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    Staatskrise in Seoul

    Choi Soon-sil war die Freundin – oder vielleicht präziser: die Vertraute – der südkoreanischen Präsidentin. Es war bekannt, dass sie, ohne selbst ein öffentliches Amt innezuhaben, Entwürfe politischer Reden von Präsidentin Park Geun-hye Korrektur las und die erste Frau an der Spitze der Republik Korea in Fragen der Garderobe beriet. Nun sieht sich Park seit gut zwei Wochen der schwierigsten und bedrohlichsten Krise in ihrer seit vier Jahren andauernden Amtszeit gegenüber. Im Mittelpunkt des Skandals steht Parks seit über vierzig Jahren bestehende Beziehung zu Choi, die beschuldigt wird, ihre Freundschaft mit der 64-jährigen Präsidentin dazu ausgenutzt zu haben, um auf diese ungebührliche und unerlaubten politischen Einfluss auszuüben und sich persönlich zu bereichern. Choi, die de facto zwei größere Stiftungen namens „Mi-E“ und „K-Sports“ kontrolliert, soll über diese durch Korruption eine hoch zweistellige Millionensumme in Dollars aus staatlichen Mitteln zur Seite geschafft haben. Die Presse des Landes ist voll von Mutmaßungen und Hypothesen über Choi, die als „Macht im Verborgenen“ wirkte. In der vergangenen Woche protestierten Zehntausende in der Hauptstadt Seoul und verlangten den Rücktritt Parks, die ihre Wahl 2012 mit einer absoluten Mehrheit von 62 Prozent der Stimmen gewonnen hatte. Heute bewegt sich ihre Beliebtheit nach Berechnungen seriöser Meinungsforschungsinstitute, darunter „Gallup Korea“, im einstelligen Prozentbereich.

    South Korean President Park Geun-hye apologizes for corruption sc
    Entschuldigte sich für die Korruptionsvorwürfe gegen ihre Vertraute: Südkoreas Präsidentin Park. Foto: dpa

    Choi Soon-sil war die Freundin – oder vielleicht präziser: die Vertraute – der südkoreanischen Präsidentin. Es war bekannt, dass sie, ohne selbst ein öffentliches Amt innezuhaben, Entwürfe politischer Reden von Präsidentin Park Geun-hye Korrektur las und die erste Frau an der Spitze der Republik Korea in Fragen der Garderobe beriet. Nun sieht sich Park seit gut zwei Wochen der schwierigsten und bedrohlichsten Krise in ihrer seit vier Jahren andauernden Amtszeit gegenüber. Im Mittelpunkt des Skandals steht Parks seit über vierzig Jahren bestehende Beziehung zu Choi, die beschuldigt wird, ihre Freundschaft mit der 64-jährigen Präsidentin dazu ausgenutzt zu haben, um auf diese ungebührliche und unerlaubten politischen Einfluss auszuüben und sich persönlich zu bereichern. Choi, die de facto zwei größere Stiftungen namens „Mi-E“ und „K-Sports“ kontrolliert, soll über diese durch Korruption eine hoch zweistellige Millionensumme in Dollars aus staatlichen Mitteln zur Seite geschafft haben. Die Presse des Landes ist voll von Mutmaßungen und Hypothesen über Choi, die als „Macht im Verborgenen“ wirkte. In der vergangenen Woche protestierten Zehntausende in der Hauptstadt Seoul und verlangten den Rücktritt Parks, die ihre Wahl 2012 mit einer absoluten Mehrheit von 62 Prozent der Stimmen gewonnen hatte. Heute bewegt sich ihre Beliebtheit nach Berechnungen seriöser Meinungsforschungsinstitute, darunter „Gallup Korea“, im einstelligen Prozentbereich.

