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    Unterirdischer Hass

    Auf der einen Seite friedliche Demonstranten, die schweigend mit weißen Holzkreuzen durch die Straßen ziehen, auf der anderen Seite aggressive Gegendemonstranten, die mit lautem Geschrei und Trillerpfeifen stören. Dieses kontrastreiche Bild bot sich am Samstagnachmittag in der Berliner Innenstadt.

    Auf der einen Seite friedliche Demonstranten, die schweigend mit weißen Holzkreuzen durch die Straßen ziehen, auf der anderen Seite aggressive Gegendemonstranten, die mit lautem Geschrei und Trillerpfeifen stören. Dieses kontrastreiche Bild bot sich am Samstagnachmittag in der Berliner Innenstadt.

    Der Bundesverband Lebensrecht (BVL), der Dachverband der deutschen Lebensrechtsorganisationen, hatte am Tag vor der Bundestagswahl zum „Marsch für das Leben“ eingeladen, um gegen Abtreibung und für das Leben zu demonstrieren. Laut Polizeiangaben folgten etwa 1 300 Menschen der Einladung in die Hauptstadt und nahmen am Schweigemarsch vom Roten Rathaus bis zur St. Hedwigs-Kathedrale teil. Damit war die Beteiligung deutlich stärker als im vergangenen Jahr, als etwa 800 Lebensschützer demonstriert hatten.

    Der „Marsch für das Leben“ begann mit einer Kundgebung am Roten Rathaus, moderiert von dem am selben Morgen neu gewählten BVL-Vorsitzenden, dem Bonner Journalisten und Publizisten Martin Lohmann. Hier legte eine junge Frau, die selber eine Abtreibung hatte vornehmen lassen, ein bewegendes Zeugnis ab. Den Tränen nahe schilderte sie die Grausamkeit der Abtreibung, die Einsamkeit, die sie bei ihrer Entscheidung empfand, die Alpträume, die sie immer wieder einholen. „Ich denke jeden Tag an mein Kind und würde alles dafür tun, meine Entscheidung wieder rückgängig zu machen“, so die junge Frau.

    Neben dem katholischen Weihbischof Andreas Laun aus Salzburg nahm auch der Bischof der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK), Hans-Jörg Voigt, am Marsch persönlich teil. Andere, etwa der Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, und der EKD-Ratsvorsitzende, Bischof Wolfgang Huber, sendeten Grußworte. Daneben wurden Grußworte einiger Unions-Politiker verlesen, darunter von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers, vom Europaabgeordneten Martin Kastler (CSU), vom Vorsitzenden der Jungen Union, Philipp Mißfelder, und vom Vorsitzenden der Senioren Union, Professor Otto Wulff.

    Mißfelder und Wulff forderten in ihrem gemeinsamen Grußwort, werdende Mütter nicht allein zu lassen, sondern sie zu bestärken und ihnen mit umfassender Beratung zur Seite zu stehen. „Es muss gelingen, dass Kinder als Bereicherung des Lebens und Geschenk Gottes angesehen werden.“ Und: „Wir dürfen uns nicht scheuen, uns öffentlich zum Glauben, zum christlichen Menschenbild und zur Familie zu bekennen“, ermunterten die beiden CDU-Politiker die Marschteilnehmer.

    Der Europaabgeordnete Martin Kastler zitierte in seinem Grußwort Mutter Teresa: Die Abtreibung töte immer zwei, das ungeborene Kind und das Gewissen der Mutter. „Wie abgetötet das Gewissen vieler in unserer Gesellschaft bereits ist, sehen wir als Lebensrechtler immer dann, wenn versucht wird, Fragen des Lebensschutzes – ob am Anfang oder am Ende des Lebens – an den Rand der Gesellschaft zu schieben“, so Kastler. In Zeiten, in denen von verschiedenen Stellen sogar ein „Recht auf Abtreibung“ gefordert werde, sei es manchmal unbequem und erfordere Zivilcourage, sich öffentlich zum Recht auf Leben zu bekennen. Der CSU-Politiker bedankte sich denn auch bei den Lebensrechtlern, „dass Sie dieses Recht auf Leben der Gesellschaft und der Politik mit Ihrem Schweigemarsch ins Stammbuch schreiben“.

