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    Sonntagsarbeit – eine Grundsatzfrage für Europa

    Als Kolumbus Amerika entdeckte traf er auf den Großen Antillen ein sorglos im üppig tropischen Klima lebendes kleines Volk, das nicht einmal ein Wort für „arbeiten“ kannte. Erst als die Eingeborenen von den Spaniern in die Plantagen gezwungen wurden, bildeten sie den Begriff „arbeiten“, indem sie die Silbe „fast“ vor das Wort sterben setzten. Heute, gut ein halbes Jahrtausend später, sterben fast einige Gewerkschaftsfunktionäre in Europa, insbesondere in Frankreich, wenn sie an die Sonntagsarbeit denken. Aber ihnen geht es nicht um die Sonntagsruhe, sondern um die heilige Kuh der französischen Linken, die 35-Stunden-Woche. Diese Kuh hat der französische Wirtschaftsminister Emmanuel Macron mit seinem neuen Liberalisierungsgesetz berührt. Macrons Gesetz sieht nicht vor, allgemein die Sonntagsarbeit einzuführen, sondern nur einigen Geschäften auch am Sonntag zu erlauben, geöffnet sein. Es handelt sich vorwiegend um Geschäfte in touristisch relevanten Stadtteilen. Und das bringt die Gewerkschaftsfunktionäre und auch einige Parteifreunde Macrons um die Ruhe und man könnte meinen auch fast um das politische Leben.

    Emmanuel Macron beim Brötchenbacken auf der Expo 2015 in Mailand. Der französische Wirtschaftsminister möchte die besteh... Foto: dpa

    Als Kolumbus Amerika entdeckte traf er auf den Großen Antillen ein sorglos im üppig tropischen Klima lebendes kleines Volk, das nicht einmal ein Wort für „arbeiten“ kannte. Erst als die Eingeborenen von den Spaniern in die Plantagen gezwungen wurden, bildeten sie den Begriff „arbeiten“, indem sie die Silbe „fast“ vor das Wort sterben setzten. Heute, gut ein halbes Jahrtausend später, sterben fast einige Gewerkschaftsfunktionäre in Europa, insbesondere in Frankreich, wenn sie an die Sonntagsarbeit denken. Aber ihnen geht es nicht um die Sonntagsruhe, sondern um die heilige Kuh der französischen Linken, die 35-Stunden-Woche. Diese Kuh hat der französische Wirtschaftsminister Emmanuel Macron mit seinem neuen Liberalisierungsgesetz berührt. Macrons Gesetz sieht nicht vor, allgemein die Sonntagsarbeit einzuführen, sondern nur einigen Geschäften auch am Sonntag zu erlauben, geöffnet sein. Es handelt sich vorwiegend um Geschäfte in touristisch relevanten Stadtteilen. Und das bringt die Gewerkschaftsfunktionäre und auch einige Parteifreunde Macrons um die Ruhe und man könnte meinen auch fast um das politische Leben.

    Dieses politische Leben wird sicher durch andere Ereignisse stärker gefährdet. Die Diskussion zur Rentrée, zum Wiederbeginn nach den Sommerferien, bietet da genügend Stoff. Zum Beispiel die Schulreform, ein „Massaker“ nach Meinung mancher Zeitungen. Oder die auch in Frankreich sehr lebendige, aber auch offener und ehrlicher geführte Flüchtlingsdebatte. Das stärkste Thema aber sind die Regionalwahlen in drei Monaten und die Zerstrittenheit der Linksparteien. In diesem Kontext ist Macron eine Schlüsselfigur und gilt mittlerweile als letzter Joker von Präsident Hollande. Sein Gesetz sollte den Arbeitsmarkt liberalisieren und neue Arbeitsplätze schaffen, gerade auch durch die Sonntagsarbeit.

