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    „Uns wird die Gegenwart und die Geschichte genommen“

    New York (DT/OM/dpa) UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich empört gezeigt über die gezielte Zerstörung altorientalischer Kulturstätten durch IS-Terroristen im Irak. Ban rief die internationale Staatengemeinschaft in einer Mitteilung vom Sonntag (Ortszeit) dazu auf, wie bereits vom Weltsicherheitsrat gefordert den abscheulichen Terror zu stoppen. Auch der illegale Handel mit Kulturgütern müsse unterbunden werden.

    Schon 2003 mussten historische Schätze des Irak bewacht werden: Als das Regime kollabierte, wurden viele davon beschädig... Foto: dpa

    New York (DT/OM/dpa) UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich empört gezeigt über die gezielte Zerstörung altorientalischer Kulturstätten durch IS-Terroristen im Irak. Ban rief die internationale Staatengemeinschaft in einer Mitteilung vom Sonntag (Ortszeit) dazu auf, wie bereits vom Weltsicherheitsrat gefordert den abscheulichen Terror zu stoppen. Auch der illegale Handel mit Kulturgütern müsse unterbunden werden.

    Auch Kirchenvertreter verurteilen die Zerstörung auf das Schärfste. Im Gespräch mit dieser Zeitung sagte der irakische Geistliche Emanuel Youkhana, Archimandrit der Assyrischen Kirche des Ostens, am Montag, dass exakt hundert Jahre nach dem osmanischen Genozid an Armeniern und Assyrern derzeit ein kultureller Genozid am assyrischen Volk verübt werde. „Unser Volk wird vom IS massakriert. Wir wurden aus unserer Heimat in Syrien und dem Irak vertrieben. Was uns geblieben war, waren die Monumente, die von unserer Geschichte sprachen. Wir haben jetzt das Gefühl, dass uns neben unserer Gegenwart auch noch unsere Geschichte genommen wird. Was bleibt uns damit für die Zukunft? Uns blutet das Herz.“

    Der Geistliche, der das Hilfswerk CAPNI zur Unterstützung bedrängter Christen im Nahen Osten leitet, sagte weiter, dass sich sein Volk hilflos fühle angesichts der vom „Islamischen Staat“ verübten physischen und kulturellen Gewaltverbrechen. „Was kann eine kleine Minderheit wie die unsere tun? Wir erwarten, dass die internationale Gemeinschaft, die Europäer und die Amerikaner, intervenieren. Es handelt sich ja nicht nur um unser assyrisches Erbe, sondern um ein kulturelles Erbe der gesamten Menschheit. Es geht um die Zeugnisse einer 7 000 Jahre alten Hochkultur, die derzeit unwiederbringlich zerstört werden.“

    Er sei sehr enttäuscht vom bisherigen Einsatz des Westens, so der Archimandrit. „Wir erwarten mehr militärische, politische und humanitäre Intervention. Der Nahe Osten, auch das Zweistromland Mesopotamien, der heutige Irak, ist die Wiege der Christenheit und der Zivilisation. Wenn es mit Vertreibungen und Zerstörungen so weitergeht, dann wird das hier ein Museum, aber eine lebendige christliche Gemeinde wird es nicht mehr geben. Wir wollen aber kein Museum sein, sondern unsere Zukunft hier gestalten. Wir wollen Teil des islamisch-christlichen Mosaiks bleiben, das den Nahen Osten so lange geprägt hat. Das geht aber nur, wenn die internationale Gemeinschaft ihren Worten von Menschenrechten endlich auch die nötigen Taten folgen lässt. Nur dann.“ Die über weite Teile des Iraks herrschende Terrororganisation „Islamischer Staat“ setzt im Irak hemmungslos die Vernichtung altorientalischer Kulturstätten fort. IS-Kämpfer hätten am Sonntag assyrische Ruinen bei Chorsabad in der Provinz Ninive gesprengt, sagte ein Mitarbeiter der Altertumsbehörde von Ninive der Deutschen Presse-Agentur. Seit Tagen zerstören die Dschihadisten wertvolle jahrtausendealte Relikte im Irak – darunter mit Al-Hadra auch eine der wenigen Unesco-Weltkulturerbestätten des Landes.

    Chorsabad liegt knapp zwölf Kilometer nördlich der IS-Hochburg Mossul. Die Ortschaft beherbergt Überreste der um 700 vor Christus gebauten assyrischen Königsresidenz Dur Scharrukin, die Aufschlüsse über das Leben der altorientalischen Kultur der Assyrer liefert. Nach Angaben der Altertumsbehörde hätten die IS-Kämpfer Teile der Ruinen gesprengt und weitere Kulturgüter aus Dur Scharrukin geplündert.

    Dur Scharrukin ist bereits die dritte Stätte im Nordirak, die der Miliz zum Opfer fällt. Am Samstag sprengten die Dschihadisten Teile Al-Hadras, zuvor schleiften sie Ruinen im assyrischen Nimrud und zertrümmerten jahrtausendealten Statuen. Al-Hadra liegt rund 110 Kilometer südlich von Mossul. Die Stadt hat ihre Ursprünge im dritten Jahrhundert vor Christus. In ihrem Wert ist das Weltkulturerbe mit den Ruinenstädten des syrischen Palmyra und des libanesischen Baalbek vergleichbar. Laut Hamid al-Dschuburi, Leiter der Abteilung für Altertümer der Mossuler Universität, sollen IS-Kämpfer Ruinen in der Stätte mit Sprengstoff in die Luft gejagt haben. „Das stellt einen Verlust dar, der nicht aufgewogen werden kann“, sagte Al-Dschuburi der Deutschen Presse-Agentur.

    Ende vergangener Woche hatten die IS-Kämpfer die einstige assyrische Hauptstadt Nimrud knapp 40 Kilometer südlich von Mossul angegriffen. Nach Angaben des irakischen Altertumministeriums hatten die Kämpfer die Stadt am Donnerstag überrannt und begonnen, die antike Stätte mit schwerem Gerät zu zerstören. Erst Ende Februar hatten die Dschihadisten ein Video veröffentlicht, das die Zerstörung assyrischer Kulturgüter zeigt. So zertrümmerten sie Statuen im Museum Mossul und eine einzigartige assyrische Torhüterfigur, die mehr als 2 600 Jahre alt ist. In dem Video erklärt ein IS-Anhänger, die Statuen hätten der Vielgötterei gedient. Die Sunnitenmiliz beruft sich dabei auf eine Interpretation des Islams, die die bildliche Darstellung von Menschen und Gott verbietet.