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    Supermacht mit utopischen Zielen

    Herr Professor Bierling, der 11. September wird als eine Zäsur in der amerikanischen Außenpolitik gesehen. Zu Recht? Auf jeden Fall. Der 11. September war für Amerika ein Einschnitt in seine Außen-, aber auch in seine Innenpolitik.

    Professor Stephan Bierling lehrt an der Universität Regensburg internationale Politik und transatlantische Beziehungen. ... Foto: Archiv

    Herr Professor Bierling, der 11. September wird als eine Zäsur in der amerikanischen Außenpolitik gesehen. Zu Recht?

    Auf jeden Fall. Der 11. September war für Amerika ein Einschnitt in seine Außen-, aber auch in seine Innenpolitik. Zum ersten Mal seit 1814, als die Briten Washington verwüsteten, ist Amerika auf dem Festland angegriffen worden. Das hat die USA stark verändert.

    Einige Experten sehen aber dennoch eine Kontinuität in der Außenpolitik. Nach dem Kalten Krieg gab es eine Vielzahl militärischer Operationen, im Sudan zum Beispiel, den die USA aufgrund terroristischer Aktivitäten bombardierten. Unter Clinton wurden die finanziellen Mittel aufgestockt, um gegen den Terrorismus vorzugehen. Ist der 11. September damit nicht einfach ein Ereignis in einer Kette, deren Anfang schon viel früher lag?

    Nein. Was wir nach dem 11. September im Irak und in Afghanistan gesehen haben, ist eine neue Qualität der amerikanischen Reaktion auf den islamistischen Terror. Zwar gab es schon in den 90er Jahren aus der Ferne durchgeführte Schläge mit Raketen auf vermeintliche Terroranlagen, etwa in Afghanistan oder im Sudan. Aber an den großflächigen Einsatz amerikanischen Militärs, an die Besetzung eines Landes und aufwändiges Nation Building, den Neuaufbau eines Staats, hat damals niemand gedacht. Das war erst möglich nach dem gigantischen Schock von 9/11.

    Inwiefern hat sich denn die Außenpolitik nach diesem Schock verändert?

    Nach 9/11 hat die amerikanische Außenpolitik auf Risiko-Bekämpfung um jeden Preis gesetzt. In dieser Panik hat man auch Risiken, die vorher als akzeptabel angesehen wurden, jetzt um jeden Preis ausschalten wollen. Vor 9/11 konnten Bush und sein Vize Cheney mit dem Risiko Saddam Hussein im Irak leben. Nach 9/11 schien es ihnen nicht mehr tragbar. Die Amerikaner haben auf eine präventive Ausschaltung aller möglichen Gefahren gesetzt, so weit hergeholt diese Gefahren später auch erscheinen mussten.

    Eine solche Außenpolitik, die alle Risiken ausschalten will, ist aber doch utopisch?

    Es ist in der Tat utopisch, wenn man Risiken in der Außenpolitik nicht mehr rational akzeptiert, sondern völlig ausschalten will. Als Bush ab 2006 die Riesenprobleme erkannte, die er sich mit der Irakinvasion aufgehalst hatte, veränderte er die Risiko-Kalkulation stillschweigend wieder. Von einem Vorgehen gegen den Iran oder Nordkorea etwa sprach niemand mehr. Die Amerikaner haben lernen müssen, dass ihrem Welt-Ordnungsanspruch und ihrer Macht Grenzen gesetzt sind.

    Ist durch den Krieg gegen den Terror, wie ihn Präsident Bush ausgerufen hat, eine emotionale Komponente in die US-Außenpolitik eingedrungen?

    Die emotionale Komponente war natürlich da. 9/11 hat ja viel Leid über die Nation gebracht, das nach einer emotionalen Antwort rief. Es ist aber übertrieben, die Reaktionen der Amerikaner in Afghanistan und im Irak nur auf emotionale Elemente zurückzuführen. Es gab hinter diesen Plänen ein rationales Kalkül. Dass dieses Kalkül nicht aufging, lag an der von Panik getriebenen Gefahreneinschätzung, an der Überschätzung der eigenen Macht und an der katastrophalen Nachkriegsplanung.

    Präsident Bush spaltete mit seinem „Kampf gegen den Terror“ die Verbündeten. Es kam zu Differenzen zwischen Deutschland und den USA. Ist der 11. September der einzige Grund für die Verwerfungen zwischen den ehemaligen Verbündeten?

