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    „Töten klang wie Kokosnüsse öffnen“

    Wie Kindersoldaten leiden – Das Beispiel Kambodscha. Von Robert Luchs

    Erst kürzlich wurde bekannt, dass es auch in Kambodscha Kindersoldaten gegeben hat. Die Roten Khmer wüteten zwischen 1975 und 1979 in dem südostasiatischen Land und brachten fast zwei Millionen Menschen um. Arn Chorn-Pond war sieben Jahre alt, als er in das Internierungslager Ek Phnom in der Provinz Battambang gebracht wurde, wo er mit 700 anderen Kindern schuften musste, von morgens 5 bis Mitternacht. Täglich starben mehrere Kinder – sie verhungerten oder erlagen Krankheiten. Arn Chorn-Pond überlebte, doch um welchen Preis? Die Rebellen der Roten Khmer unter Pol Pot witterten schon kurz nach der Machtübernahme in dem südostasiatischen Land überall, sogar in den eigenen Reihen, Feinde und warfen ihre Tötungsmaschine an. Auch Kinder wurden gezwungen, zur Hacke oder zur Keule zu greifen; wer sich weigerte, wurde auf der Stelle erschlagen. Chorn-Pond: „Ich erkannte schnell, dass ich umgebracht worden wäre, wenn ich die Befehle nicht ausgeführt hätte.“ So wurde er im Kindesalter zu einem Teil der Tötungsmaschinerie. Zwar bestand die Rebellenarmee Pol Pots zum großen Teil aus jugendlichen Kämpfern, doch dass auch in großer Zahl Kinder rekrutiert wurden, war bisher nur gerüchteweise bekannt.

    „Töten klang wie Kokosnüsse öffnen“, der 42-Jährige kann das Schaudern in seiner Stimme nicht verbergen. „Ich wusste nicht, wo meine Eltern sind“, sagt Chorn-Pond leise, „ganze Familien wurden ausgerottet. Jede Minute konnte über Leben oder Tod entscheiden.“ Viermal täglich kam es zu Massenexekutionen. „In kleinen Gruppen wurden die Gefangenen an unseren Hütten vorbeigeführt und dann mit Äxten erschlagen.“ Besonders sadistisch seien die Roten Khmer mit den Frauen umgegangen, berichtet der frühere Kindersoldat.

    Ehemalige Gefangene bestätigen, dass auch im Foltergefängnis Tuol Sleng in der kambodschanischen Hauptstadt Phnom Penh viele Kinder als Kader der Roten Khmer eingesetzt waren. „Diese Kinder kannten keine Gnade, sie scheuten auch nicht davor zurück, ihre eigenen Eltern umzubringen.“ Während einige wenige Handwerker aufgrund ihres Geschicks die schreckliche Zeit im Foltergefängnis überlebten, wo rund 17 000 Gefangene umgebracht wurden, war es bei Chorn Pond das Flötenspiel, das seine Peiniger gerne hörten und dem er sein Leben verdankt.

    250 000 Kindersoldaten leben weltweit

    Später gelang es ihm, in das benachbarte Thailand zu fliehen und in einem Flüchtlingslager unterzukommen. Ein Amerikaner kümmerte sich dort um ihn und nahm ihn mit in die USA. Wie viele Kindersoldaten es im Terrorregime Pol Pots gegeben hat, wird wohl nie genau festzustellen sein.

    Wie ist heute die Situation einzuschätzen? Weltweit werden heute schätzungsweise 250 000 Minderjährige von Armeen und bewaffneten Gruppen als Kämpfer oder Arbeitskräfte missbraucht, im Nahen Osten, in Afrika und in Teilen Asiens. Sie sind am anfälligsten, wenn die Nahrung knapp wird, das Trinkwasser versiegt, und wenn sie sich ohne Schutz durchschlagen müssen, weil ihre Eltern getötet wurden. Für Milizen vor allem in Afrika werden Kinder zur leichten Beute.

    Ein Beispiel für Reintegration

    Die Hilfsorganisation World Vision hat sich dieser Kinder angenommen und im Osten der Republik Kongo ein Programm gestartet, das zeigt, wie man Kindersoldaten reintegrieren kann. Inzwischen werden jährlich 80 auf ein Leben mit ziviler Perspektive vorbereitet. Sie werden unterrichtet, psychisch betreut und in meist handwerklichen Berufen ausgebildet. Abschließend erhalten sie eine finanzielle Starthilfe, um selbstständig als Mechaniker oder Näherinnen arbeiten zu können. Angesichts von tausenden Kindersoldaten ist die Reintegration ein kleiner Schritt, aber sie ist ein Vorbild für andere Regionen, in denen Kindern die Flucht vor Terror und Gewalt gelungen ist. Unter den seelischen und körperlichen Folgen leiden sie oft ein Leben lang. Die Situation von Mädchen ist dabei besonders grausam, denn sie werden häufig Opfer sexueller Gewalt.