so weiter – teilnahmen. Eiskalt und regnerisch sei es gewesen. Nach der Messe habe er den 92-jährigen Otto und seine Gattin Regina gefragt, ob sie nicht schrecklich gefroren hätten. „Nein“, habe er mit einem unvergesslichen Freudestrahlen geantwortet, „dafür haben wir doch gelebt!“. Der Kardinal: „Dafür gelebt zu haben, dafür sage ich heute: Vergelt's Gott, Hoher Herr!“

    Versteinerte Mienen bei der alten Kaiserhymne

    Als am Ende des feierlichen Gottesdienstes dann noch die alte Hymne „Gott erhalte“ gesungen wurde, dass es den Dom erzittern ließ – „Innig bleibt mit Habsburgs Throne Österreichs Geschick vereint“ –, ließ Bundespräsident Fischer auch das noch mit versteinerter Miene und auf den Boden gerichteten Augen über sich ergehen. Der nicht weit von ihm sitzende Fürst von Lichtenstein konnte ein breites Grinsen ob der Pikanterie der Situation dann doch nicht unterdrücken.

    Damit entließen sich die Politiker wie gesagt. Was dann folgte, war eine Reise in die Zeit vor 1918. Traditionsverbände in k.u.k.-Uniformen – Husaren, Kaiserjäger und andere – gaben Otto beim Trauerkondukt durch die Wiener Innenstadt das letzte Geleit. Die Pummerin vom Stephansdom lieh ihr schweres Geläut. Doch nicht mehr trauernde Untertanen, sondern neugierige Touristen in kurzen Hosen bildeten bei strahlendem Sonnenschein das Spalier für den Sarg, das vielhundertköpfige Erzhaus, die Staatsoberhäupter aus Schweden, Luxemburg, Liechtenstein und Georgien, den alten Adel mit seinen Frauen, die ihre Häupter zur Trauer mit tiefschwarzen Spitzenmantillen bedeckt hatten. Schon ästhetisch war der Kontrast zur Mittelklassengesellschaft maximal. Fotohandys nahmen die hochadeligen Ritter vom Goldenen Vlies auf, deren Ordenssouverän Otto war, sahen katholische Studentenverbindungen in vollem Wichs und den hohen Klerus in allen Farben und Quasten der kirchlichen Hierarchie.

    Als der Kondukt durch die grandiose Hofburg zog, 21 Schuss Salut dröhnten aus der Ferne, wirkte es für einen Moment, als ob wieder der passende Fuß in dem architektonischen Schuh steckt, der der kleinen Republik so offensichtlich zu groß ist. Nach etwa eineinhalb Stunden dann traf der Sarg an seinem Ziel ein: der Kapuzinergruft, der Grablege des Kaiserhauses. Mit einem Stab pochte der Zeremonienmeister gegen die schwere Bronzetür und setzte so den berühmten Bestattungsdialog in Gang. „Wer begehrt Einlass?“, fragte ein bärtiger Kapuziner aus dem Innern. „Otto von Österreich, einst Kronprinz von Österreich-Ungarn, königlicher Prinz von Ungarn und Böhmen, von Dalmatien, Kroatien, Slawonien, Galizien, Lodomerien und Illyrien und so weiter“. „Wir kennen ihn nicht. Nach der Antwort auf die zweite Frage, die diesmal, anders als 1989 bei Kaiserin Zita, nicht eine verknappte Version der durch Geburt erworbenen Titel war sondern die persönlichen Leistungen und Ehrungen Ottos aufzählte, – das bürgerliche Zeitalter geht eben auch an Kaisersöhnen nicht spurlos vorbei – hieß es erneut: Wir kennen ihn nicht. Nach dem dritten Pochen dann antwortete der Zeremoniär: „Otto, ein sterblicher, sündiger Mensch.“ Von innen: „So komme er herein!“

    Die Pforten öffneten sich, Kapuziner mit brennenden Kerzen in der Hand traten heraus und empfingen den Leichnam Ottos, der hier neben seiner tags zuvor überführten Frau Regina die letzte Ruhe finden wird. Die Schützen schossen Salut, das Bundesheer spielte nacheinander Österreichs Bundeshymne, das Europalied und die Kaiserhymne. So versöhnt kann Geschichte sein. Fraglos ein Ende, dem ein Zauber innewohnte.