    Nein, die Veränderungen im einst so engen deutsch-amerikanischen Verhältnis beginnen schon mit dem Ende des Kalten Kriegs. Die Deutschen brauchten den Sicherheitsschirm der USA einfach nicht länger, und die Amerikaner die Bundesrepublik nicht mehr zur Eindämmung der Sowjetunion. Die Reaktionen der beiden Länder auf 9/11 haben diese neue Realität nur offensichtlich gemacht: Hier die Weltmacht USA auf der Höhe ihres Einflusses, die eine globale und primär militärische Antwort auf den islamistischen Terror will, dort die Regionalmacht Deutschland und andere westeuropäische Staaten, die dies, vor allem bei der Irakinvasion, nicht mittragen.

    Die Verwerfungen zwischen Westeuropa und den USA liegen also in einer anderen Beurteilung von Terrorismus?

    Ja. Für die USA dominiert der „Krieg gegen den Terror“ nach 9/11 die gesamte Außenpolitik, für die meisten Westeuropäer ist der islamistische Terror ein Problem unter vielen.

    Mit dem Fall der Sowjetunion hat die USA auch ihren größten Rivalen verloren. Durch 9/11 entwickelte sich ein neues Feindbild. Hat der Kampf gegen den Terrorismus so eine Art sinnstiftende Funktion für die US-Außenpolitik entwickelt?

    Bush hat es in den ersten Jahren nach 9/11 auf jeden Fall so interpretiert. Selbst der Angriff auf den Irak wurde ja als Teil des „Kriegs gegen den Terror“ dargestellt. Unter Obama hat sich das aber abgeschwächt. Die Regierung sieht nun klarer, dass Terrorismus eine Methode ist und nicht ein Feind, wie es eben die Sowjetunion war. Heute sind die Instrumente der Terrorismusbekämpfung differenzierter; die Amerikaner haben gelernt, dass militärische Intervention und zivile Aufbaumaßnahmen Hand in Hand gehen, dass polizeiliche, geheimdienstliche und militärische Maßnahmen eng verzahnt sind und dass ein Militäreinsatz kontraproduktiv sein kann.

    Von Obama erwarteten sich viele Menschen einen Wandel der amerikanischen Politik. Begann mit Obama ein Neuanfang in der Außenpolitik?

    Was den Stil angeht, unbedingt. Auch ist Obama ein Realist, der die Möglichkeiten und Grenzen amerikanischer Macht sehr viel nüchterner einschätzt als Bush. Und er will stärker mit Partnern zusammenarbeiten, schon weil sein Vorgänger ihm so viele kostspielige Kriege und eine schwere Wirtschaftskrise hinterlassen hat. Der Libyenkrieg ist dafür ein Paradebeispiel– die USA sind dabei, aber die Verbündeten übernehmen die zentrale politische und militärische Rolle. Obama setzt allerdings auch viel von Bushs Außenpolitik fort. Den Afghanistankrieg hat er immer als den „guten Krieg“ verteidigt und er führt ihn mit mehr Energie und Ressourcen als Bush. Auch die Tötung von ranghohen Terroristen durch Drohnen und Spezialkommandos hat Obama massiv ausgeweitet. Insofern ist unter Obama der „Krieg gegen den Terror“ nach wie vor ein wichtiges Merkmal der US-Außenpolitik, aber es ist nicht mehr das einzige Merkmal wie unter Bush.

    Ist unter diesem Horizont auch das Zugehen Obamas auf die Muslime zu verstehen?

    Natürlich. Bush hat zwar immer betont, dass er keinen Krieg gegen den Islam führe, die Invasion im Irak ist in der arabisch-muslimischen Welt aber genau so aufgefasst worden. Obama hat zu Beginn seiner Amtszeit neuen Elan in die Beziehungen zur islamischen Welt gebracht – denken Sie an seine Rede in Kairo. Solange aber der israelisch-palästinensische Konflikt schwelt, und Washington nicht als ehrlicher Makler angesehen wird, wird sich Amerikas Stellung bei den Muslimen nicht dramatisch verbessern. Zumindest hat die politisch und militärisch kluge Unterstützung der Rebellen in Libyen das amerikanische Ansehen wieder etwas steigern können. Jetzt baut Libyen auf eine dauerhafte Partnerschaft mit dem Westen – das ist eine große Chance für die USA, aber auch Europa, das Verhältnis zur arabischen Welt neu zu definieren.