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    Syrer zwischen den Fronten

    Ein libanesischer Priester, der von einem Besuch in Aleppo in seine Heimat zurückgekehrt ist, berichtet von unhaltbaren Zuständen in der größten belagerten Stadt Syriens. In der Metropole befänden sich noch etwa 300 000 Binnenflüchtlinge, die von jeder humanitären Hilfe abgeschnitten sind, weil sie in den Vierteln leben, die noch vom Regime kontrolliert werden. Die Aufständischen, die zwei Drittel der Stadt und das gesamte Umland unter ihre Kontrolle gebracht haben, schnitten den Soldaten des Assad-Regimes alle wichtigen Zufahrtsstraßen ab. Damit befinden sich die unter ihrer Obhut lebenden Menschen, viele von ihnen Christen, in größter Bedrängnis. Die Preise für Lebensmittel haben sich seit Beginn der Auseinandersetzungen verdreifacht, Gas und Heizöl gibt es nur noch zu exorbitanten Preisen auf dem Schwarzmarkt. Die zumeist über die Türkei angelieferte humanitäre Hilfe internationaler Organisationen wird von den Rebellen, die das gesamte Umland kontrollieren, nicht mehr in die Stadt gelassen und oft von den im Norden Syriens starken islamistischen Rebellengruppen beschlagnahmt. Eine Versorgung aus der Luft ist nur noch beschränkt möglich, da die Rebellen alle Stützpunkte der Assad-Armee erobert haben und mittlerweile auch über Luftabwehrraketen verfügen. Insgesamt sollen in Aleppo noch etwa eine Million der einst 2,5 Millionen Einwohner verblieben sein, dazu kommen noch die 300 000 Binnenflüchtlinge. Sie leben in öffentlichen Gebäuden: 150 Schulen und 50 Moscheen wurden für Flüchtlinge geöffnet. Der große Universitätscampus allein hat zwischen 30 000 und 35 000 Flüchtlinge aufgenommen.

    Noch etwa eine Million Menschen sollen sich in Aleppo aufhalten. Die Lage in den von Regierungssoldaten besetzten Vierte... Foto: dpa

    Ein libanesischer Priester, der von einem Besuch in Aleppo in seine Heimat zurückgekehrt ist, berichtet von unhaltbaren Zuständen in der größten belagerten Stadt Syriens. In der Metropole befänden sich noch etwa 300 000 Binnenflüchtlinge, die von jeder humanitären Hilfe abgeschnitten sind, weil sie in den Vierteln leben, die noch vom Regime kontrolliert werden. Die Aufständischen, die zwei Drittel der Stadt und das gesamte Umland unter ihre Kontrolle gebracht haben, schnitten den Soldaten des Assad-Regimes alle wichtigen Zufahrtsstraßen ab. Damit befinden sich die unter ihrer Obhut lebenden Menschen, viele von ihnen Christen, in größter Bedrängnis. Die Preise für Lebensmittel haben sich seit Beginn der Auseinandersetzungen verdreifacht, Gas und Heizöl gibt es nur noch zu exorbitanten Preisen auf dem Schwarzmarkt. Die zumeist über die Türkei angelieferte humanitäre Hilfe internationaler Organisationen wird von den Rebellen, die das gesamte Umland kontrollieren, nicht mehr in die Stadt gelassen und oft von den im Norden Syriens starken islamistischen Rebellengruppen beschlagnahmt. Eine Versorgung aus der Luft ist nur noch beschränkt möglich, da die Rebellen alle Stützpunkte der Assad-Armee erobert haben und mittlerweile auch über Luftabwehrraketen verfügen. Insgesamt sollen in Aleppo noch etwa eine Million der einst 2,5 Millionen Einwohner verblieben sein, dazu kommen noch die 300 000 Binnenflüchtlinge. Sie leben in öffentlichen Gebäuden: 150 Schulen und 50 Moscheen wurden für Flüchtlinge geöffnet. Der große Universitätscampus allein hat zwischen 30 000 und 35 000 Flüchtlinge aufgenommen.

    In den umkämpften Gebieten hat die Regierung schon seit langem alle Lieferungen zur Versorgung der Bevölkerung gestoppt. Die Menschen sind auf sich alleine gestellt und müssen selbst versuchen, irgendwie an lebenswichtige Waren wie Essen oder Gas heranzukommen. Am schwierigsten ist die medizinische Versorgung. Obwohl noch einige öffentliche Krankenhäuser und Gesundheitsstationen funktionieren, fehlt es besonders an medizinischem Personal und Medikamenten. Von entscheidender Bedeutung sind mangels ausländischer Helfer, die nicht ins Land gelassen werden, die Netzwerke einheimischer, nachbarschaftlicher Solidarität.

