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    „Uns eint viel mehr, als was uns trennt“

    Inmitten Jerusalems liegt das katholische Saint Louis Hospital. Der Innenstadtverkehr braust laut an dem Gebäude vorbei. Die quirlige Altstadt fängt auf der anderen Straßenseite an. Zwischen 1948 und 1967, nach der israelischen Staatsgründung und Eroberung Ost-Jerusalems im Sechs-Tage-Krieg, war dies eine unüberwindliche Distanz. Denn das vom französischen Konsulat und dem Lateinischen Patriarchat im 19. Jahrhundert gegründete Krankenhaus lag damals direkt an der Grenze zum Niemandsland, das Jerusalems arabischen Osten vom israelischen Westen trennte. Dem Krankenhaus gegenüber lag Jordanien. Scharf wurde hier auf alles geschossen, was zwischen die Fronten geriet. Meistens jedenfalls. Schwester Monika Düllmann, die deutsche Leiterin des Krankenhauses, weiß von heute komisch anmutenden Ausnahmen zu erzählen. „Einmal fiel einer Patientin das Gebiss durch das Fenster. Das wiederzubekommen war gar nicht so einfach. Denn es lag jetzt in der Todeszone. In der Folge mussten ein jordanischer, israelischer und britischer Soldat mit einer weißen Fahne ausrücken, um der Patientin ihr Gebiss zurückgeben zu können.“

    Im Saint Louis Hospital trägt die Nächstenliebe auch zur Völkerverständigung bei: Schwester Monika am Bett einer Patient... Foto: Maksan

    Inmitten Jerusalems liegt das katholische Saint Louis Hospital. Der Innenstadtverkehr braust laut an dem Gebäude vorbei. Die quirlige Altstadt fängt auf der anderen Straßenseite an. Zwischen 1948 und 1967, nach der israelischen Staatsgründung und Eroberung Ost-Jerusalems im Sechs-Tage-Krieg, war dies eine unüberwindliche Distanz. Denn das vom französischen Konsulat und dem Lateinischen Patriarchat im 19. Jahrhundert gegründete Krankenhaus lag damals direkt an der Grenze zum Niemandsland, das Jerusalems arabischen Osten vom israelischen Westen trennte. Dem Krankenhaus gegenüber lag Jordanien. Scharf wurde hier auf alles geschossen, was zwischen die Fronten geriet. Meistens jedenfalls. Schwester Monika Düllmann, die deutsche Leiterin des Krankenhauses, weiß von heute komisch anmutenden Ausnahmen zu erzählen. „Einmal fiel einer Patientin das Gebiss durch das Fenster. Das wiederzubekommen war gar nicht so einfach. Denn es lag jetzt in der Todeszone. In der Folge mussten ein jordanischer, israelischer und britischer Soldat mit einer weißen Fahne ausrücken, um der Patientin ihr Gebiss zurückgeben zu können.“

    Diese Art von Völkerverständigung durch Dienst am Kranken führt das Krankenhaus bis heute fort. „Im Grunde ist es in Israel nichts Besonderes, dass Juden, Muslime und Christen im selben Krankenhaus behandelt werden. Das ist eigentlich die Regel. Was unser Haus aber von anderen unterscheidet, ist, dass wir hier versuchen, das bewusst zu leben. So feiern wir alle Feste der drei Religionen zusammen. Es könnte ja immer das letzte Fest unserer Patienten sein“, sagt Schwester Monika. Anders als zu Zeiten seiner Gründung ist das Saint Louis Hospital heute nämlich kein normales Krankenhaus mehr. Vielmehr werden hier Schwerstkranke und Menschen in ihrer letzten Lebensphase gepflegt. „Etwa ein Drittel unserer Patienten sind Krebspatienten. Die meisten davon sind Hospizpatienten. Das nächste Drittel unserer fünfzig Betten wird von chronischen Schwerstpflegefällen belegt wie Menschen, die einen Schlaganfall erlitten haben. Und das restliche Drittel bildet unser Altenheim. Hier leben alte Priester und Ordensleute oder Patienten, die von schweren chronischen Erkrankungen genesen sind, aber schon so lange bei uns sind, dass das quasi ihr Zuhause geworden ist.“ Außerdem nimmt sich das Krankenhaus der Patienten an, die sonst keiner haben will. Psychisch kranke Krebspatienten etwa. Oder Aidskranke. „Als in den achtziger Jahren Aids verstärkt aufzutreten begann, waren wir es, die Infizierte aufnahmen. Die ersten Aids-Toten in Israel starben hier. Das war noch zu einer Zeit, als man nicht wusste, wie die Krankheit übertragen wird und man in den israelischen Krankenhäusern Wäsche und Müll von Aidspatienten verbrannte.“

    Geführt wird das Haus vom Orden der Josefsschwestern von der Erscheinung. Die Gemeinschaft wurde im 19. Jahrhundert in Frankreich gegründet und kam 1848 als erster katholischer Frauenorden ins Heilige Land. Seit der Gründung des Krankenhauses 1851 pflegen die Schwestern hier Kranke. 13 Schwestern leben noch im Haus. Vier von ihnen leisten noch aktiven Dienst. Unterstützt werden die Schwestern und das Hauspersonal von Volontären. 27 sind es derzeit, was eine intensive Pflege der Patienten ermöglicht.

