• aktualisiert:

    Steht Nordkorea vor einem dynastischen Machtwechsel?

    Die kommunistische Führung Nordkoreas hat für heute eine als „historisch“ bezeichnete Delegiertenversammlung der Partei einberufen. Es dürfte die größte Konferenz dieses Gremiums seit 30 Jahren werden. Viele Beobachter spekulieren, Kim Jong-un, der jüngste Sohn des Machthabers Kim Jong-il, solle bei dieser Gelegenheit zum Nachfolger seines als krank geltenden Vaters aufgebaut werden. Die beiden älteren Söhne sollen aus verschiedenen Gründen hierfür nicht in Betracht kommen. Nordkorea ist heute eines der unberechenbarsten und gefährlichsten Länder der Welt.

    Die kommunistische Führung Nordkoreas hat für heute eine als „historisch“ bezeichnete Delegiertenversammlung der Partei einberufen. Es dürfte die größte Konferenz dieses Gremiums seit 30 Jahren werden. Viele Beobachter spekulieren, Kim Jong-un, der jüngste Sohn des Machthabers Kim Jong-il, solle bei dieser Gelegenheit zum Nachfolger seines als krank geltenden Vaters aufgebaut werden. Die beiden älteren Söhne sollen aus verschiedenen Gründen hierfür nicht in Betracht kommen. Nordkorea ist heute eines der unberechenbarsten und gefährlichsten Länder der Welt.

    Kim Jong-il hat mit Sicherheit ein Gesundheitsproblem. Vermutlich hat er vor etwa zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten, was an seinem Gang auf nicht ganz scharfen Filmen erkennbar sein soll. Inzwischen soll er auch an Diabetes leiden. Es wird ihm unterstellt, er wolle seine Herrschaft in der Familie vererben. KCNA, die Nachrichtenagentur des Landes, berichtet, Zweck der bevorstehenden Versammlung sei es, eine „neue Führungsmannschaft der Partei zu wählen“. Auf dem letzten Kongress dieser Art war 1980 der heutige Machthaber Kim Jong-il in eine Position gehoben worden, die ihm beim Tod seines Vaters 1994 dessen Nachfolge ermöglichte. Die Gesamtpartei tritt deshalb so selten zusammen, weil sie neben dem Militär die schwächere der beiden großen Herrschaftsstrukturen im Staate ist, dessen Machthaber sich immer stärker auf die Streitkräfte abgestützt haben.

    Der große Parteikongress sollte eigentlich schon vor drei Wochen stattfinden. Der Grund der Verschiebung könnte verhältnismäßig harmlos sein: Sturzregen und Erdrutsche haben möglicherweise verhindert, dass Delegierte in die Hauptstadt gelangen konnten. Aber auch eine Verschlechterung des Gesundheitszustands von Kim Jong-il oder gar Machtkämpfe über die Nachfolgefrage zwischen Militär und Partei oder innerhalb der „Herrscherfamilie“ könnten schuld gewesen sein.

    Eine der stärksten Armeen der Welt

    Das äußerst gespannte Verhältnis zwischen dem Norden und dem Süden macht die Lage in Korea besonders gefährlich. Im März dieses Jahres sank ein südkoreanisches Kriegsschiff in schlecht markierten Grenzgewässern, wobei 43 Seeleute ertranken. Die Regierung in Seoul behauptet, es sei von der nordkoreanischen Marine versenkt worden. Inzwischen wurde es etwas stiller hierüber – vielleicht durch den Einfluss Amerikas, das Südkorea gemeinsame Seemanöver versprach. Washington will unter allen Umständen einen Krieg zwischen den koreanischen Staaten verhindern, denn der Norden unterhält mit 1, 15 Millionen Mann eine der stärksten Armeen der Welt. Ihre konventionelle Bewaffnung gilt zwar als veraltet, aber Pjönyang verfügt auch über Atomwaffen, deren Zahl und Treffsicherheit nicht genau bekannt sind.

    Inzwischen hat Seoul nach den verheerenden Unwettern der vergangenen Wochen kostenlos 5 000 Tonnen Reis und 10 000 Tonnen Zement an den Norden geliefert, wo sie dringend gebraucht werden. Außerdem hat es Gespräche über eine zweite südkoreanische „Sonderwirtschaftszone“ auf nordkoreanischem Territorium angeboten. Die erste – in Kaesong – war von Pjönyang wegen des Disputs über den Schiffszwischenfall geschlossen worden. Diese Sondergebiete nützen beiden Seiten: Nordkoreanische Arbeiter verdienen dort mehr als zuhause, wenn auch erheblich weniger als ihre Kollegen im Süden. Auch ist von der Wiederaufnahme von Familienbesuchen zwischen Nord und Süd die Rede, und Pjönyang soll zur Fortführung der Sechs-Mächte-Gespräche über sein Atomprogramm bereit sein.

