• aktualisiert:

    „Umkehr lautet der Weg“

    Washington/Berlin/München/Wien/Vatikanstadt (DT/dpa/KNA/KAP) Die neue Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus ist international auf ein überaus positives Echo gestoßen. Politiker und Kirchenvertreter würdigen das päpstliche Lehrscheiben als wichtigen Impuls für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit. Bischöfe sprechen von einem „epochalen Dokument“ zur rechten Zeit. Klimaschützer und Wissenschaftler fühlen sich bestätigt. Die meisten sehen Handlungsbedarf.

    Umwelt- und Lebensschutz zusammenzubringen, ist ein Ziel der ganzheitlichen Ökologie, die Papst Franziskus in seiner Umw... Foto: dpa

    Washington/Berlin/München/Wien/Vatikanstadt (DT/dpa/KNA/KAP) Die neue Enzyklika „Laudato si“ von Papst Franziskus ist international auf ein überaus positives Echo gestoßen. Politiker und Kirchenvertreter würdigen das päpstliche Lehrscheiben als wichtigen Impuls für Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit. Bischöfe sprechen von einem „epochalen Dokument“ zur rechten Zeit. Klimaschützer und Wissenschaftler fühlen sich bestätigt. Die meisten sehen Handlungsbedarf.

    US-Präsident Barack Obama lobte die neue Enzyklika ausdrücklich. Das Kirchenoberhaupt habe sehr eloquent ausgedrückt, dass „wir eine tiefgreifende Verantwortung haben, unsere Kinder vor den schädlichen Wirkungen des Klimawandels zu beschützen – und die Kinder unserer Kinder“, sagte Obama laut einer Mitteilung, die am Donnerstag in Washington veröffentlicht wurde. Die USA müssten mutig handeln, um den Ausstoß umweltschädlicher Treibhausgase zu reduzieren und die Nutzung sauberer Energien auszuweiten. Auch die Armen müssten besser vor den Gefahren des Klimawandels beschützt werden.

    Laut UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die Menschheit die Pflicht, sich um den Planeten Erde zu kümmern und Solidarität mit den ärmsten und verletzbarsten Mitgliedern der Gesellschaft zu zeigen. In einer am Donnerstag von den Vereinten Nationen verbreiteten Mitteilung sagte Ban, alle Regierungen müssten das Wohl der Erde über nationale Interessen stellen und beim Klimagipfel in Paris in diesem Jahr ein ehrgeiziges Abkommen verabschieden.

    Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I., erinnerte daran, dass Ökologie und Ökonomie die griechische Wortwurzel „oikos“ (Haus) teilen. Für ihn sei es deshalb keine Überraschung gewesen, „dass unser geliebter Bruder Franziskus von Rom seine Enzyklika mit einem Bezug auf Gottes Schöpfung als ,unserem gemeinsamen Haus‘ beginnt“.

    In Deutschland war die Reaktion auf das politische Engagement des Papstes durchweg positiv. „Es ist neu, dass ein Papst so bewusst entscheidet: Ich möchte in die politische Debatte hinein Wirkung entfalten“, sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, der das Lehrschreiben als großen Wurf würdigte (siehe Seite 5).

    Der Chef-Ökonom des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Otmar Edenhofer, würdigte die Enzyklika als herausragend, weil sie auch die sozialen Folgen des Klimawandels in den Blick nehme. Als „revolutionär“ hob er hervor, dass der Papst die Atmosphäre als Gemeinschaftseigentum aller Menschen bezeichne. Auch verurteile Franziskus nicht den technischen Fortschritt schlechthin, sondern rufe dazu auf, ihm eine andere Richtung zu geben.

    Gelungene Provokation, Anstöße und Weckruf

    Der Deutsche Caritasverband fordert ein beherzteres Vorgehen der Staatengemeinschaft gegen die Ursachen des Klimawandels. Dass Armuts- und Umweltfragen nicht zu trennen sind, sehe das katholische Hilfswerk Misereor als Kernbotschaft, erklärte Hauptgeschäftsführer Pirmin Spiegel.

    Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, wünschte dem Text „von Herzen eine breite internationale Aufmerksamkeit“. Alle Christen verbinde die Sorge um die Umwelt und eine gerechtere Wirtschaftsordnung auch „jenseits der unterschiedlichen theologischen Traditionen“.

    Ähnlich ist der Tenor bei Wissenschaftlern und Umweltverbänden. Laut dem führenden deutschen Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber basiert die Enzyklika auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen. Für den Sozialphilosophen Michael Reder weist sie eine neue Richtung in der Kirchengeschichte. Als „gelungene Provokation“ begrüßte die Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch die Enzyklika. „Der Papst eröffnet eine Debatte über die globale Wegwerfkultur“, sagte Geschäftsführer Christoph Bals. WWF-Vorstand Eberhard Brandes forderte, dass die Kirche ihren Worten auch Taten folgen lassen sollte. „Franziskus hat den Naturschutz zur Chefsache gemacht. Jetzt kommt es darauf an, dass seine Botschaft auf allen Ebenen der Kirchenhierarchie ankommt und entsprechend umgesetzt wird.“

    Auch Politiker freuten sich über die Stellungnahme des Papstes. „Die Umwelt-Enzyklika des Papstes stärkt Umweltschützerinnen und Umweltschützern den Rücken und nimmt Politik und Wirtschaft in die Pflicht“, erklärten die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen, Simone Peter, und Vorstandsmitglied Bettina Jarasch. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) lobte die Geradlinigkeit des Dokuments: „Die klare Sprache dieser Enzyklika und die Tiefe der Gedanken bieten Anstöße, die weit über die katholische Welt hinaus Wirkung entfalten werden.“ Der Vize- Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Franz Josef Jung, sieht den Kurs seiner Partei bestätigt: „Die Enzyklika ist eine wichtige Leitlinie für unsere parlamentarische Arbeit.“ Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sprach von einem „Weckruf“.

