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    Südsudan am Abgrund

    Der Jubel nahm kein Ende, als der Sprecher des südsudanesischen Parlaments vor fünf Jahren die Unabhängigkeitserklärung verlas: „Wir, die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes, erklären hiermit den Südsudan zu einem unabhängigen und souveränen Staat.“ Der neue Präsident des Südsudan, Salva Kiir, legte seinen Amtseid ab: „Ich, General Salva Kiir, schwöre beim allmächtigen Gott, dass ich als Präsident des Südsudans treu dienen werde. Ich werde die Einheit des südsudanesischen Volkes schützen und fördern, so wahr mir Gott helfe.“

    Clashes erupt in Juba
    Sind sich nicht grün: Südsudans Präsident Salva Kiir (r.) und sein ehemaliger Vizepräsident Riek Machar. Foto: dpa

    Der Jubel nahm kein Ende, als der Sprecher des südsudanesischen Parlaments vor fünf Jahren die Unabhängigkeitserklärung verlas: „Wir, die demokratisch gewählten Vertreter des Volkes, erklären hiermit den Südsudan zu einem unabhängigen und souveränen Staat.“ Der neue Präsident des Südsudan, Salva Kiir, legte seinen Amtseid ab: „Ich, General Salva Kiir, schwöre beim allmächtigen Gott, dass ich als Präsident des Südsudans treu dienen werde. Ich werde die Einheit des südsudanesischen Volkes schützen und fördern, so wahr mir Gott helfe.“

    Mit einer deutlichen Mehrheit hatte die überwiegend christliche südsudanesische Bevölkerung im Januar 2011 für eine vollständige Loslösung vom Nordteil des islamisch geprägten Sudan gestimmt. Mit der staatlichen Unabhängigkeit war die Hoffnung auf Frieden, politische Stabilität sowie wirtschaftliche und soziale Entwicklung verbunden. Am 9. Juli 2011 wurde dieser Schritt offiziell vollzogen: Der Südsudan erklärte seine Unabhängigkeit vom Sudan, dessen Präsident Omar Hassan al-Baschir wegen Völkermordes angeklagt ist, und wurde zu einem souveränen Staat.

    4,8 Millionen Menschen sind vom Hunger bedroht

    Die Feierlichkeiten zum fünften Jahrestag der Unabhängigkeit des 54. afrikanischen Staates wurden allerdings abgesagt, weil die Sicherheitslage angespannt war. Bereits am Freitag war in der Hauptstadt Juba die Gewalt explodiert. Bei Kämpfen zwischen Armee und Rebellengruppen wurden nach unterschiedlichen Angaben mehr als 200 Menschen getötet. Am Sonntag dauerten die Gefechte an.

    Nur fünf Jahre nach der Unabhängigkeit steht der jüngste Staat der Erde am Abgrund. Der Jubel im Land, die internationale Euphorie, waren bereits wenige Stunden nach der Unabhängigkeitserklärung verflogen.

    Kurz nach seiner Vereidigung überwarf sich Präsident Salva Kiir mit seinem Vizepräsidenten Riek Machar, der am 23. Juli 2013 aus der Regierung entlassen wurde. Eine Eskalation des Machtkampfs zwischen den beiden Männern leitete einen vor allem ethnisch motivierten Konflikt in dem ostafrikanischen Land ein. Machar gehört zum Volk der Nuer, Kiir zu den zahlenmäßig überlegenen Dinka.

    Machar gründete eine Rebellenorganisation und zog gegen den Präsidenten, der stets mit markantem Stetson-Hut auftritt, in den Krieg. Erst in der Hauptstadt Juba, später im ölreichen Norden des Landes. Immer neue Milizen gründeten sich und bekämpften sich gegenseitig.

