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    Unzufriedenheit ist Futter für die Linken

    Azize Tank heißt die Direktkandidatin der Linken im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Sie kam 1950 in der Türkei zur Welt und lebt seit 1973 in Berlin. Fast 20 Jahre lang war sie Migrationsbeauftragte in Charlottenburg-Wilmersdorf. Tank hat schulterlange, graue Locken, trägt eine enge Lederjacke und ein edles Parfüm. Einen Tag, nachdem die Linken in Bayern an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert sind, steht Tankauf dem Kaiser-Wilhelm-Platz in Berlin und verbreitet Optimismus. „Die Linke ist die einzige Partei, die für soziale Gerechtigkeit eintritt“, sagt sie . Mit dieser Argumentation will Tank bei der Bundestagswahl punkten in einer Stadt, die eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent hat. In den alten Bundesländern sind es sechs Prozent. Das Durchschnittseinkommen der Berliner liegt laut Bundesagentur für Arbeit bei 2 555 Euro brutto pro Monat. Tank baut auf die Unzufriedenheit mit diesen wirtschaftlichen Verhältnissen. Laut dem Flyer, mit dem sie für sich wirbt, kämpft sie gegen Kinder- und Altersarmut, für die Rechte von Frauen und Migranten und für bezahlbare Mieten.

    Azize Tank heißt die Direktkandidatin der Linken im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg. Sie kam 1950 in der Türkei zur Welt und lebt seit 1973 in Berlin. Fast 20 Jahre lang war sie Migrationsbeauftragte in Charlottenburg-Wilmersdorf. Tank hat schulterlange, graue Locken, trägt eine enge Lederjacke und ein edles Parfüm. Einen Tag, nachdem die Linken in Bayern an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert sind, steht Tankauf dem Kaiser-Wilhelm-Platz in Berlin und verbreitet Optimismus. „Die Linke ist die einzige Partei, die für soziale Gerechtigkeit eintritt“, sagt sie . Mit dieser Argumentation will Tank bei der Bundestagswahl punkten in einer Stadt, die eine Arbeitslosenquote von 13 Prozent hat. In den alten Bundesländern sind es sechs Prozent. Das Durchschnittseinkommen der Berliner liegt laut Bundesagentur für Arbeit bei 2 555 Euro brutto pro Monat. Tank baut auf die Unzufriedenheit mit diesen wirtschaftlichen Verhältnissen. Laut dem Flyer, mit dem sie für sich wirbt, kämpft sie gegen Kinder- und Altersarmut, für die Rechte von Frauen und Migranten und für bezahlbare Mieten.

    An diesem Montagnachmittag tritt Azize Tank zusammen mit anderen Berliner Direktkandidaten der Linken in Tempelhof-Schöneberg auf, das im ehemaligen Westberlin liegt. Auch Gregor Gysi, Vorsitzender der Bundestagsfraktion und eine Ikone der Partei, wird erwartet. Es ist herbstlich kühl. Der Feierabendverkehr rauscht an dem Infostand und einer kleinen Bühne vorbei. Die Geschäfte und Cafés und das Einkaufszentrum in der Nähe des Kaiser-Wilhelm-Platzes sind gut besucht. Auf der Bühne versucht jetzt ein junger Rapper in Jeans und Schlabberpullover, die Passanten auf die Wahlkampfveranstaltung und auf die Forderungen der Linken aufmerksam zu machen. Kernige Worte fallen. Er singt von Hartz IV und der Hoffnungslosigkeit der Menschen, die es bekommen. Einige Menschen fühlen sich bestätigt. Rund 150 Menschen finden sich schließlich vor der Bühne ein.

