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    Solidarität mit Quote

    Selten, vielleicht nie in den zurückliegenden acht Jahren, gab es eine solche Diskrepanz zwischen dem, was Vertreter der bürgerlich-liberalen Regierungspartei „Bürgerplattform“ äußern und dem, was die der Regierung eigentlich nahestehende liberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ betont. Denn während Polens Premierministerin Ewa Kopacz in den vergangenen Tagen kaum einen öffentlichen Termin verstreichen ließ, um Polens prinzipielle Solidarität bei der europäischen Flüchtlingskrise zu betonen, gleichzeitig aber auch ihre Distanz zu einer von Brüssel verordneten Quoten-Regelung bei der Verteilung von Flüchtlingen artikulierte („Niemand muss uns Polen Solidarität lehren“), lobt die Zeitung vehement die deutsche Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das kann man aus den Zeitungsberichten schließen, spiegele das Deutschland eines „guten Geistes“ wider.

    Zwischen Wahlkampf und EU-Verteilungsquoten: Regierungschefin Ewa Kopacz. Foto: dpa

    Selten, vielleicht nie in den zurückliegenden acht Jahren, gab es eine solche Diskrepanz zwischen dem, was Vertreter der bürgerlich-liberalen Regierungspartei „Bürgerplattform“ äußern und dem, was die der Regierung eigentlich nahestehende liberale Zeitung „Gazeta Wyborcza“ betont. Denn während Polens Premierministerin Ewa Kopacz in den vergangenen Tagen kaum einen öffentlichen Termin verstreichen ließ, um Polens prinzipielle Solidarität bei der europäischen Flüchtlingskrise zu betonen, gleichzeitig aber auch ihre Distanz zu einer von Brüssel verordneten Quoten-Regelung bei der Verteilung von Flüchtlingen artikulierte („Niemand muss uns Polen Solidarität lehren“), lobt die Zeitung vehement die deutsche Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Die Politik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, das kann man aus den Zeitungsberichten schließen, spiegele das Deutschland eines „guten Geistes“ wider.

    Dass man sich ein ebenso solidarisches und gutes Polen wünscht, daran lässt die Zeitung keinen Zweifel – und liefert interessante Zahlen. Bei einer aktuellen Umfrage zur Aufnahmebereitschaft von Flüchtlingen gaben – laut „Gazeta Wyborcza“ – nämlich etwas mehr als die Hälfte der polnischen Befragten an, man solle aus moralischer Verantwortung Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika aufnehmen. Der frühere polnische Präsident und Friedensnobelpreisträger Lech Wa³êsa ging sogar soweit, die Aufnahme von Flüchtlingen im eigenen Haus anzukündigen. Eine beachtenswerte und beeindruckende Aussage, denn Wa³êsa, der als Anführer der Gewerkschaft „Solidarnoœæ“ (Solidarität) in den 1980er Jahren den Untergang des Kommunismus einleitete, dürfte damit – neben dem finnischen Premier Juha Sipila – der erste und bislang einzige (frühere) europäische Spitzenpolitiker sein, der seinen eigenen Wohnraum helfend zur Verfügung stellen will.

    Doch während sich die national-konservative Kandidatin Beata Szyd³o im Rahmen des Parlaments-Wahlkampfes derzeit kaum zur Flüchtlingskrise äußert und mehr die Nöte des fragilen polnischen Gesundheits- und Rentensystems ins Visier nimmt, ging Kopacz in einem Interview unmittelbar nach den polnischen Abendnachrichten im Rahmen der Sendung „Dziœ wieczorem“ (Heute abend) am Dienstag in die Offensive. Sie habe für diese Woche die Vertreter aller Parteien eingeladen, so Kopacz, um eine gemeinsame Haltung bezüglich der Flüchtlingszahlen abzusprechen. Das Ergebnis des Treffens wolle sie am kommenden Montag bei Gesprächen mit dem Präsidenten der Europäischen Kommission, Jean-Claude Juncker, präsentieren. Der eigentlich für Oktober geplante EU-Flüchtlingsgipfel soll nach Kopaczs Worten vorgezogen werden. Auf die Frage, ob sie sich durch Deutschland unter Druck gesetzt fühle, antwortete Kopacz, sie habe mit Kanzlerin Merkel telefoniert und „ich war stärker“. Dabei wirkte die polnische Regierungschefin alles andere als souverän. Ständig verwechselte sie Emigranten und Immigranten. Auch bei der Zahl der Flüchtlinge, die Polen im Ernstfall verkraften könne, gingen Kopaczs Perspektiven plötzlich weit über das hinaus, was sie bislang gesagt hat. Es sei jedoch eine Liste sicherer Drittstaaten erforderlich und die Sicherung der EU-Außengrenze. Offenbar bahnt sich bei der 58-Jährigen, die sich am vergangenen Wochenende noch beim „Visegrad-Gipfel“ in Prag für einen osteuropäischen Sonderweg einsetzte, ein neuer Realismus den Weg.

    Das würde passen. Denn auch bei der Kirche in Polen sind Signale der Solidarität nicht zu übersehen. Warnte ein Bischof Ende vergangener Woche noch vor einer Muslimisierung Europas durch nicht-christliche Flüchtlinge, so war es der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanis³aw G¹decki, der am vergangenen Wochenende fast zeitgleich mit dem aufsehenerregenden Appell des Heiligen Vaters sagte, dass jede Pfarrei des Landes sich auf Flüchtlinge vorbereiten solle. Worte, die der polnische Primas, Erzbischof Wojciech Polak, mit einer Twitter-Botschaft unterstrich. Um bald danach hinzuzufügen, die Hilfe müsse gut strukturiert sein und nicht unkoordiniert.

    Doch die Kirche Polens meldet sich nicht nur mit Worten zur Hilfe für die Flüchtlinge, sondern auch mit Taten. Bei „Caritas Polska“ stellt man sich darauf ein, schon bald nicht nur in den Krisenregionen des Nahen Ostens und Afrikas sowie den ukrainischen Flüchtlingen in Polen mit Unterkunft und Verpflegung zu helfen. Fünf Millionen Zloty (1, 2 Millionen Euro) haben polnische Katholiken, deren Einkommen deutlich unter denen der westeuropäischen Katholiken liegen, bereits für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika gespendet. Seit einigen Wochen stellt bereits die christliche Hilfsorganisation „Estera“ Flüchtlingen aus Syrien für polnische Verhältnisse guten Wohnraum und ein monatliches Taschengeld zur Verfügung.

    In Posen (Poznañ) schaffte es eine Pfarrei sogar, unmittelbar als Reaktion auf den engagierten Aufruf des Papstes unverzüglich 20 000 Zloty (5 000 Euro) einzusammeln, um damit Flüchtlingen, unabhängig von ihrer Religion, zu helfen.