    Alte Stammeskonflikte brachen wieder auf, hunderttausende Zivilsten flohen vor der Gewalt, zehntausende starben. Wegen der kriegerischen Auseinandersetzungen und schlechter Ernten sind nach UN-Angaben bis zu 4,8 Millionen Menschen vom Hunger bedroht. Erst im August vergangenen Jahres konnte mit internationaler Vermittlung ein Friedensabkommen geschlossen werden. Einer der Hauptpunkte des Abkommens war die Rückkehr des einstigen Vizepräsidenten. Nach zahllosen Verhandlungsrunden stimmte Machar im äthiopischen Exil einem Friedensvertrag zu, der für ihn erneut das Amt des Vizepräsidenten vorsah.

    Weil viele Menschen sich vor der Rückkehr Machars fürchteten, hatten die Bischöfe Südsudans zu einer landesweiten Gebetsaktion um Frieden aufgerufen. Der Erzbischof der Hauptstadt Juba, Paulino Lukudu Loro, sagte nach Angaben von Radio Vatikan: „Es gab drei Tage lang Gebetsmomente in allen Pfarreien mit dem Ziel, für den Frieden im Südsudan zu beten. Das haben wir bewusst zur Rückkehr des Vizepräsidenten Riek Machar getan, weil viele Menschen bei uns Angst vor seiner Rückkehr hatten. Wir wollten dagegen etwas unternehmen.“ Die Angst ist geblieben. Comboni-Schwestern schrieben kürzlich aus der Hauptstadt Juba in einer Mail an das internationale Hilfswerk missio: „Unsere Situation ist sehr sehr schlimm. Wir leben in ständiger Angst und die Menschen verhungern“.

    Weil die Regierung der Nationalen Einheit aus denselben politischen Führungskräften besteht, die den Südsudan in die Katastrophe gestürzt hatten, besteht wenig Hoffnung auf eine friedliche Zukunft des Landes. Die neue Übergangsregierung soll Wahlen in zwei Jahren vorbereiten, eine neue Verfassung ausarbeiten, die Rebellen in die reguläre Armee integrieren und die zerstörte Wirtschaft wieder aufbauen. Wie soll das funktionieren, wenn sich die beiden Anführer und ihre Anhänger keinen Millimeter über den Weg trauen?

    Wegen der immer wieder aufflammenden Kämpfe sind Millionen Menschen aus ihren Dörfern geflohen – ihre Felder bleiben unbestellt.

    Doch Ernteausfälle und Flucht sind nicht die einzigen Gründe für die Wirtschaftsmisere im Südsudan. Auch der niedrige Ölpreis und hohe Gebühren für den Öltransport durch die vom Nachbarland Sudan verwalteten Pipelines machen dem Land zu schaffen. Öl ist das einzig nennenswerte Exportprodukt und die wichtigste Devisenquelle Südsudans. Devisen werden wiederum für Lebensmittelimporte dringend benötigt.

    Ein neuer Krieg im Südsudan könnte ganz Afrika erfassen

    „Die internationale Staatengemeinschaft darf sich jetzt nicht enttäuscht und ratlos vom Südsudan abwenden und die Zivilbevölkerung im Stich lassen. Denn ein neuer Krieg im Südsudan könnte ganz Ostafrika erfassen“, warnte am Sonntag die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV). Nur das Ausland sei jetzt noch in der Lage, die verfeindeten Konfliktparteien zur Umsetzung des Friedensvertrages vom August 2015 zu drängen. Auch müssten die Vereinten Nationen dringend über eine Verbesserung des Schutzes der Zivilbevölkerung beraten.

    Der UN-Sicherheitsrat forderte am Montag die Bürgerkriegsparteien zur sofortigen Einstellung der Kämpfe auf. In einer einstimmig verabschiedeten Erklärung stellten die 15 Ratsmitglieder außerdem die Aufstockung der Blauhelmmission in dem Land in Aussicht. Zunächst aber ist der südsudanesische Konflikt eine innerafrikanische Angelegenheit. Die zunehmend selbstbewusst auftretende Afrikanische Union, der wichtigste Zusammenschluss afrikanischer Staaten, sollte daher auf ihrer Jahrestagung vom 10. bis 18. Juli in der ruandischen Hauptstadt Kigali die beiden südsudanesischen Streithähne zur Räson bringen.