    Im Osten sind die Linken im Schnitt über sechzig

    Ein paar Frauen und Männer in den Zwanzigern gehören dazu, ansonsten sieht man viele Menschen über 50. In Ostdeutschland sind die Mitglieder der Linken im Durchschnitt älter als 60 Jahre, und auch an diesem Tag sind viele Alt-Linke gekommen. Einige Zuhörer zischen ein Bierchen. Eine Frau mit Kopftuch geht herum und bettelt. Ein Mann mit Rollator versucht, jedem, der an ihm vorbeigeht, ein Obdachlosen-Magazin zu verkaufen. Was Wahlen anbelangt, ist Berlin nach wie vor eine geteilte Stadt. Die CDU ist in den gutbürgerlichen Bezirken des ehemaligen Westens stark, etwa in Reinickendorf. Die Linken errangen 2009 in Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf, beide ehemals Ostberlin, je 47 Prozent der Stimmen. Doch überall in der Stadt erinnert man sich jetzt daran, dass der rot-rote Berliner Senat, der 2011 abgewählt wurde, für soziale Kürzungen verantwortlich war. Die Linken hatten sie mitgetragen. Zudem vollzieht sich die Spaltung der Stadt nicht nur in Ost-West-Richtung. So haben die Grünen zahlreiche Anhänger sowohl in Kreuzberg (ehemals West) als auch im benachbarten Studenten-Mekka Friedrichshain und in Prenzlauer Berg (beide ehemals Ost). In diesem Kiez leben inzwischen die gut verdienende bürgerliche Mitte und viele Zugezogene aus Süddeutschland. Hier finden die Grünen Rückhalt wie eine Volkspartei, und hier kann sich Christian Ströbele wieder Hoffnung auf ein Direktmandat machen.

    In Tempelhof-Schöneberg kamen die Grünen 2009 auf 26 Prozent, die Linken schafften immerhin acht Prozent. An diesem Erfolg will die Direktkandidatin Azize Tank anknüpfen. „Viele Menschen müssen aus dem Bezirk wegziehen, weil sie die Mieten nicht mehr bezahlen können“, beklagt sie. Das Problem betrifft die gesamte Stadt. Berlin ist in den vergangenen Jahren ein beliebtes Ziel wohlhabender Menschen aus Deutschland, Westeuropa, Skandinavien und den USA geworden. Angesichts der Euro-Krise und der niedrigen Zinsen möchten sie gern in so etwas Beständiges wie Altbau-Immobilien investieren – und das in einer so attraktiven Stadt wie Berlin. Sie tragen dazu bei, dass die Mieten steigen. Der soziale Wohnungsbau aber reicht für die vielen einkommensschwachen Berliner Familien kaum aus. Laut dem Berliner Mieterverein müssen diese oft monatelang nach einer passenden Bleibe suchen. Selbst der einstmals so unbeliebte Plattenbau erreicht daher ungeahnten Zulauf.

    Die Machtkämpfe in der Partei werden ausgeblendet

    Alles Futter für die Linken. Sie bestätigen ihre Anhänger darin, dass eine andere Politik möglich sei. Die Linken-Wähler erleben die Slogans der Partei nicht als Wünsch-dir-was-Programm, sondern als fundierte Antwort auf brennende Fragen. Dass es Machtkämpfe gibt zwischen den eher bodenständig wirkenden ostdeutschen Politikern und den Alt-Linken, welche die Partei im Westen prägen, blenden sie aus. Sie habe während der vergangenen Wochen „viel Zuspruch erhalten“, bestätigt auch Azize Tank. Doch ob es der Partei mit Hilfe der Berliner Stimmen am Wahlsonntag gelingt, deutschlandweit ein zweistelliges Ergebnis einzufahren, wie es sich die Genossen wünschen? Während der Veranstaltung in Tempelhof-Schöneberg schütteln einige Passanten die Köpfe und gehen weg: Den Nachfolger der ehemaligen DDR-Regierungspartei SED möchten sie nicht wählen.

    Endlich kommt Gregor Gysi, immer noch der Star der Linken. „Sieh an, der fährt aber ein dickes Auto!“, meint eine Frau. Gysi betritt die Bühne und entfaltet sein rhetorisches Talent, was sofort Wirkung zeigt. Die meisten Zuhörer lauschen aufmerksam und bleiben auch auf dem Kaiser-Wilhelm-Platz, als ein leichter Regen einsetzt. Gregor Gysi sagt das Gleiche, was er schon im Fernseh-Dreikampf gegen Jürgen Trittin und Rainer Brüderle am 2. September in der ARD proklamiert hat und was er an diesem Montagabend auch in Frank Plasbergs „Hart aber fair“ wiederholen wird. Über eine Koalition mit der SPD und den Grünen nach der Bundestagswahl äußert er sich in Tempelhof-Schöneberg nicht. Doch in Plasbergs Talkshow sagt er in Richtung SPD: „Wir sind gesprächsbereit!“