    Wohlhabende Aleppiner haben ihre Stadt verlassen

    Diese haben seit Beginn des Bürgerkriegs in Aleppo die Hauptlast der Notversorgung getragen, aber auch diese Netzwerke beginnen jetzt auszubluten, während die Bedürfnisse der notleidenden Bevölkerung rasant angestiegen sind. Viele der einst wohlhabenden Aleppiner, die die humanitären Netzwerke unterstützt haben, verloren große Teile ihres Vermögens und haben das Land bereits verlassen. Die Mehrheit der Fabriken der Region wurde bereits abgebaut und in kleinen Stücken in die Türkei verkauft. Zu den Binnenflüchtlingen und Notleidenden im eigenen Land hat bislang nur der Syrische Rote Halbmond (SARC) mit seinen mehr als 10 000 Freiwilligen direkten Zugang. Der SARC versorgt die Menschen mit Hilfsgütern, Nahrungsmitteln und Wasser und leistet medizinische Hilfe in öffentlichen Gebäuden, wo die Flüchtlinge Unterkunft gefunden haben. Die Helfer des SARC evakuieren Kranke und Verwundete und leisten Nothilfe.

    Zum Hilfswerk der militärischen Opposition, also zum Gegenpol des SARC in Syrien, ist das weltweit tätige Islamic-Relief-Network geworden. Die Organisation weigert sich, seine Hilfsgüter über den „Roten Halbmond“ zu verteilen, weil man dem SARC vorwirft, dass er mit der Staatssicherheit zusammenarbeitet und regimetreue Familien begünstigt. Taha Rashid leitet das Islamic Relief Netzwerk von Beirut aus. Die Hilfslieferungen werden von Freiwilligen vom Ausland nach Syrien gebracht und an Bedürftige in den von den Rebellen kontrollierten Gebieten verteilt. Doch auch die Routen in den Rebellengebieten sind nicht frei befahrbar. Bei Aleppo hat eine salafistische Miliz den Helfern kürzlich den Zugang zu einer Ortschaft verwehrt. Die Bewohner hätten daraufhin die Miliz derart heftig bestürmt, dass diese die Durchfahrt freigab.

    Der Arzt Abdulrahman Attar, der Leiter des SARC, dessen Vater den Roten Halbmond in Syrien unter der französischen Mandatszeit gegründet hat, war im Sommer in Berlin und gab dort dem „Tagesspiegel“ ein Interview, in dem er behauptete, dass die 10 000 Helfer des Roten Halbmondes in Syrien nicht politisch arbeiten, sondern nur im Dienst an der notleidenden Bevölkerung. Einige der Helfer seien bei dieser Arbeit sogar getötet worden. Andere freiwillige Helfer seien verhaftet worden, weil ihnen vorgeworfen wurde, mit den Mobilen Kliniken auch den Aufständischen zu helfen. „Humanitäre Hilfe macht nur Sinn, wenn sie unbewaffnet und neutral erfolgt“, sagte er.

    Mit dem Herannahen des Winters fehlen vor allem warme Kleidung und Heizmöglichkeiten. Auch Nahrungsmittel und Kindermilch werden rar. Ein Hoffnungsfunke ist in dieser Situation der Jesuit Refugee Service (JRS), der soeben von der Regierung die Genehmigung erhalten hat, in Aleppo eine Erste Hilfe-Station zu eröffnen.

    Der Kampf um Aleppo unterscheidet sich von anderen Schauplätzen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen der Opposition und dem Regime in Syrien. In Homs, Idlib oder Daraa nahmen die bewaffneten Auseinandersetzungen ihren Anfang in einem friedlichen Protest, um die Bevölkerung vor Ort gegen Übergriffe der Regierungstruppen zu schützen. Die Bewohner Aleppos hatten die Revolution kaum unterstützt, selbst kleinere Proteste in den Randgebieten der Stadt blieben eher eine Ausnahme. Aleppo stellt eindeutig ein militärstrategisches Ziel für die bewaffnete Opposition dar. Der Wille der Menschen vor Ort oder gar ihr Schutz spielen dabei nur eine zweitrangige Rolle.

    Der Ausbruch der Kämpfe in Aleppo kam daher für die Einwohner der Stadt überraschend und schockiert bis heute viele der Bewohner. Selbst nach Monaten hat keine nennenswerte Unterstützung der Bevölkerung für die eine oder andere Seite eingesetzt, die Aleppiner wollen sich aus dem Konflikt heraushalten. Die noch in Aleppo verbliebenen Menschen sind sich zwar bewusst, dass die Bomber der Regimetruppen die Häuser zerstören und für die katastrophale ökonomische Situation verantwortlich sind, gleichzeitig wird den Kämpfern der Freien Syrischen Armee jedoch vorgeworfen, dass ihre Vorgehensweise nicht dem Schutz der Zivilbevölkerung dient. Aktive Unterstützung bekommt die Opposition vor allem aus dem sunnitischen Umland Aleppos und dem Ausland. So haben die islamistischen Kämpfer der Al Nusra Front, die dem Al-Kaida Netzwerk im Irak nahestehen, die Hauptlast des Kampfes getragen. Diese Islamisten, die nicht dem in Doha geschmiedeten Bündnis der syrischen Opposition angehören, dürften nach einem Ende des Konfliktes einen großen Teil der Beute unter sich verteilen. Dann, oder vielleicht schon früher, könnte es durchaus zu einem neuen Konflikt, ähnlich dem im Norden Malis, zwischen syrischen Rebellen und Islamisten kommen.