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    Sommersonnenschwüre

    Von Martina Fietz

    Von Martina Fietz

    Wenn ein Mensch in aller Öffentlichkeit aus der Haut fährt, wirkt das nicht souverän. Das Explodieren vor Publikum zeigt: Da ist jemand dünnhäutig, da fühlt sich jemand missverstanden, sogar ungerecht behandelt. So sehr ein Ausbruch auf diese Weise in Teilen bloß- stellt, so sehr kann er auch das Umfeld des Betroffenen wachrütteln, so dass es begreift: Irgendwann reicht's. Das erzielt dann mitunter heilsame Wirkung.

    Im Fall von Kurt Beck und der SPD ist dieser Effekt zu beobachten. Dem obersten Sozialdemokraten ging in der vergangenen Woche der Hut hoch angesichts der monatelangen Attacken gegen seine Politik und seine Person. Ein Erschrecken ging daraufhin durch die Partei, die gerade dabei war, ihren siebten Vorsitzenden seit 1991 zu demontieren. Plötzlich schien allen klar zu werden, dass auch der gutmütigste Pfälzer irgendwann genug hat von Kritik und Stichelei, die meist hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde. Und spätestens da dürfte jedem in den Reihen der Genossen klar geworden sein, dass es eine personelle Alternative zu Kurt Beck für die SPD derzeit nicht gibt.

    Wer in Frank-Walter Steinmeier den Retter in höchster Not sieht, vergisst, dass der Außenminister kein Parteiarbeiter ist. Sicher lernt er beharrlich, sich auf dem Parkett der Ortsvereine und Parteitage zu bewegen und zu bewähren. Die auseinandergefallene SPD könnte aber auch er nicht einen. Die beiden Flügel der Agenda-Befürworter und Agenda-Kritiker würden an ihm zerren, so dass er alsbald ähnlich gerupft wirken würde wie Kurt Beck vor seinem Ausbruch in der vergangenen Woche.

    Denn dass er Dampf abgelassen hat, tat ihm gut. Beck wirkt seither weniger getrieben. Und er erscheint wieder kämpferisch. Das hat er der Führungsriege der SPD in den Gremiensitzungen zum Wochenbeginn überzeugend gezeigt. Er demonstrierte die Entschlossenheit auch in der Bundestagsfraktion. Dass im Anschluss in erster Linie über den Satz mit dem Stuhl, an dem er nicht klebe, diskutiert wurde, wird der wahren Bedeutung dieses Auftrittes nicht gerecht. Denn dieser markiert entweder die Wende zum Besseren oder den Anfang vom endgültigen Ende.

    Beck scheint begriffen zu haben, dass sein rheinland-pfälzischer Führungsstil, möglichst im Konsens zu arbeiten, nicht ohne weiteres auf die Bundesebene zu übertragen ist. Er scheint eingesehen zu haben, dass eine gewisse rhetorische Präzision und Schneidigkeit notwendig ist, um die eigenen Mannen zu disziplinieren. Deshalb werden seine beiden Reden, die eigentlich an die Partei nach innen gerichtet waren, auch wenn sie das nicht blieben, als die besten seit langem bezeichnet. Deshalb stimmen nun alle ein in den Chor, dass man sich in der Sommerpause nicht in weitere interne Debatten werde verstricken lassen. Ob das gelingt, muss man abwarten. Allerdings muss die Partei sich im Klaren darüber sein, dass ein Sommertheater im klassischen Sinne mit Attacken gegen die Führung den Vorsitzenden endgültig vom Sockel sprengen würde.

    Der bezog im Übrigen die Prügel, die schon seine Vor-Vorgänger provoziert hatten. Die Krise der SPD wurde nicht von Beck verursacht, sondern von Gerhard Schröder, der es versäumte, den unbestritten notwendigen Reformprozess seiner Regierung in der Partei zu verankern. Schröder trägt Schuld daran, dass Reformpolitik als Synonym für soziale Kälte steht und nicht für ein Hoffnung gebendes Zukunftsprojekt. Beck versuchte, diesen Missstand zu ändern. Er wollte eine Brücke bauen, wie er es formuliert. Dabei ist ihm ganz wesentlich Franz Müntefering in die Parade gefahren. Anstatt die Änderungen beim Arbeitslosengeld für Ältere zu dramatisieren, hätte man sie besser als Fortentwicklung des Agenda-Prozesses hin zu einer für breitere Teile der Bevölkerung akzeptablen Politik verkaufen müssen. Das hätte allerdings voraus gesetzt, dass es allen Beteiligten wirklich um die Einheit der SPD gegangen wäre und nicht um die Frage der Durchsetzungsfähigkeit eines Flügels.

    Natürlich hat auch Beck Fehler gemacht. Seine Strategie gegenüber der Linkspartei war nicht zu Ende gedacht. Durch sein Schwanken hat er seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel gesetzt. Möglicherweise wird ihn das am Ende die Kanzlerkandidatur gekostet haben, wenngleich längst nicht entschieden sein dürfte, dass er tatsächlich Steinmeier den Vortritt lässt. Wenn er es tut, dann aus dem einzigen Grund, dass die SPD sich im Wahlkampf nicht dauerhaft der Frage stellen kann, ob sie im Fall der Fälle nicht doch mit der Linken paktiert. Es ist jedoch eine Illusion zu glauben, allein aufgrund besserer Persönlichkeitswerte bei Umfragen könne Steinmeier der SPD ein günstigeres Ergebnis einfahren als Beck. Denn der Mann, der die Agenda 2010 formulierte, ist nicht geeignet, die zur Linkspartei Abgewanderten für die SPD zurückzuerobern. Er steht auch nicht gerade für eine enge Bindung an die Gewerkschaften. Beide Teile aber sind für ein respektables Resultat erforderlich. Die Reformanhänger allein reichen dafür nicht aus. Und dass Steinmeier 2009 antreten könnte und bei einem halbwegs passablen Resultat der unumstrittene starke Mann der SPD würde, sollte niemand glauben. Es rüsten sich bereits die Nachrücker namens Wowereit und Nahles. Für sie wäre es jetzt zu früh, an die Spitze zu drängen. Ende nächsten Jahres kann das schon anders aussehen. Steinmeier und Beck sind enger aneinandergekettet, als es vordergründig scheint. Darum liegt ein ruhiger Sommer nicht allein im Interesse des Parteivorsitzenden.