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    Syrien ist ein künstlicher Staat

    Herr Naeem, seit 18 Monaten wird in Ihrer Heimat Syrien erbittert gekämpft. Diplomatische Initiativen der UN blieben erfolglos. Sehen Sie Auswege aus der Misere? Das Problem ist, dass man im Westen den Konflikt von Anfang an als einen zwischen Volk und Regime interpretiert hat.

    Sind in Syrien an der Tagesordnung: Kampfhandlungen, wie hier in Aleppo. Foto: dpa

    Herr Naeem, seit 18 Monaten wird in Ihrer Heimat Syrien erbittert gekämpft. Diplomatische Initiativen der UN blieben erfolglos. Sehen Sie Auswege aus der Misere?

    Das Problem ist, dass man im Westen den Konflikt von Anfang an als einen zwischen Volk und Regime interpretiert hat. So einfach ist das aber nicht. Sicher, das Assad-Regime ist ein diktatorisches und regiert mit eiserner Hand. Weil es aber nicht nur die Assad-Familie repräsentiert, sondern die Minderheiten Syriens, allen voran die Alawiten, wird es bis zum Ende kämpfen. Nur deswegen hält es überhaupt so lange durch. Die Minderheiten haben keine andere Wahl. Und die frühe Parteinahme des Westens für die Opposition, die angeblich nur für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße ging, hat dazu geführt, dass sich das Regime und die von ihm repräsentierten Volksgruppen an die Wand gedrängt sahen. Das hatte zur Folge, dass es jetzt keinen neutralen Partner im Ausland gibt, der mit allen Parteien reden könnte, um wenigstens einen Waffenstillstand zu erreichen. Der Westen muss verstehen, dass das Assad-Regime zumindest für eine Übergangszeit Teil der Realität ist, ob das nun gefällt oder nicht.

    Was schlagen Sie vor? Washington will Assad ja fallen sehen, um den Iran und die Hisbollah zu schwächen. Moskau will seinen letzten Einfluss in Nahost und im östlichen Mittelmeer bewahren. Der UN-Sicherheitsrat ist blockiert. Schlägt die Stunde der Europäer, die nicht unmittelbar geostrategische Interessen verfolgen?

    Zunächst einmal müssen die Europäer klären, was sie wollen: Assad beseitigen, koste es was es wolle, oder helfen, eine innersyrische Lösung zu finden, um zunächst einen Waffenstillstand zu erreichen. Das geht in eins mit einer präzisen Definition des Konflikts. Man muss endlich anerkennen, dass es sich inzwischen um einen konfessionellen Bürgerkrieg und nicht mehr um eine Auseinandersetzung zwischen Volk und Regime handelt. Daraus folgt, dass man einen von den Parteien respektierten Vermittler braucht, der ein Syrer sein muss. Alle Nicht-Syrer werden scheitern so wie die UN-Sondergesandten Annan und jetzt auch Brahimi. Das bringt nichts, weil sie als parteiisch gelten.

    Denken Sie an jemanden bestimmtes? Der melkitische Patriarch Gregor III. hat sich ja bereits als Vermittler angeboten.

    Ja, warum nicht der Patriarch. Er hat gute Kontakte zu muslimischen Gruppen, auch konservativen. Eine solche Persönlichkeit müsste aber international unterstützt werden. Deutschland könnte hier eine Führungsrolle spielen, weil es, anders als Frankreich und England, keine koloniale Vergangenheit in der Region hat und großes Ansehen genießt. Aber noch einmal: Es führt in dieser Phase kein Weg an Gesprächen mit Assad vorbei, und zwar, um zukünftig den Bevölkerungsteil, der hinter ihm steht, politisch einbinden zu können.

    Aber woher kommt dieser Hass? Syrien galt als Beispiel für Harmonie und Vielfalt.

