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    „Sie haben mir die Kindheit gestohlen“

    An Österreichs Schulen gerät vorherrschende „Sexualpädagogik der Vielfalt“ ins Zwielicht. Von Stephan Baier

    Der Psychiater Christian Spaemann warnte in Wien vor der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ und ihrem Wirken an Schulen. Foto: Stephan Schönlaub

    Seit Monaten steht der Verein Teenstar, der Sexualpädagogik auf der Grundlage des christlichen Menschenbilds vermittelt, in Österreich im Trommelfeuer medialer Berichterstattung und politischer Kritik. In der Vorwoche empfahl ÖVP-Bildungsminister Heinz Faßmann den Schulen via Medien, nicht mehr mit dem Verein zusammenzuarbeiten. Nun geht Teenstar in die Gegenoffensive: Bei einer Pressekonferenz in Wien enthüllten Sprecher und Sympathisanten des Vereins, der im Vorjahr 1 600 Schülerinnen und Schüler des Landes erreichte, was andere Gruppen an Österreichs Schulen den Kindern so vermitteln.

    „Sie haben genau erfahren, was Oralverkehr ist und wie ein Porno gedreht wird“, berichtete die Wiener Unternehmensberaterin Suha Dejmek über einen Workshop, an dem ihr zehnjähriger Sohn teilnehmen musste. Den Eltern war ein Präventions-Workshop gegen sexuelle Gewalt angekündigt worden, tatsächlich jedoch ging es um Masturbationspraktiken und Kondome. „Es war ekelig“, berichtete der Zehnjährige seiner Mutter. Und wörtlich: „Mama, die haben mir meine Kindheit gestohlen.“

    Die intimen Grenzen der Kinder überschritten

    Ähnlich reagierte der Sohn von Natalia Galbraith, der sich nachher stundenlang still in seinem Zimmer verkroch. „Es ekelt mich einfach nur“, bilanzierte er später im Gespräch mit der Mutter. In diesem Fall wurden die Eltern nicht einmal vorab informiert. „Eltern und Kinder sollten nicht überrumpelt werden“, fordert die Mutter, die dafür wirbt, dass Eltern ihre Kinder mit dem Thema nicht alleine lassen. Besonders traurig sei, dass den Kindern bei solcher Art Sexualpädagogik die Schönheit der Liebe nicht vermittelt werde. Bei Teenstar dagegen würden die Eltern vorab eingeladen und detailliert über die Programme und Inhalte informiert. Deutlich wurde der Psychiater und Psychotherapeut Christian Spaemann: Die Angriffe auf Teenstar seien ein „groß angelegtes Ablenkungsmanöver“. Die allermeisten der rund einhundert an österreichischen Schulen tätigen sexualpädagogischen Vereine zählten zu jener Allianz, die sich der „Sexualpädagogik der Vielfalt“ verpflichtet wisse. „In dieser Pädagogik werden Wissensvermittlung und sexuelle Selbsterfahrung gezielt miteinander vermischt und damit die intimen Grenzen der Kinder und Jugendlichen massiv überschritten.“

    Der Psychiater und psychotherapeutisch tätige Arzt wusste dafür Beispiele zu nennen: Zehnjährige würden angehalten, über ihre sexuellen Vorlieben zu diskutieren und vor den Klassenkameradinnen und dem Kursleiter über Erfahrungen mit Masturbation zu sprechen. In Kindergärten würden Räume für Doktorspiele eingerichtet. Federführend sei der Wiener Verein „Selbstlaut“, der „mit seinen Schulungen bereits in den Raum der katholischen Kirche eingedrungen ist“, kritisierte Spaemann.

    Als Psychiater könne er von „vielen tragischen Fällen sexueller Übergriffe zwischen Kindern berichten, die zu einer massiven Beeinträchtigung der weiteren sexuellen Entwicklung geführt haben“. Die Förderung von Doktorspielen in Kindergärten öffne dafür Tür und Tor. Spaemann sieht im Agieren vieler Sexualpädagogen einen Verstoß gegen das gesetzliche „Indoktrinations- und Überwältigungsverbot an Schulen“ sowie gegen die verbürgten Rechte von Eltern auf die weltanschauliche Erziehung ihrer Kinder. Er forderte bei der Pressekonferenz in Wien: „Es wird Zeit, dass die Öffentlichkeit und die vernünftigen Bürger aller politischen Couleur zum Schutz der Kinder und Jugendlichen ihr Augenmerk auf die Tätigkeit dieser Vereine richten.“

    Teenstar nimmt Spaemann von seiner Kritik ausdrücklich aus: Hier werde „eine moderne, auf biologischem, entwicklungspsychologischem und bindungstheoretischem Wissen basierende, geschlechtssensible Sexualpädagogik“ geboten. Doch nur die Unterlagen von Teenstar sind bislang öffentlich sowie durch das Bildungsministerium problematisiert worden. „Geradezu grotesk“ und „völlig verzerrt“ findet das Christian Spaemann.

    Die Vorsitzende von Teenstar Österreich, Helga Sebernik, findet die Warnung des Bildungsministers vor Teenstar „nicht nachvollziehbar“. Zumal das Bildungsministerium im Vorjahr alle im Unterricht verwendeten Kursbücher und Workshop-Mappen des Vereins erhalten und geprüft habe. Nach wochenlanger Sichtung und mehreren Gesprächen der Teenstar-Verantwortlichen im Ministerium wurde dem Verein von den Beamten Unbedenklichkeit bescheinigt. Der Fortführung der sexualpädagogischen Arbeit von Teenstar an Schulen stehe nichts im Wege, hieß es seitens leitender Beamter.

    Teenstar kann man weiterhin buchen

    Helga Sebernik kann dem Kurswechsel von Bildungsminister Faßmann trotzdem etwas Positives abgewinnen: „Das Ministerium ist endlich alarmiert und schaut genauer hin, was hier im Bereich der Sexualpädagogik unseren Kindern und Jugendlichen angeboten wird.“ Auch an die Eltern von Schulkindern appelliert die Teenstar-Vorsitzende: „Schauen Sie genauer hin, womit ihre Kinder konfrontiert werden!“

    Eine zeitnahe Prüfung aller sexualpädagogischen Angebote durch das Bildungsministerium findet Sebernik „unabdingbar“. Wie es weitergeht, müssten letztlich die Eltern und die Schulen entscheiden. Teenstar existiere jedenfalls weiter. Und: „Man kann uns weiterhin buchen.“

    An dem Akkreditierungsverfahren, das der Bildungsminister für das Schuljahr 2020/21 ankündigte, will sich der Verein trotz der erfolgten Rufschädigung jedenfalls beteiligen.

    Bearbeitet von Stephan Baier

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