• aktualisiert:

    Sie verstehen sich nicht

    Der brasilianische Präsident Bolsonaro und die Bischöfe finden zu keinem positiven Verhältnis zueinander – Rechtspopulisten und Befreiuungstheologen sprechen eine andere Sprache. Von Marcela Vélez-Plickert

    Brazilian President Jair Bolsonaro visits the Church of the Holy Sepulchre in Jerusalem's Old City
    Andächtig: Jair Bolsonaro in der Jerusalemer Grabeskirche. Einer seiner ersten Staatsbesuche führte den Präsidenten Ende... Foto: Reuters

    Der neue Präsident hat sie schon mal als „das verrottete Herz der Kirche“ bezeichnet. Aber die brasilianische Bischofskonferenz lässt sich nicht einschüchtern. Jüngst veröffentlichte die Nationale Konferenz der Bischöfe (CNBB) eine Deklaration voller Kritik an der neuen Regierung von Jair Bolsonaro, der seit Januar amtiert. Über die Lage des Landes heißt es dort: „Die ethische, kulturelle, wirtschaftliche und politische Krise hat sich verschlimmert in Brasilien.“ Kritisiert wurde etwa, dass die Regierung keine wirksamen Maßnahmen gegen die hohe Arbeitslosigkeit unternommen habe. Gegen Bolsonaros Pläne, in der Amazonas-Region Bergbau und Wasserkraftwerke voranzutreiben, sprachen sich die Bischöfe aus, ebenso gegen die Rentenreform. Und besonders hart waren die Worte gegen das Dekret, dass Bürger leichter Waffen tragen dürfen.

    Bolsonaro hat das als Maßnahme zur Selbstverteidigung im Wahlkampf angekündigt. Die CNBB schrieb dagegen: „Der echte Jünger Jesu wird in der Liebe, im Dialog und in der Versöhnung den effektiven Weg sehen, um auf Gewalt und mangelnde Sicherheit zu antworten, inspiriert vom Gebot ,Du sollst nicht töten‘, und nicht in Projekten, um das Tragen von Waffen zu erleichtern.“

    Mit der Erwähnung der „echten Jünger Jesu“ spielen die Bischöfe auch auf die religiöse Position Bolsonaros an, dessen Wahlkampf- und Regierungsslogan lautete „Brasilien über alles, Gott über allen“. Bolsonaro ist offiziell weiter Mitglied der katholischen Kirche, aber er hat sich vor einigen Jahren im Fluss Jordan von einem Pfarrer der Pfingstkirchen erneut taufen lassen. Die Pfingstler und andere Freikirchen sind in den vergangenen Jahrzehnten in Brasilien enorm gewachsen und Bolsonaros Ehefrau ist in einer dieser evangelikalen Großkirchen aktiv. Brasilien ist noch das größte katholische Land auf der Welt, doch mit sinkender Tendenz. Noch in den achtziger Jahren bezeichneten sich neun von zehn Brasilianern als Katholiken. Im Jahr 2010 gab es laut dem jüngsten Zensus noch rund 135 Millionen Mitglieder der katholischen Kirche, was knapp 65 Prozent der Bevölkerung waren. Während die katholische Kirche Anhänger verliert, haben die Evangelikalen starken Zulauf. Ihr Anteil hat sich innerhalb von drei Jahrzehnten vervierfacht auf 22 Prozent laut den letzten offiziellen Zahlen. In einer Umfrage von Datafohla 2017 erklärten sich sogar schon 30 Prozent als Anhänger der evangelikalen Kirchen. Nach einer Prognose des Nationalen Statistikinstituts werden die Evangelikalen in fünfzehn Jahren die Mehrheit im Land stellen. Sie haben Bolsonaro an die Macht gebracht, weil sie deutlich überdurchschnittlich für den rechten Kandidaten und gegen die linke Arbeiterpartei stimmten. In seinem Kabinett sind nun mehrere seiner wichtigsten Minister Mitglieder der Freikirchen. Im Parlament stellen die Evangelikalen inzwischen ein Viertel der Abgeordneten, bis zu 40 Prozent seien von ihnen beeinflusst, schätzt Kardinal Odilo Scherer. Während sich die evangelikalen Kirchen als Teil der Regierung sehen, hat sich die katholische Kirche als Institution nicht so klar positioniert. „In den vergangenen Jahren scheint es so, dass die Kirche weniger politisches Interesse gezeigt hat, anders als im 20. Jahrhundert“, findet Thomaz Favaro, Politikberater und Gründer der Firma Control Risks in Sao Paulo.

    Nach offiziellen eigenen Angaben will sich die Kirche in der Parteipolitik auf keine Seite schlagen. Allerdings ist sie innerlich gespalten. Seit den siebziger Jahren war in der brasilianischen Kirche die sogenannte Befreiungstheologie stark, die von Kritikern als sozialistisch bezeichnet wurde. Der Befreiungstheologe und Franziskanerpater Leonardo Boff übte großen Einfluss aus. Ende der achtziger Jahre lobte Boff nach einer seiner Reise in die Sowjetunion, dort gäbe es „bessere Voraussetzungen für ein wahrhaft christliches Leben“ als im kapitalistischen Westen. Nach der Niederlegung seines Priesteramts übernahm er einen Lehrstuhl an der staatlichen Universität von Rio de Janeiro.