    Der Skandal entfaltete sich in mehreren Stufen. Lange gab es nur Gerüchte über den Gesamtkomplex, welche die regierende konservative Saenuri-Partei und das Blaue Haus, der Sitz der Präsidentin, zunächst dementierten. Auf Choi angesprochen sagte Park stets, sie kenne sie zwar, aber nicht besonders gut. Dabei wohnte Choi praktisch ständig im Blauen Haus und soll seit Jahren dort als „Einflüsterin“ in fast allen politischen Bereichen gewirkt haben. Der Typ des Einflüsterers ist in der monarchischen Tradition Koreas wohl bekannt – und in der Historie waren Frauen bei dieser Tätigkeit meist besonders geschickt. Die in Seoul erscheinende „Korean Times“ spielt sogar mit der von Choi vermutlich ausgeübten „Macht im Schatten“ auf den „Shogun im Schatten“ an, der in der japanischen Geschichte gelegentlich die wahre Macht ausübte und dabei den Kaiser als seine Marionette führte. Korea war – abgesehen von einigen Zeiten der Selbstständigkeit – jahrhundertelang Vasallenstaat des chinesischen Kaiserreichs, bevor es 1895 für fünfzig Jahre japanische Kolonie wurde.

    Präsidentin Park hat sich inzwischen in der Öffentlichkeit eher vage persönlich entschuldigt, ohne dabei die politische Verantwortung für die ihr zur Last gelegten Geschehnisse zu übernehmen. Den Rücktritt von ihrem Amt, den angeblich 89 Prozent der Bevölkerung fordern, zieht sie offenbar noch nicht in Betracht.

    Die Bekanntschaft zwischen den Damen Park und Choi begann 1974, als die Mutter der heutigen Präsidentin und fünf Jahre später ihr Vater – der damals Staatspräsident war – bei Attentaten ermordet wurden. Chois 1994 verstorbener Vater war der Gründer einer religiösen Sekte namens „Kirche für ein ewiges Leben“, was irgendwie christlich klingt. Dahinter verbirgt oder verbarg sich jedoch ein pseudoreligiöser schamanistischer Kult. Vater Choi soll im Laufe seines Lebens siebenmal den Namen gewechselt haben und sechsmal verheiratet gewesen sein. Im Haus dieser schillernden Persönlichkeit fand die heutige Präsidentin Trost nach den Tod ihrer Eltern und eine Art spirituelle Heimat. Jetzt heißt es, Vater Choi sei ihr „Guru“ geworden, was die Präsidentin jedoch strikt abstreitet. Jedenfalls lernte sie im Haus des Sektenchefs Choi dessen Tochter kennen, die heute im Mittelpunkt der Staatsaffäre steht. Die sich daraus entwickelnde Freundschaft der beiden jungen Frauen wird heute in der koreanischen Presse oft als „seltsam“ oder „eigenartig“ bezeichnet. Die heutige Präsidentin war übrigens nie verheiratet und unterhält zu ihren leiblichen Geschwistern keine engeren Beziehungen.

    Der Schock der letzten beiden Wochen trifft Südkorea zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Trotz seines hohen Pro-Kopf-Einkommens steckt das Land in volkswirtschaftlichen Schwierigkeiten. Dass der Konzernriese Samsung, einer der stärksten Pfeiler der koreanischen Wirtschaft, zuerst wegen der Selbstzündung seiner Smartphones zum Gespött der Welt wurde und kurz darauf herauskam, dass der Wirtschaftsriese auch zu den größten Spendern der Choi-Stiftungen gehört, schlägt vielen nationalstolzen und temperamentvollen Südkoreanern aufs Gemüt. Im Übrigen liegt die Grenze des stets gegenüber dem Süden aggressionsbereiten Nordkorea immer noch bekanntlich nur gut fünfzig Kilometer von Seoul entfernt.

    Präsidentin Park will die Krise, die sie in den letzten Wochen erreicht hat, unbedingt durchsitzen. Sie hat zehn Personen aus ihrem nächsten politischen Umfeld, darunter ihren Stabschef, ihren Finanz- und ihren Innenminister, aus ihren Ämtern entfernt und den eher der Opposition zuzurechnenden liberalen Politiker Kim Byong-joon zu ihrem neuen Ministerpräsidenten gemacht. Dieser verlangt eine amtliche Untersuchung der Affäre um Frau Choi, die inzwischen wegen Korruptionsversuchs verhaftet wurde. Niemand kann beurteilen, ob die südkoreanische Demokratie aus der jetzigen Krise unbeschadet hervorgehen wird.