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    Triumph der Radikalen

    Es war die Nacht der Außenseiter: Im zweiten Vorwahl-Staat New Hampshire heißen die klaren Sieger Bernie Sanders und Donald Trump. Glaubte man den Demoskopen, ist das keine Überraschung, auch wenn ein derart deutliches Ergebnis nicht unbedingt zu erwarten war.

    Hat Grund zum Lachen: Der demokratische Präsidentschaftsanwärter Bernie Sanders nach seinem Sieg in New Hampshire. Foto: dpa

    Es war die Nacht der Außenseiter: Im zweiten Vorwahl-Staat New Hampshire heißen die klaren Sieger Bernie Sanders und Donald Trump. Glaubte man den Demoskopen, ist das keine Überraschung, auch wenn ein derart deutliches Ergebnis nicht unbedingt zu erwarten war.

    Bei den Demokraten konnte Sanders 60 Prozent der Stimmen auf sich vereinen, Hillary Clinton brachte es nur auf 38 Prozent. „Die Regierung unseres Landes gehört allen Menschen, nicht nur einer Handvoll Superreicher“, verkündete Sanders nach Auszählung der Stimmen unter aufbrandendem Beifall seiner Anhänger.

    Sanders? Mitstreiterin Clinton, die in seinen Augen eben jene Superreichen verkörpert, gegen die er eine „politische Revolution“ initiieren will, nahm ihre Niederlage mit Fassung. Zuversichtlich versprach sie, nun für jede Stimme in jedem Staat zu kämpfen und härter als jeder andere dafür zu arbeiten. Der scheinbar ungebrochene Optimismus der ehemaligen Außenministerin rührt auch daher, dass eine Niederlage in New Hampshire von Anfang an einkalkuliert war. Bei dessen liberaler Wählerschaft fand das linke Programm des Senators von Vermont schon seit Monaten regen Zuspruch.

    Wenn demnächst in den südlichen Bundesstaaten wie South Carolina oder Alabama gewählt wird, dürfte Clinton durch ihre große Popularität bei Minderheiten wieder die Oberhand gewinnen. Doch spätestens jetzt muss die 68-Jährige den „demokratischen Sozialist“ Sanders ernst nehmen. Auch in Iowa hatte sie nur einen hauchdünnen Vorsprung von 0,2 Prozent. Wer siegreich aus New Hampshire abreist, hat das Momentum auf seiner Seite und darf auf weitere Spendengelder hoffen. Die benötigt Sanders dringender als Clinton: Von den 75,1 Millionen US-Dollar, die er laut der „New York Times“ erhalten hat, hat er bereits 46,7 Millionen ausgegeben.

    Auf Finanzspritzen ist Donald Trump nicht angewiesen. Durch seinen eindeutigen Triumph in New Hampshire wird er allerdings weitere Unterstützer gewinnen. 35 Prozent der Stimmen konnte der Anti-Establishment-Kandidat der Republikaner auf sich vereinen. Nach dem Erfolg vom Dienstag rief er seinen Anhängern zu: „Menschen von New Hampshire, vergesst das niemals: Mit Euch hat es angefangen!“ Nach dem enttäuschenden zweiten Platz in Iowa scheint er nun seine alte Siegesgewissheit wiedererlangt zu haben. In South Carolina, wo am 20. Februar die nächsten republikanischen Vorwahlen stattfinden, liegt er momentan rund 16 Prozentpunkte vor Ted Cruz.

    Auf den zweitplatzierten John Kasich verzeichnete Trump einen Vorsprung von 20 Prozent. Der 63-jährige Kasich, der 18 Jahre Kongress-Erfahrung besitzt, war im bisherigen Wahlkampf stets darauf bedacht, sich von seinen Mitstreitern abzugrenzen und nicht in den Chor der Radikalen einzufallen, die das Land seit der Präsidentschaft Barack Obamas dem Untergang geweiht sehen. Ein erfolgreiches Abschneiden in New Hampshire hatte der Gouverneur aus Ohio bitter nötig. In dem dichten Bewerberfeld dürfte er auf lange Sicht mit seiner vergleichsweise moderaten Politik nicht bestehen können.

    Hinter Kasich tummeln sich Ted Cruz, Jeb Bush und Marco Rubio. Alle erhielten etwa elf Prozent der Wählerstimmen. Dass Cruz nicht an seinen Erfolg von Iowa anknüpfen kann, war zu erwarten. Doch für Marco Rubio, den Experten nach seinem dritten Platz in Iowa als aufsteigenden Stern gesehen hatten, ist das Ergebnis ein Dämpfer. Im letzten republikanischen TV-Duell bot er eine enttäuschende Leistung, die sich offensichtlich in mangelnder Wählerunterstützung niederschlug. Sein Mentor Jeb Bush kann hingegen sehr zufrieden sein: Während er im bisherigen Wahlkampf blass und unscheinbar blieb, konnte er in New Hampshire zum ersten Mal den Anschluss zu seinen Mitstreitern halten. „Mein Wahlkampf ist noch nicht vorbei. Es geht weiter nach South Carolina“, verkündete der ursprüngliche Favorit der Parteibasis.

    Von dem Ringen um die Plätze hinter Donald Trump profitiert jedoch hauptsächlich er selbst. Der 69-jährige Baulöwe dürfte mit Freuden registrieren, dass sich seine Verfolger gegenseitig die Stimmen wegnehmen. Es wird noch einige Zeit vergehen, bis sich das Bewerberfeld soweit dezimiert hat, dass sich ein Kandidat der Parteibasis gegen Trump in Stellung bringen kann.

    Das Ergebnis von New Hampshire ist symptomatisch für einen Vorwahlkampf, der wie kein anderer von der Stimmung gegen das Washingtoner Establishment geprägt ist. Auch Michael Bloomberg dürfte das zur Kenntnis genommen haben. Der Milliardär und ehemalige Bürgermeister von New York hatte schon vor einigen Wochen angekündigt, als unabhängiger Kandidat anzutreten, sollten Sanders und Trump für die etablierten Parteien ins Rennen gehen. Obwohl ein Unabhängiger in der Vergangenheit nie Chancen hatte, wäre Bloomberg als Kandidat der politischen Mitte im Duell mit Sanders und Trump wohl nicht aussichtslos.

    Bis jetzt haben allerdings erst zwei der insgesamt 50 Staaten ihre Stimme abgegeben. Eine mögliche Vorentscheidung fällt frühestens am 1. März, dem sogenannten „Super Tuesday“. Dann öffnen gleich in 15 Bundesstaaten die Wahllokale, darunter Georgia, Massachusetts, Texas und Virginia. Wer dann ganz oben steht, darf sich begründete Hoffnungen machen, 2017 ins Weiße Haus einzuziehen.