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    Struwwelpeters Leiden

    Von Johannes Seibel

    Von Johannes Seibel

    Deutschland erlebt einen nie gekannten Rechtsruck. Nach Jahren des Laissez-faire verfärbt sich der deutsche Alltag wieder erzschwarz. Das finstere Mittelalter kehrt zurück. Wenn's schon dem deutschen Struwwelpeter an den Kragen geht, dann sind alle Dämme gebrochen. Das Paradekind, die Ikone der antiautoritären Erziehung, der gesellschaftlichen Emanzipation, des modernen Deutschlands wird demontiert. Es soll Schluss sein mit der allgegenwärtigen Rehabilitierung des Zappel-Phillips und des Hanns Guck-in-die-Luft. Es soll Schluss sein mit langen Haaren, wildem Aussehen und ungepflegten Fingernägeln – also mit Querdenken, Unangepasstheit und Liberalität. Vor allem aber soll Schluss sein mit dem lockeren Zeitgeist des Struwwelpeters, der angesichts des unmöglichen wahren Lebens im falschen allen Betonköpfen des schlechten Bestehenden entgegenschleudert: „Nein, meine Suppe ess' ich nicht.“

    Denn Suppen liegen im reaktionären Trend. Sie spülen wie ein Tsunami den deutschen Suppen-Kaspar hinweg. Den Anfang hatten Börsianer an der New Yorker Wall Street gemacht, melden Nachrichtenagenturen (Achtung: Verschwörungstheorie!), als sie vor gut zehn Jahren Suppen als schnelles und gesundes Essen für die Mittagspause entdeckten. Ob Lübeck, Frankfurt oder Nürnberg – inzwischen nehmen Imbisse namens „Suppentopf“, „Souper“ und „Souptopia“ auch in Deutschlands Städten einen festen Platz ein. Sogar bei McDonalds stehen Gulasch und Tomatensuppe auf dem Speiseplan.

    Die ultrakonservativen, rückwärtsgewandten, obrigkeitsfixierten Deutschen können also einfach nicht aus ihrer altdeutschen Haut fahren. Sie werden sich zu allen Zeiten die Suppe einbrocken, die sie auslöffeln müssen. Und das helle Licht der Aufklärung wird hierzuland weiter bloß durch ein glibbriges Fettauge trüb hindurchfunzeln können.