    Bolsonaro hat rechte Werteagenda

    Bis heute stehen viele Priester und Bischöfe der linken Befreiungstheologie, anderen linken Bewegungen und der Arbeiterpartei PT nahe. Von 2003 bis 2016 regierte die PT das Land. Nach gigantischen Korruptionsskandalen versank ein Großteil der alten politischen Parteien in einem Sumpf, auch Ex-Präsident Inácio Lula da Silva durfte aufgrund einer Verurteilung nicht mehr kandidieren. Das war Bolsonaros Chance, der zuvor ein politischer Außenseiter war, Ende 2018 aber mit 55 Prozent die Präsidentenwahl gewann. Er tat dies explizit mit einer rechtskonservativen Werteagenda: gegen Abtreibung, für die traditionelle Familie und gegen die „Homo-Ehe“, gegen die „Gender-Ideologie“ an Schulen und Universitäten. Innerhalb der Kirche gibt es auch einige Bischöfe, die eher für eine konservative Agenda stehen.

    „Es ist diese Spaltung, die verhindert hat, dass die Kirche im Wahlkampf klar gesagt hat, ob sie für oder gegen Bolsonaro ist“, sagt Favaro. Am 6. Mai wählte die Konferenz der 301 Bischöfe als neuen Vorsitzenden den Erzbischof von Belo Horizonte, Walmor Oliveira de Azevedo, einen Vertreter der gemäßigten Mitte.

    Der 65-Jährige ist Nachfolger des als progressiv geltenden Erzbischofs von Brasilia, Kardinal Sergio da Rocha, der die Bischofskonferenz seit 2015 geleitet hatte. Oliveira de Azevedo ist als geschickter Vermittler bekannt. Einige Beobachter hatten als Favoriten für den Vorsitz auf den 80-jährigen Kardinal Odilo Scherer, den Erzbischof von Sao Paulo, getippt, der als konservativ gilt. In einem Interview erklärte Scherer jüngst, dass Bolsonaro sich mit einer ziemlich rechten Moral identifiziere. Die katholische Kirche vertrete zwar dieselbe Moral, doch „nicht so radikal“. Katholische Laien sollten sich in die Politik einbringen, aber Pfarrer und Bischöfe gehörten nicht in die Politik. Während die Befreiungstheologen politische Predigten hielten und in den Armenvierteln tätig waren, sind die Evangelikalen heute vornehmlich in der Mittelschicht sehr erfolgreich, aber auch bei den Armen, denen sie praktische Beratung für ein besseres Leben geben – etwa wie sie Arbeit finden, ihre Häuser reparieren oder einen Kredit bekommen können. Wirtschaftlicher Erfolg ist wichtig und wird gefeiert. Der Erfolg der Freikirchenführer, die teils riesige Kirchengebäude errichtet haben, gilt als Glaubwürdigkeitsbeweis, auch wenn es gegen Einige Korruptionsvorwürfe gab. Brasilien steuert indes wirtschaftlich wieder auf schwierigere Zeiten zu.

    Nach einer langen Rezession ging es zuletzt etwas besser, doch nun wurden die Wachstumsprognosen für das erste Jahr von Bolsonaros Amtszeit halbiert von 2,5 auf 1,2 Prozent. Zuvor hatte die Börse aber stark zugelegt.

    Einige Kritikpunkte der Bischofskonferenz werden von Ökonomen anders gesehen. Die Rentenreform gilt als notwendig, um das System finanzierbar zu erhalten. Dafür soll das Renteneintrittsalter von derzeit 50 Jahren auf 62 Jahre für Frauen und 65 Jahre für Männer angehoben werden. Besonders viel Gegenwind hat die Regierung Bolsonaro auch mit ihrer Bildungspolitik provoziert. Nachdem sie den staatlichen Universitäten und geisteswissenschaftlichen Fakultäten die Mittel kürzte, die sie als zu links und „nicht nützlich“ für das Land bezeichnet, gingen zehntausende Studenten auf die Straße.

    Bildungsminister Abraham Weintraub hatte den Studenten vorgeworfen, sie würden vor allem Partys machen oder „absurde Seminare“ veranstalten. Die Unis seien insgesamt marxistisch durchsetzt. Die Wucht der Proteste war dann doch erstaunlich. „Das kann eine Wiederbelebung der Opposition bedeuten“, sagt Politikanalyst Favaro.

    Viele Augen richten sich auch auf die für Oktober geplante Amazonas-Synode der Kirche, die zu einer neuen Konfrontation mit der Regierung führen könnte.

    Einer der wichtigsten Organisatoren der Synode ist der 84-jährige Kurienkardinal Claudio Hummes, ein Freund von Papst Franziskus. Die Synode könnte so auch zu einem Tribunal gegen die Regierung des rechtskonservativen Präsidenten werden, die wenig Rücksicht auf die Umweltprobleme der Amazonasregion nimmt.

    Weitere Artikel