    Das war vom Regime verbreitete Propaganda und Scheinheiligkeit nach außen. Die Gemeinschaften haben nicht mit-, sondern nebeneinander hergelebt. Die Spannungen zwischen Sunniten und Alawiten brodelten mal mehr, mal weniger. Syrien ist ein künstlicher Staat, der Gruppen zusammenbringt, die völlig unterschiedlich sind. Er konnte nur mit harter Hand regiert werden und das geschah in den letzten Jahrzehnten vor allem durch die Alawiten, die von einer religiösen Gemeinschaft zu einer politischen Herrschaftsklasse wurden. Die Frage war deshalb nicht, ob ein Bürgerkrieg ausbricht, sondern wann. Jetzt ist er da.

    Aber ist dann überhaupt noch eine Lösung möglich, zumindest wenn man gleichzeitig die Einheit des Landes aufrechterhalten will?

    Das ist die schwierige Frage. Im Irak hat man nach der amerikanischen Invasion ja versucht, eine föderale Ordnung einzuführen, die nicht funktioniert. Syrien ist noch komplizierter, weil die religiösen Minderheiten so stark sind. Beide Seiten müssten über ihren Schatten springen. Wenn es für die Alawiten hart auf hart kommt, ziehen sie sich in ihre Gebiete an der Mittelmeerküste zurück und die Einheit Syriens ist zu Ende. Die Russen haben da eine Militärbasis und könnten sie schützen. Jeder Vermittler muss sich Gedanken darüber machen, wie in einem von der sunnitischen Mehrheit geführten geeinten Syrien Minderheiten geschützt und politisch beteiligt werden, das gilt auch für die Alawiten.

    Sie gehören zu den syrisch-orthodoxer Christen. Wo stehen Syriens Christen? Ihnen wird immer wieder vorgeworfen, sie seien Teil des Regimes oder wenigstens an seinem Bestand interessiert. Ist das so?

    Nein, sie sind als Gemeinschaft sicher kein integraler Teil des Regimes von Präsident Assad. Darin unterscheiden sie sich wesentlich von anderen Minderheiten wie der alawitischen Gemeinschaft, der der Präsident entstammt. Diese Leute identifizieren sich wirklich vorbehaltlos mit dem Regime und haben angesichts der sunnitischen Übermacht wahrscheinlich auch tatsächlich keine Alternative zu Assad. Bei den Christen ist das anders. Sie haben davon profitiert, dass das baathistische Syrien ein teilweise säkularer Staat ist. Das hat ihnen im Vergleich zu anderen Staaten der Region große religiöse Freiheiten erlaubt. Christen sind keine syrischen Bürger zweiter Klasse. Privilegiert waren sie aber auch nicht. Vor- und Nachteile gleichen sich aus, würde ich sagen.

    Haben die Christen nicht auch selbst ein Interesse am Status quo?

    Die syrischen Christen wollen Stabilität, ob nun ohne oder mit Assad. Sie schweigen deshalb bislang und sind nicht Teil des Aufstands. Nach den mir vorliegenden Informationen haben sich die in der Freien syrischen Armee organisierten Rebellen bis vor zwei, drei Monaten darum bemüht, christliche Gebiete zu meiden, so weit es möglich war. In Homs aber sind die Christen zwischen die Fronten geraten, weshalb sie durch die Kampfhandlungen praktisch alle aus der Stadt vertrieben wurden. Seit einigen Monaten kommen aber ausländische Dschihadisten ins Land, die von den Christen als große Gefahr wahrgenommen werden. Die Regierungstruppen versuchen derweil, die Christen vor möglichen Angriffen zu schützen beziehungsweise ihnen das Gefühl von Sicherheit zu geben.

    Aber lenken Assads Truppen damit die Rebellen nicht direkt auf die Christen?

    Ja und nein. Assad geht es vor allem darum, sich die Gunst der Minderheiten zu erhalten. Deshalb sendet er Truppen zu ihrem Schutz in manche christlichen Orte. Und die Christen sind tatsächlich froh, dass die Truppen da sind. Das haben mir meine Gesprächspartner im Land immer wieder gesagt. Es gibt dann auch Fälle, wo die Rebellen mit den von Regierungstruppen geschützten Christen Übereinkünfte vereinbart haben, die Konfliktlinien sind manchmal poröser als man denkt.