    Neues Kapitel in der Soziallehre der Kirche

    Als „epochales Dokument“ sowie als „Gabe und Aufgabe zugleich“ bezeichneten Österreichs Bischöfe die neue Enzyklika. Das Lehrschreiben biete einen fundamentalen Blick auf die Ursachen der „noch nie in der Menschheitsgeschichte dagewesenen Bedrohungen für das Leben und Überleben auf Erde“, heißt es in der Erklärung der Bischofskonferenz, die bei der Sommervollversammlung in Mariazell verabschiedet wurde. Papst Franziskus habe mit dieser Enzyklika „ein neues Kapitel in der kirchlichen Soziallehre aufgeschlagen und schafft gleichzeitig einen neuen Typus“. Sein Schreiben zeichne „ein nüchternes und von christlicher Hoffnung getragenes Bild einer gefährdeten Schöpfung“.

    Ein Gesamtkunstwerk zum Thema Zukunft des gesamten Globus und ein Impuls in Richtung einer „ganzheitlichen Ökologie“ ist die Enzyklika in den Augen des österreichischen Umwelt-Bischofs Alois Schwarz. Die Bischofskonferenz werde sich bei ihrer Herbstvollversammlung damit auseinandersetzen. Ziel seien Beschlüsse, die in den Diözesen umgesetzt werden. Schwarz nannte als Beispiele Vorgaben für den CO2-Ausstoß in kirchlichen Betrieben, zum Energieverbrauch und zu Lebensmitteln aus biologischem Anbau. St. Pöltens Bischof Klaus Küng betonte, dem Papst gehe es um „eine Darstellung der verwobenen gesamten Schöpfung“. Für Franziskus gebe es keine Naturverbundenheit ohne Menschenliebe. Der Papst spreche auch direkt die Abtreibung als ,Widersacher‘ einer ganzheitlichen Ökologie an. „Naturschützer müssen Lebensschützer sein“, so Küng.

    Die Papstworte gegen fossile Energieträger könnten zu einem „wichtigen Schritt in Richtung erneuerbare Energien und grüne Energiewende“ werden, indem sie Menschen dazu bringen, „rückwärtsgewandte umweltpolitische Überlegungen“ zu hinterfragen und neu zu bewerten, meinte die Chefin der österreichischen Grünen, Eva Glawischnig. Die Enzyklika sei ein „wichtiges und positives Zeichen für die Umwelt und den Klimaschutz“.

    In den USA hatte das Dokument schon vor seiner Veröffentlichung für Wirbel gesorgt. Vor allem kritisierten jene Kreise, die den Klimawandel bezweifeln, den Papst für seine Stellungnahme. Die US-Bischöfe hoben mit Blick auf die Enzyklika den schonenden Umgang mit Ressourcen hervor. „Die zentrale Frage ist: Welche Erde wollen wir denen hinterlassen, die nach uns kommen“, so der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Erzbischof Joseph Kurtz, am Donnerstag in Washington. Das Lehrschreiben verlange von der Kirche Anwaltschaft, Bildungsengagement und konkrete Schritte für den Umweltschutz. Der frühere Erzbischof von Washington, Kardinal Donald Wuerl, hob hervor, die „Würde der menschlichen Person“ müsse Bezugsrahmen und Ziel allen ökologischen Handelns sein. Umweltschutz bedeute für die Enzyklika nicht, dass es kein Wirtschaftswachstum geben könne. Wirtschaftliche Entwicklung müsse jedoch „respektvoll gegenüber den Menschen und der Erde“ sein.

    Laut Vatikansprecher Federico Lombardi ist die Entstehung des 200-Seiten Dokuments „Laudato si“ das Ergebnis eines „sehr langen gemeinsamen Reflexionsprozesses mit Papst Franziskus, an dem sehr viele Personen beteiligt waren“. Lombardi äußerte sich vor mehreren hundert Journalisten aus aller Welt bei der Enzyklika-Präsentation am Donnerstag. Lombardi meinte, er habe in seiner 25-jährigen Tätigkeit für die Vatikanmedien noch nie eine derart große Erwartungshaltung im Blick auf ein Papstdokument erlebt. „Die Menschheit zeigt offenbar, dass sie sich nach einem solchen Dokument sehnt“, sagte Lombardi.

    „Umkehr lautet der Weg. Die Menschheit hat immer noch die Möglichkeit, zusammenzuarbeiten, um das gemeinsame Haus zu errichten“, fasste der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden (Iustitia et Pax), Kardinal Turkson, die Botschaft des Papstes zusammen. Der Mensch sei in der Lage, Probleme zu meistern. „Wählen Sie den guten Weg, damit sich die Erde regenerieren kann“, sei der Appell der Enzyklika. Die Kirche werde nicht versuchen, Wissenschaft oder Politik zu ersetzen, so der Kardinal. „Wir wollen aber eine Debatte anstoßen.“ Zum ersten Mal beteiligte sich an einer Enzykliken-Präsentation auch ein Vertreter der Ökumene, in Person von Metropolit Joannis Zizioulas von Pergamon, der das orthodoxe Ökumenische Patriarchat vertrat. Die Enzyklika wird am 2. und 3. Juli Thema einer internationalen Konferenz im Vatikan sein. Dabei wird es um die politischen Prozesse rund um den Klimawandel gehen. Rund 180 Teilnehmer von allen Kontinenten werden zu dem Treffen erwartet.