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    Unbeachtete Opfer

    Wenn Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren und vor dem Ruin stehen, ist es nur recht und billig, dass Manager von Banken, die ihr Überleben nur dem Steuerzahler verdanken, nicht auch noch Bonus-Zahlungen in Millionen-Höhe kassieren. Und es ist richtig, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs sich auf eine gemeinsame Linie für den Gipfel der G20 geeinigt haben, der in dieser Woche in Pittsburgh die zwanzig größten Industrie- und Schwellenländer zusammenführt: Aufschläge sollen in ein angemessenes Verhältnis zu den festen Vergütungen gesetzt, Sonderzahlungen auf einen bestimmten Anteil des Unternehmensgewinns beschränkt werden. Aber so richtig solche Beschlüsse sind, sie lenken von den eigentlichen Opfern der Krise ab: Es sind die unterentwickelten Länder.

    Wenn Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren und vor dem Ruin stehen, ist es nur recht und billig, dass Manager von Banken, die ihr Überleben nur dem Steuerzahler verdanken, nicht auch noch Bonus-Zahlungen in Millionen-Höhe kassieren. Und es ist richtig, dass die europäischen Staats- und Regierungschefs sich auf eine gemeinsame Linie für den Gipfel der G20 geeinigt haben, der in dieser Woche in Pittsburgh die zwanzig größten Industrie- und Schwellenländer zusammenführt: Aufschläge sollen in ein angemessenes Verhältnis zu den festen Vergütungen gesetzt, Sonderzahlungen auf einen bestimmten Anteil des Unternehmensgewinns beschränkt werden. Aber so richtig solche Beschlüsse sind, sie lenken von den eigentlichen Opfern der Krise ab: Es sind die unterentwickelten Länder.

    Die Industrieländer hatten die Möglichkeit, milliardenschwere Konjunkturpakete zu schnüren. Die unterentwickelten Länder dagegen sind der Krise schutzlos ausgeliefert. Afrika droht ein brutaler Wirtschaftseinbruch – auch wenn manch einer glaubte, die Krise werde sein Land unberührt lassen. „Dieser Sturm wird weit über unseren Köpfen hinwegfegen. Weil unsere Banken nicht in der Welt der Hochfinanz mitmischen“, hatte Essimi Menye, der Finanzminister von Kamerun, anfangs gehofft. Tatsächlich finanzieren Banken in Afrika Kredite vor allem mit den Einlagen von Kunden aus dem eigenen Land – und selten mit Hilfe von Finanzgeschäften mit dem Ausland. So stand am Anfang der Wirtschaftskrise in Afrika denn auch keine Bankenkrise, sondern ein Nachfrage-Einbruch, der einsetzte, als sich im September 2008 die Krise in den Industrieländern verschärfte. Die Industrieländer stornierten ihre Bestellungen: die Preise für Öl und Zink, Bauxit, Nickel, aber auch für Nahrungsmittel rauschten in den Keller. Und überall dort, wo die Wirtschaft besonders stark vom Export von Rohstoffen abhing, gingen die Einnahmen drastisch zurück.

    „Wenn das Wachstum in den Industrieländern einbricht – dann bricht auch die Nachfrage nach unseren Gütern ein, unsere Exporte gehen zurück – und damit auch unsere Staatseinnahmen“, brachte Nigerias Finanzminister, Mansur Muhtar, kürzlich die Lage auf den Punkt. Nigeria gehört zu den erdölexportierenden Staaten, es deckt seine Einnahmen zu mehr als 80 Prozent aus dem Verkauf von Erdöl. In Krisenzeiten nimmt der Bedarf an Energie aber ab. Und so brach der Ölpreis seit dem vergangenen Sommer um etwa siebzig Prozent ein: Dem Staatshaushalt von Nigeria droht ein Milliarden-Defizit. Investoren stornieren ihre Projekte, Banken werden vorsichtig. Für Nigeria wird es schwierig, an Kredite zu kommen.

    Damit nicht genug: Ein beträchtlicher Devisenbringer bildet für viele afrikanische Staaten die Hilfe von Bürgern, die fernab ihrer Heimat, oft in Industriestaaten, arbeiten und einen Teil ihres Einkommens an ihre Verwandten überweisen. Die Regierung von Senegal schätzt, dass zwei bis drei Millionen Bürger in den Vereinigten Staaten oder Europa leben – teilweise illegal. 850 Millionen Euro überwiesen die Auslands –Senegalesen 2008 an ihre Verwandten. Ein Drittel der Empfängerhaushalte würde sich ohne diese Überweisungen unter der Armutsgrenze befinden, schätzt man im senegalesischen Finanzministerium. Nun hat die Finanzkrise in den Industrieländern viele Gastarbeiter aus Senegal arbeitslos gemacht. Entsprechend sind die Auslandsüberweisungen zurückgegangen. Schon 2008 ist das Wirtschaftswachstum des Senegal deutlich zurückgegangen, auf 2, 5 Prozent.

    Wenn Unternehmen vorsichtig werden, sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und einsparen, sind oft Arbeitsplätze in Gefahr. Das ist in Afrika nicht anders wie in Europa. Bloß sind die Folgen von Entlassungen in unterentwickelten Ländern Afrikas weit gravierender als in den Industrieländern Europas. Wer dort seine Arbeit verliert, hat keine Möglichkeit zur Umschulung, erhält kein Arbeitslosengeld oder Hartz IV. Kein soziales Netz fängt ihn und seine Angehörigen auf – und nach Angaben der Hilfsorganisation OXFAM sorgt in Nigeria ein Lohnempfänger im Durchschnitt immerhin für sieben bis zwölf andere Menschen. Das bedeutet: Hunger und Elend drohen in sehr kurzer Zeit einer sehr großen Zahl von Menschen.

    Die Weltbank schätzt, dass infolge der Wirtschaftskrise 89 Millionen Menschen in den armen Staaten in extreme Armut abrutschen werden. Weniger als 1, 25 Dollar wird ihnen täglich zur Verfügung stehen. Und wenn Familien in die Armut getrieben werden, Gesundheitsbedingungen sich verschlechtern, die Teilnahme an Schulunterricht, die Möglichkeit zur Weiterbildung zunichte gemacht werden, dann ist der Entwicklungsprozess vieler Staaten der Dritten Welt insgesamt gefährdet. Erst fünf Prozent Wirtschaftswachstum bringen substanzielle Fortschritte bei der Armutsbekämpfung, lautet eine Faustformel. Was darunter liegt, hilft kaum. Für Afrikas Länder erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) aber Raten, die teilweise deutlich niedriger sind. Vor diesem Hintergrund schrumpft die Diskussion über Manager-Vergütungen auf die marginale Größe zusammen, die ihr zukommt. Nach Angaben der Weltbank benötigen die ärmsten Staaten mindestens 11, 6 Milliarden Dollar zusätzlich, um die Folgen der globalen Finanzkrise zu überstehen. Wenn es den Industriestaaten mit einer gerechten Weltwirtschaftsordnung ernst ist, muss der erste Schritt dazu die Hilfe für die ärmsten Länder dieser Welt sein. Sie sind Opfer einer Krise geworden, an der sie keinerlei Schuld tragen.

    Von Reinhard Nixdorf