    Daraus wird nichts. Die Provinz lässt es nicht zu. Der Widerstand vieler Bürgermeister in der sogenannten „France profonde“, dem in sich ruhenden, wertebewussten und der Großstadthektik enthobenen Frankreich, hat Macron und die Regierung bewogen nachzugeben und die sonntäglichen Arbeitszeiten nur auf bestimmte Gebiete auszudehnen. Dennoch erscheint das ziemlich willkürlich. Warum sollen Touristen in der Provinz sonntags nicht einkaufen können, in manchen Stadtvierteln der Metropolen Paris, Marseille oder Lyon dagegen schon? Überhaupt ist das Sonntagsverbot schon jetzt so durchlöchert, dass man sich fragen kann, ob es nicht nur eine Frage der Zeit ist, bis auch die Gewerkschaften und Parteiideologen auf diese Linie einschwenken, wenn nur die heilige Kuh der 35-Stunden-Woche erhalten bleibt. Das hat Macron versprochen und die Lösung liegt in den Dienstplänen für jeden einzelnen Arbeitnehmer. Auf dieser Linie wird man sich einig, weil man so auch gemeinsam gegen die Kirche als Verteidigerin der Sonntagsruhe marschieren kann.

    Die Kirche ist in der Tat nahezu die einzige Institution in Europa, die den Sonntag noch verteidigt. Der frühere Europa-Abgeordnete Martin Kastler von der CSU hatte auch dafür gekämpft und das Thema ins allgemeine Bewusstsein gehoben. Das war nötig, denn überall in Europa greift die Wirtschaftswelt weiter nach dem Ruheraum des Bürgers. Der Wettbewerb verlange das, heißt es in der Politik und bei Banken und Vorständen, sonst koste es Arbeitsplätze. Auch in Deutschland denkt man ungeniert darüber nach, Arbeitszeiten generell zu „deregulieren“. Der Sonntag soll floaten, er soll sich den Bedürfnissen der Wirtschaft unterordnen, damit Deutschland international wettbewerbsfähig bleibe. Hier findet ein lautloses Ringen statt, dessen Bedeutung sich erst beim Nachdenken erschließt. Es geht mit dem Sonntag um ein Kulturgut, um Menschlichkeit im „totalitären Arbeitsstaat“ (Ernst Jünger), dem neuen Leviathan, der die Tendenz hat, alle Lebensbereiche zu verwirtschaften.

    In Deutschland regelt das Grundgesetz in Artikel 140 und das Arbeitszeitgesetz die Sonn- und Feiertagsarbeit. Danach gibt es trotz eines generellen Verbots fast zwei Dutzend Ausnahmetatbestände für Bereiche, in denen der sonntägliche Betrieb unverzichtbar ist. Zum Beispiel bei Sport- und Freizeiteinrichtungen, bei Messen, in der Bewachungsbranche und bei der Feuerwehr und natürlich auch, wenn man so will, in der Kirche. Der Sonntag ist für die Pfarrer im gesetzlichen Sinn ein arbeitsintensiver Tag. Außerdem können die Aufsichtsbehörden an Sonntagen Arbeit genehmigen, wenn ansonsten der Wettbewerb mit dem Ausland zuungunsten deutscher Unternehmen verzerrt würde oder wenn durch Sonn- und Feiertagsbeschäftigung Arbeitsplätze gesichert werden können. Das Institut der deutschen Wirtschaft spricht von rund 300 Ausnahmefällen, was zeigt, wie löcherig die Regelung bereits ist.

    Kollege Trend beweist es: Mehr als jeder siebte Arbeitnehmer ist bereits auch sonntags tätig. Das hat freilich auch mit den Zuschlägen für diese Sonderarbeit zu tun. Sie bewegen sich um die fünfzig Prozent des normalen Lohns, Spitzensätze gehen bis zu 120 Prozent, zum Beispiel im Einzelhandel in Nordrhein-Westfalen. Wer an Feiertagen an Rhein und Ruhr Bier braut, kann sogar mit einer Aufstockung des Lohns um 200 Prozent rechnen und der größte Teil all dieser Zuschläge ist noch steuerfrei.

