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    Selbst ernannte Retter

    Kurz hinter dem Kreisel an der Ortseinfahrt nach Wernigerode geht es los. Plakate mit der Aufschrift „Maria statt Scharia“ sind dort auf einer Länge von knapp 50 Metern aufgehängt. Eine blonde Frau mit dem Antlitz einer Madonna ist darauf zu sehen, neben einer finster dreinblickenden Muslima, zu erkennen an dem schwarzen Schleier, der ihr Gesicht bis unter die Augenhöhlen bedeckt. Es sind Wahlplakate der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) zur kommenden Bundestagswahl am 22. September. Sie hängen so hoch, dass sie ohne Klappleiter nur schwerlich abgerissen werden können. Die, die sie aufgehängt haben, haben sehr vorausschauend gehandelt. Denn andernorts werden NPD-Plakate oft ohne langes Federlesen von eifrigen Privatpersonen entfernt, obwohl es illegal ist. Doch daran stören sich nur wenige, selbst die Polizei ermittelt in solchen Fällen eher zurückhaltend. Vielmehr ist es die neuerliche NPD-Strategie, mit vermeintlich christlichen Botschaften um Wähler zu werben, die vielen seit kurzem Kopfweh bereitet.

    Plumper Ausländer- und Islamhass: Die rechtsradikale NPD instrumentalisiert für ihren Wahlkampf auch christliche Motive. Foto: dpa

    Kurz hinter dem Kreisel an der Ortseinfahrt nach Wernigerode geht es los. Plakate mit der Aufschrift „Maria statt Scharia“ sind dort auf einer Länge von knapp 50 Metern aufgehängt. Eine blonde Frau mit dem Antlitz einer Madonna ist darauf zu sehen, neben einer finster dreinblickenden Muslima, zu erkennen an dem schwarzen Schleier, der ihr Gesicht bis unter die Augenhöhlen bedeckt. Es sind Wahlplakate der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) zur kommenden Bundestagswahl am 22. September. Sie hängen so hoch, dass sie ohne Klappleiter nur schwerlich abgerissen werden können. Die, die sie aufgehängt haben, haben sehr vorausschauend gehandelt. Denn andernorts werden NPD-Plakate oft ohne langes Federlesen von eifrigen Privatpersonen entfernt, obwohl es illegal ist. Doch daran stören sich nur wenige, selbst die Polizei ermittelt in solchen Fällen eher zurückhaltend. Vielmehr ist es die neuerliche NPD-Strategie, mit vermeintlich christlichen Botschaften um Wähler zu werben, die vielen seit kurzem Kopfweh bereitet.

    „Es ist bedenklich, dass sich ausgerechnet die NPD auf christlich-abendländische Traditionen beruft, um ihr fremdenfeindliches Denken salonfähig zu machen“, sagt der Diplom-Theologe Roberto Gallegos. Der 44-jährige gebürtige Ecuadorianer arbeitet als Pädagoge an einer deutsch-spanischen Grundschule in Bonn und hat früher an der Hochschule der Steyler Missionare in Sankt Augustin ausländische Studenten betreut. Im Rheinland wie andernorts spielen der NPD die wachsenden Flüchtlingszahlen in die Hände. Überall, selbst in den Szenenvierteln von Köln, Düsseldorf und Koblenz hängen neuerdings die rot-weiß-schwarzen Plakate mit ihren fremdenfeindlichen Parolen herum, hat Gallegos mit Sorge beobachtet, sagt er.

    Doch eigentlich passen die rechtsradikalen Plakate dort gar nicht hin. Weder in die Szeneviertel der Universitätsstädte im Rheinland noch ins ferne Wernigerode. Denn beim Blick auf die klassische Wählerklientel der NPD denkt man wohl zuvörderst an Rentner mit anachronistischem Weltbild, Arbeitslose und Bildungsverlierer. Warum also, wird sich so mancher politisch Interessierte fragen, geht die rechtsextreme Partei ausgerechnet in so einem Städtchen wie Wernigerode so emsig auf Wählerfang? Wernigerode liegt am Fuße des Brockens, in Sachsen-Anhalt. Im 19. Jahrhundert war die Stadt ein Zentrum der Schwerindustrie, seit der Wende hat sie sich zu einer beliebten Urlaubs- und Freizeitregion für gehobene Ansprüche hochgearbeitet. Das Areal erinnert in Teilen an einen Schweizer Kurort. Ein Sprecher der Stadtverwaltung gibt sich in Sachen NPD-Plakatierung bedeckt. „Solange die Partei legal ist, können wir gar nichts machen“, sagt er.

    Es klingt paradox. Denn trotz Investitionen in mittlerweile Billionenhöhe hinken die neuen Bundesländer wirtschaftlich noch immer den alten hinterher, gibt es in vielen Regionen mehr Ab- als Zuwanderung, was durch den demographischen Wandel noch verstärkt wird. Die, die gehen, sind meist gebildet und weltoffen. Es bleiben Ältere und oft Unqualifizierte. „In solchen Kreisen hat es die NPD leicht, auf Stimmenfang zu gehen“, sagt die Potsdamer Historikerin Jenny Krämer, die den Wandel der politischen Milieus in den neuen Bundesländern seit Mitte der neunziger Jahre beobachtet. Auch gemäßigte Bürger seien mitunter NPD-anfällig, sagt Krämer. Die sanierte Infrastruktur in weiten Teilen Ostdeutschlands dürfe nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich vor allem Un- und Fehlqualifizierte noch immer schwer tun, dort Arbeit zu finden. Diese Menschen empfänden alles Fremde als Bedrohung. Auch wenn sich im Osten der Anteil der Migranten, mit Ausnahme Berlins, auf magere zwei bis drei Prozent an der Gesamtbevölkerung bescheidet. Trotzdem schafft es die NPD regelmäßig, mit ausländerfeindlichen Parolen, wie dem neuerlichen „Gute Heimreise“, lokale Stimmungserfolge zu erzielen und vor allem das Interesse der Medien zu wecken. Nachdem sich vor wenigen Tagen eine Handvoll NPD-Sympathisanten vor einem Flüchtlingsheim in Berlin-Hellersdorf postiert hatte, dauerte es kaum zwei Stunden, bis alle bekannten Berliner Internetplattformen, ebenso Print und Radio über das unchristliche Gebaren im Ostteil der einst geteilten Stadt berichteten – und der Partei damit, ganz nebenbei, kostenträchtige PR-Kampagnen ersparten.