    Schwester Monika kommt es aber nicht nur auf eine optimale körperliche Pflege der Patienten an. „Wir bemühen uns, den Glauben unserer Patienten zu respektieren und ihnen ein Zuhause zu geben. Dazu gehört selbstverständlich auch, dass wir die Ernährungsgesetze der Juden beachten. Unsere Küche kocht deshalb koscher. Es gibt auf der Welt keine weitere Einrichtung in katholischer Trägerschaft, der das mit einem Zertifikat vom israelischen Oberrabbinat regelmäßig bestätigt wird.“ Auch den Muslimen wird Rechnung getragen. „Zum islamischen Opferfest gibt es Lamm und natürlich enthält der Geburtstagskuchen muslimischer Patienten keinen Alkohol.“ Und zum christlichen Osterfest bekommen alle ein buntes Ei zum Frühstück. Der Nahostkonflikt spielt im Haus keine Rolle: „Wir haben hier jüdische Siedler, die sich mit Palästinensern ein Zimmer teilen. Aber unsere Patienten sind viel zu krank, als dass sie sich um Politik kümmern könnten. Außerdem stellen sie hier fest: Uns eint viel mehr, als was uns trennt. Es ist schon vorgekommen, dass ultra-orthodoxe Juden aus Dankbarkeit Ordensschwestern umarmt haben. Das kommt außerhalb unseres Hauses nicht oft vor.“

    Auch in der Ethikkommission des Hauses sind die drei monotheistischen Religionen vertreten. „Es ist interessant zu sehen, wie die unterschiedlichen Religionen die Gewichte anders legen. Die Muslime sind sehr gottergeben und eher skeptisch, was den Einfluss unserer menschlichen Entscheidungen auf den Zeitpunkt des Lebensendes angeht. Bei Juden spielt die Lebensverlängerung tendenziell eine größere Rolle. Wir Christen hingegen würden den Schwerpunkt vielleicht eher auf Linderung von Schmerzen legen. Uns alle aber eint der unbedingte Respekt vor dem menschlichen Leben in allen seinen Phasen.“

    So beeindruckend die Arbeit des Hospizes ist: Ungefährdet ist sie nicht. Der Grund: Aufgrund einer israelischen Reform der Altenpflege darf es bis 2016 nur noch Doppelzimmer im Haus geben. Diese müssen zudem über ein eigenes Bad verfügen. „Das stellt uns finanziell vor große Herausforderungen. Wir brauchen etwa zwei Millionen Euro, um die genehmigte Erweiterung auf sechzig Betten und die Auflagen erfüllen zu können. Ansonsten droht uns die Schließung“, sagt Schwester Monika. Etwa die Hälfte habe man bislang schon sammeln können. „Der größere Teil davon ist durch Spenden aufgekommen. Mich bewegt dabei, dass es auch Kleinspender aus dem Heiligen Land gibt, die so ihre Dankbarkeit ausdrücken.“

    Allein ist das Hospital indes nicht. Ein Freundeskreis versucht zu helfen, auch der Deutsche Verein vom Heiligen Lande. Und auch die Grabesritter nehmen sich des Hauses und seines Fortbestands an. Der Münchener Ritter Folker Müller koordiniert in der Bayerischen Provinz die Projekte im Heiligen Land. „Wir wollen dazu beitragen“, so Müller, „dass diese christliche Einrichtung der Nächstenliebe erhalten bleibt. Auch im Hinblick auf die Tatsache, dass im Hospital St. Louis jüdische und muslimische Gläubige untergebracht werden und wir als Christen so ein positives Zeichen der Toleranz im Umgang mit anderen Religionen setzen. In der Ordensprovinz Bayern haben wir bisher unter den Ordensmitgliedern eine Summe von 70 000 Euro allein für dieses Projekt aufgebracht. Doch angesichts der benötigten Gesamtsumme von zwei Millionen Euro ist jede Unterstützung willkommen. Wer helfen möchte, kann sich gerne an uns wenden.“

    Schwester Monika ist indes zuversichtlich, was den Fortbestand Ihres Hauses anlangt: „Unsere Patienten und ihre Angehörigen sagen uns immer wieder, wie dankbar sie für die liebevolle Betreuung sind, die sie in der so schweren Situation von Krankheit und Tod bei uns erfahren. Und für mich sind es immer wieder die konkreten Erlebnisse mit ihnen, die mir Mut machen und Kraft geben, und das Wissen, dass unser Dienst mit Gottes Hilfe weitergehen wird.“