    Die einfachen Nordkoreaner leiden unter bitterer Armut, Hunger und Unterdrückung. Sie leben von der Außenwelt abgeschlossen und werden bestenfalls wie Leibeigene gehalten. Ihr einziges Aufputschmittel ist der übersteigerte Heroenkult der Familie Kim, der fortbestehen muss, um den Staat zusammenzuhalten. Die wenigen Christen im Norden – im Süden machen sie über ein Viertel der Bevölkerung aus – sind strenger Verfolgung ausgesetzt. Sie werden in Straflager eingewiesen oder sogar hingerichtet wie vor einem guten Jahr eine Frau, die Bibeln verteilte.

    Es entspräche der bizarren Logik der „kommunistischen Monarchie“ Nordkoreas, wenn eines Tages tatsächlich ein Sohn des Diktators Kim Jong-il die Herrschaft des Vaters übernähme. Sollten die Gerüchte über dessen Krankheit stimmen, wäre es für ihn an der Zeit, sein Haus zu bestellen und einen Nachfolger aus der Familie an seiner Seite zu haben. Andererseits erfuhr jedoch der frühere amerikanische Präsident Jimmy Carter kürzlich bei einem Besuch in Peking vom chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao, Kim Jong-il habe ihm erst vor wenigen Wochen erklärt, alle Meldungen über eine dynastische Nachfolge in seinem Land seien „falsche Gerüchte aus dem Westen“.

    Die Hauptschwierigkeit eines künftigen Diktators Kim Jong-un wäre sein jugendliches Alter von 27 oder 28 Jahren – je nach Informationsquelle. Er kann deshalb schwerlich schon hinreichend Einfluss auf Armee und Partei ausüben, die beiden Institutionen, auf die es ankommt. Sein Vater hatte immerhin von 1980 bis 1994 Zeit zwischen seiner Berufung und seiner Machtübernahme. Die Frist des Sohnes wäre vermutlich erheblich kürzer. Der junge Mann, der vier Jahre eine Privatschule im Kanton Bern besuchte und also gewisse Fremdsprachenkenntnisse besitzen muss, der sich für Basketball und Fußball begeisterte und die Kung-fu-Filme mit Jackie Chan liebte, würde wohl zunächst stark von Beratern und „Beschützern“ abhängen. Hier wird vor allem Jang Song-thaek genannt, der Schwager Kim Jong-ils und zweitwichtigste Mann im Staat. Er wurde erst im Juni zum stellvertretenden Vorsitzenden der Nationalen Militärkommission gewählt, dem wichtigsten Entscheidungsorgan des Landes. Bis vor kurzem galt er noch als möglicher Nachfolger von Kim Jong-il, aber Beobachter interpretieren seine jüngste Beförderung als Manöver zum Aufbau des jungen Kim. Jang könnte übergangsweise als dessen „Regent“ und politischer Vormund wirken.

    China hat ein Interesse am Status quo

    Ob in Nordkorea eine erfolgreiche Machtausübung gelingen kann, hängt sehr stark von China ab, ohne dessen Unterstützung kein Regime in Pjönyang lebensfähig wäre. Peking ist kaum daran gelegen, das politische System Nordkoreas zu reformieren. Vielleicht ist es nur daran interessiert, seinen Nachbarn ruhig und in gutem Einvernehmen mit der chinesischen Vormacht zu halten. Einige westliche Fernostexperten meinen, China werde auf eine Stärkung der nordkoreanischen Partei, auf Wirtschaftsreformen nach eigenem Vorbild und Öffnung nach außen hinwirken. Sicher ist, das Peking ein erhebliches Interesse an der Ausbeutung nordkoreanischer Bodenschätze und an der Nutzung der Häfen des Landes hat. Sollte es China nicht gelingen, Nordkorea unter Kontrolle zu halten, würde das Land vermutlich in sich zusammenbrechen. Ein solcher Kollaps wäre zwangsläufig mit gewaltigen Flüchtlingsströmen nach Südkorea und China verbunden, wofür keines dieser Länder hinreichende Aufnahmekapazitäten hätte.