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    Und jetzt auch noch Ebola

    Manches erinnert an die zehn biblischen Plagen, die Gott einst über Ägypten hereinbrechen ließ: anhaltender Terror durch die Islamisten von Boko Haram, ein hilfloser, weil von Korruption durchdrungener Staatsapparat, und jetzt auch noch der Ausbruch von Ebola in der Millionenmetropole Lagos. Nigeria, das mit knapp 170 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Land Afrikas, leidet an einer fulminanten Pechsträhne, die auch den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre zunichte machen könnte.

    Geht mit gutem Beispiel voran: Nigerias Ministerin Sarah Ochee (l.) bei der Vorstellung der Handwasch-Kampagne in Abuja. Foto: dpa

    Manches erinnert an die zehn biblischen Plagen, die Gott einst über Ägypten hereinbrechen ließ: anhaltender Terror durch die Islamisten von Boko Haram, ein hilfloser, weil von Korruption durchdrungener Staatsapparat, und jetzt auch noch der Ausbruch von Ebola in der Millionenmetropole Lagos. Nigeria, das mit knapp 170 Millionen Menschen bevölkerungsreichste Land Afrikas, leidet an einer fulminanten Pechsträhne, die auch den wirtschaftlichen Aufschwung der vergangenen Jahre zunichte machen könnte.

    Die Lage im Gesundheitssektor etwa ist besorgniserregend. Immer mehr Mediziner legen aus Furcht vor Ebola ihre Arbeit nieder. Betroffen sei vor allem das Yaba Mainland Hospital in Lagos, wo mehrere Infizierte auf Isolierstationen lägen, schreibt die Zeitung „Punch“. Viele Mediziner hätten die Klinik auf Druck ihrer Familien verlassen. Das wenige verbliebene Personal arbeite rund um die Uhr, hieß es. „Jeder scheint große Angst vor Ebola zu haben, und niemand will helfen, was eine große Herausforderung ist“, sagte der örtliche Gesundheitskommissar Jide Idris. Eine vor mehreren Wochen an Ebola erkrankte Ärztin sei dagegen wieder gesund, so Gesundheitsminister Onyebuchi Chukwu.

    Alle Fälle in Nigeria gehen auf den Liberianer Patrick Sawyer zurück, der Ende Juli auf dem Flughafen von Lagos zusammengebrochen und wenig später in Quarantäne gestorben war. Sawyer war Gesundheitsmanager einer Eisenerzgrube des Stahlproduzenten ArcelorMittal. In die Millionenmetropole Lagos sei er gegen ärztlichen Rat aufgebrochen, so Liberias Informationsminister Lewis Brown. Drei Menschen, die sich bei ihm angesteckt hatten, sind inzwischen tot. 189 Personen werden überwacht, so Chukwu.

    „Es ist bedauerlich, dass uns ein verrückter Mann Ebola gebracht hat“, sagt Nigerias Präsident Goodluck Jonathan. Es bleibe nicht viel Zeit, um die Seuche einzudämmen, bevor sie in der Hafenstadt, Nigerias „Tor zur Welt“, außer Kontrolle gerät, warnen Experten. „Lagos ist groß, es ist überfüllt. Es wäre für das Virus in vieler Hinsicht die ideale Umgebung, sich auszubreiten“, betont der nigerianische Epidemiologe Chikwe Ihekweazu. „Im Herzen von Lagos leben Menschen übereinander und teilen sich Schlafräume und Toiletten.“ Meist fehlen sanitäre Anlagen gänzlich.

    Dennoch hat Nigeria, der größte Ölproduzent des Kontinents, eine bessere Ausgangslage als Liberia, Sierra Leone und Guinea, in denen das meist tödlich verlaufende Virus grassiert. Der Beratungsfirma DaMina Advisors zufolge kommen in Nigeria auf einen Arzt 2 879 Menschen. In Liberia sind es 86 275. Was aber nutzt dies angesichts der Schockstarre, in der sich das Land befindet? Eine ganze Woche brauchte die Fluggesellschaft, um eine Liste der Passagiere zu erstellen, die mit Sawyer unterwegs waren. Priorität habe nun, jede Kontaktperson aufzuspüren, betont der Experte John Vertefeuille von der US-Gesundheitsbehörde CDC, die in Afrika bei der Seuchenbekämpfung hilft. Eine solche Lage habe es noch nicht gegeben. „Noch nie ist Ebola in einem so großen und dicht besiedelten Gebiet wie Lagos ausgebrochen“, so Vertefeuille. Bis gestern wurden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ganz Westafrika mehr als 1 229 Ebola-Tote registriert. Insgesamt stieg die Zahl der bestätigten Fälle und der Verdachtsfälle auf 2 240. Bei der ersten Epidemie in Westafrika handelt sich um den mit Abstand schwersten Ausbruch, seit das Virus 1976 in der heutigen Demokratischen Republik Kongo entdeckt wurde.

    In Nigeria trifft Ebola auf eine ohnehin tief verunsicherte Bevölkerung. Seit Jahren verbreitet eine islamistische Terrorgruppe Angst und Schrecken: Boko Haram, was so viel bedeutet wie „Westliche Bildung ist Sünde“. Die Extremisten haben seit 2009 in Nigeria tausende Menschen in Überfällen und Bombenanschlägen getötet. Mitte August erst wurden bei einem Attentat am Tschadsee rund 100 Männer aus ihren Dörfern entführt. Überdies halten die Extremisten seit April rund 200 Schülerinnen gefangen. Boko Haram will im Nordosten Nigerias einen eigenen islamistischen Staat gründen. „Die Menschen fliehen, um in größere Städte zu gehen. Sie hoffen, dass es dort sicherer ist, lassen alles zurück, oft ihren ganzen Besitz“, sagte der Bischof von Yola, Stephen Mamza, dem Hilfswerk missio. Mamza weiß, wovon er spricht. Yola liegt in den umkämpften Gebieten im Nordosten Nigerias, an der Grenze zu Kamerun. Auf die Unterstützung von Polizei und Militär warten die Menschen meist vergeblich. Es heißt, viele der schlecht bezahlten Beamten ließen sich von den Attentätern schmieren.

    Wird die Malaise dem soliden nigerianischen Wirtschaftswachstum der vergangenen Jahre (sechs bis acht Prozent) schaden? Manches spricht dafür, denn die Krisen gefährden die erfolgreichen Reformen im Banken-, Kommunikations-, Gas- und Agrarsektor Nigerias, die neben der boomenden Ölindustrie zum Wachstum beigetragen haben. Wer investiert schon in ein Land im Würgegriff von Gewalt und Katastrophen?