    Dass ein „Recht auf Abtreibung“ von vielen Menschen aggressiv gefordert wird, konnte man beim „Marsch für das Leben“ wieder hautnah erleben. Etwa 400 Gegendemonstranten der vornehmlich linken Szene waren unter dem Motto „1 000 Kreuze in die Spree“ zusammengekommen, um die Veranstaltung mit Trillerpfeifen und lautem Geschrei zu stören. Sie versuchten die Lebensrechtler zu provozieren, indem sie aufgeblasene Kondome, Sexspielzeuge und Plakate mit aufgemalten Geschlechtsorganen hochhielten und blasphemische Rufe skandierten: „Hätt‘ Maria abgetrieben, wärt Ihr uns erspart geblieben“, „Ich habe mit Jesus geschlafen“, „Sex ohne Ehe, ist worauf wir stehen“ und „Wir, die Perversen, sind Euch auf den Fersen“. Selbst das sehr persönliche Zeugnis der jungen Frau störten die Gegendemonstranten durch lautstarke Zwischenrufe. Die während der Kundgebung vorgetragenen Lieder des christlichen Liedermachers Wolfgang Tost bedachten die Abtreibungsbefürworter mit Spott und Häme.

    Ein Bündnis aus Homosexuellen-Gruppen, der „Antifa“, der Linkspartei und „Pro Familia“ hatte bereits im Vorfeld zur Gegendemonstration gegen, wie es hieß, „christlichen Fundamentalismus“ aufgerufen. In einer Erklärung wurde den Lebensrechtlern vorgeworfen, durch „statistisch unhaltbare Angaben über die Anzahl der Abtreibungen“ und die „erfundene Krankheit Post-Abortion-Syndrome“ Frauen moralisch unter Druck zu setzen und einzuschüchtern. In einem anderen Aufruf fordern die Abtreibungsbefürworter „die uneingeschränkte Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland“ und den „Zugang zu effektiven und kostengünstigen (kostenlosen für Minderjährige und Personen mit geringem Einkommen) Verhütungsmitteln“.

    „Wer schreit, hat nichts zu sagen!“, entgegnete der BVL-Vorsitzende Lohmann den Gegendemonstranten. „Wir Lebensschützer haben viel zu sagen und sind tolerant: Wir sind gewaltfrei für das Leben und wünschen eine Gesellschaft, die mehr Respekt hat vor der Unantastbarkeit der Menschenwürde und dem Leben von Anfang bis Ende. Wer das Leben schützt, sorgt für Humanität und Solidarität in Deutschland“, so Lohmann während der Kundgebung.

    Trotz des zum Teil aggressiven Vorgehens der Gegendemonstranten blieben größere Zwischenfälle bei der Kundgebung, dem Marsch und dem abschließenden ökumenischen Gottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale aus, was nicht zuletzt dem starken Polizeiaufkommen zu danken war. Den Abtreibungsbefürwortern gelang es dennoch, ein Dutzend Kreuze zu entwenden und in die Spree zu werfen.

    Martin Lohmann zeigte sich erfreut über den Marsch und dankte den Teilnehmern für ihren mutigen Einsatz. Er hoffe, dass sich die Botschaft des Lebens weiter verbreite und bei kommenden Veranstaltungen noch mehr Menschen gegen Abtreibung und für das Leben demonstrieren. Zugleich zeigte er sich traurig über die massiven Provokationen und Beleidigungen der Gegendemonstranten: „Es ist ein Skandal, dass Christen, die friedlich für das Leben demonstrieren, solch ein unterirdischer Hass entgegenschlägt. Bei solchen Attacken darf niemand in Deutschland weghören und wegsehen“, so der BVL-Vorsitzende gegenüber dieser Zeitung.

    Der „Marsch für das Leben“ hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich auch öffentlich für den uneingeschränkten Schutz des menschlichen Lebens einzusetzen. Deutlich wurde, dass sich die Abtreibungsbefürworter zunehmend radikalisieren und Hass gegenüber Abtreibungsgegner entwickeln.

    Von Matthias Lochner