    Deutschland liegt damit in Europa im Durchschnitt. In Finnland, Dänemark, Österreich, Frankreich, in den Niederlanden und vor allem in der Slowakei gehen sonntags prozentual mehr Menschen zur Arbeit. Der Ausnahme-Bogen in Europa reicht weit. Manche Branchen können die Maschinen nicht so ohne weiteres stoppen. Die Herstellung von Mega-Chips etwa kann nicht unterbrochen werden, Hochöfen dürfen nicht erkalten, die Freizeit-Industrie hat gerade am Wochenende ihr Leistungshoch. In Frankreich und den lateinischen Ländern ganz allgemein kann man am Wochenende immer irgendwo einkaufen. Natürlich haben die Nachbarn auch ihre Gesetze, Dänemark zum Beispiel das „Lov om arbejdsmilo“ (Arbeitsmilieugesetz) vom 23.12.75, das eine Verlegung des wöchentlichen freien Tages erlaubt. Es dürfen jedoch nicht mehr als zwölf Arbeitstage zwischen zwei freien Tagen liegen. Oder die Niederlande, die im Bürgerlichen Gesetzbuch von 1907, im Arbeitsgesetzbuch von 1919 und im Sonntagsgesetz von 1953 ein grundsätzliches Arbeitsverbot an Wochenenden vorsehen – mit den nahezu obligatorischen Ausnahmen. In Italien können in Tarifverträgen die Ausnahmen vom Gesetz Nummer 370 vom 27.2.43 oder vom Zivilgesetzbuch genehmigt werden. Sie sind dort immer möglich, wenn es sich um eine Arbeit handelt, die im öffentlichen Interesse liegt – eine Spaghetti-Regelung, man kann das Problem so oder so aufrollen.

    Der Druck aus dem zusammenwachsenden Europa wächst, den „Dies Domini“ der Wirtschaft zu opfern. Das spüren auch die Kirchen, die sich bereits deutlich geäußert haben. Papst Johannes Paul II. hatte sogar eine eigene Enzyklika dazu verfasst unter dem Titel „Dies Domini“. Sie behandelt in 87 Punkten die Problematik. Es geht nämlich nicht nur um Maschinenlaufzeiten und Arbeitszeitflexibilisierung. Dahinter steht die Frage, ob der Mensch nur ein homo faber sein soll, ob sich hinter dem Zeitentrend ein neues menschliches Richtbild entwickelt, wie Ernst Jünger schon 1931 in einem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Der Arbeiter“ vermutet. Das wäre ein später Sieg des Marxismus, eine Verwirtschaftung von Mensch und Gesellschaft. Josef Pieper hat dazu einmal ausgeführt: „Wenn ich in das Gesicht des modernen Menschen blicke, sofern es durch dieses neue Ideal, durch die Überbewertung der Aktivität geprägt ist, dann sehe ich in diesem Gesicht einen ganz bestimmten Zug, der genau der Überbewertung der Aktivität entspricht. Das ist der Zug der Angespanntheit, der chronischen Angespanntheit, ja der Überangespanntheit. Dies ist ein unterscheidender Zug. Unsere Großeltern haben so nicht ausgesehen.“

    Nun sollen wir nicht alle so aussehen wie unsere Großeltern. Aber entspannter könnte es schon sein, schon damit der Gläubige am Sonntag in der Predigt nicht mehr das Nietzsche-Zitat vernehmen muss, wonach man ja gerne an die Erlösung glauben würde, „wenn die Christen auch erlöster aussähen“. Es geht um den Menschen und um mehr Menschlichkeit in der Gesellschaft. Dafür braucht man den Sonntag auch, wie die Weimarer Reichsverfassung schon sagte, als „Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erbauung“. Der Mensch braucht die Zäsur. Sonst fällt er, wie Norbert Blüm sagt, in einen „kulturlosen Zeitbrei“. Das ist eine Grundsatzfrage für Europa.

    Auch Papst Franziskus hat das Thema aufgegriffen. Die Zeit des Ausruhens am Sonntag „ist für uns bestimmt, damit wir genießen können, was weder produziert noch konsumiert wird, was man weder kauft noch verkauft“. Es gehe um die Beziehungen zu den Menschen und zu Gott, um das Leben selbst. Insofern zieht er auch eine Linie zwischen Sonntagsruhe und Eucharistie. „Die sonntägliche Eucharistie feiert die ganze Gnade Jesu Christi: Seine Gegenwart, seine Liebe, sein Opfer, dass er uns zu einer Gemeinschaft macht. Und so empfängt jede Wirklichkeit ihren vollen Sinn: die Arbeit, die Familie, die Freuden und Mühen aller Tage, auch das Leid und der Tod.“ Sich auf all das zu besinnen und immer wieder zurechtzurücken, dafür braucht es den Sonntag. Sonst werden wir, wie Papst Franziskus warnt, zu „Sklaven der Arbeit“. Und das sei „gegen Gott und gegen die Würde der menschlichen Person“.