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    Seehofer: Merkel ist ein Glücksfall

    Vier Stunden Schlaf müssen Angela Merkel reichen. Das sei auch schon das Maximum, heißt es aus dem Umfeld der Kanzlerin. Jetzt in der Schlussphase des Wahlkampfs geht es um die entscheidende Mobilisierung. Und allen ist klar: Es wird knapp. Der Sonntag, an dem die Bayern wählen, wird ein erstes Signal sein. Doch auch dann heißt es für Angela Merkel weitermachen, um Stimmen werben. „Moderne Wahlkämpfe sind Marathonläufe, die erst auf der Zielgerade entschieden werden“, sagen Politologen und Wahlkampfmanager.

    Kein Wort zur Maut. Angela Merkel hofft auf ein starkes CSU-Ergebnis. Foto: dpa

    Vier Stunden Schlaf müssen Angela Merkel reichen. Das sei auch schon das Maximum, heißt es aus dem Umfeld der Kanzlerin. Jetzt in der Schlussphase des Wahlkampfs geht es um die entscheidende Mobilisierung. Und allen ist klar: Es wird knapp. Der Sonntag, an dem die Bayern wählen, wird ein erstes Signal sein. Doch auch dann heißt es für Angela Merkel weitermachen, um Stimmen werben. „Moderne Wahlkämpfe sind Marathonläufe, die erst auf der Zielgerade entschieden werden“, sagen Politologen und Wahlkampfmanager.

    Deshalb tourt Angela Merkel durch die Lande. Wer sie aus der Nähe sieht, dem entgehen die Spuren nicht, die dieser Wahlkampf hinterlassen hat. Müdigkeit umspielt ihre Augen. Die Jagd von Termin zu Termin fordert ihren Tribut. In dieser Woche war sie in Bayern unterwegs, gemeinsam mit Horst Seehofer. Wahlkampfhilfe für die CSU, damit die Christsozialen ein starkes Ergebnis vorlegen. Merkel ihrerseits braucht eine starke CSU als Basis für ihren eigenen Wahlerfolg im Bund. Doch gute Stimmungen und Umfragen sind noch kein Wahlerfolg. Das weiß auch die CSU-Spitze, die am Donnerstag zur Schlusskundgebung in die kleine Olympiahalle in München lud. Rund 1 500 Besucher feierten dort Horst Seehofer mit stehenden Ovationen. „Bayern steht so gut da wie nie zuvor in seiner Geschichte“, sagt Seehofer, um dann noch eins draufzusetzen: „Wir leben an der Pforte zum Paradies. Wir sind anders als die anderen Länder. Wir sind Bayern.“ Jenseits des Mains mag man das für Größenwahn halten, in Bayern gehört das zur Wahlkampf-Abteilung „Mir san mir“.

    Seehofer, der Instinktpolitiker, ist ganz in seinem Element, wenn er Bayern und die CSU zum weiß-blauen Gemeinschaftserlebnis verschmelzen lässt. „Bayern ist wirtschaftlich stark. Wir haben solide Finanzen. Wir in Bayern leben nicht zu Lasten der nächsten Generation. Wir wollen unseren Kindern keine Schulden, sondern Zukunftschancen hinterlassen“, ruft der CSU-Chef. Dass Bayern so gut dastehe, sei dem Fleiß der Menschen geschuldet, aber auch einer klugen Politik. „Wir haben Bayern über 60 Jahre regiert und Bayern zu dem gemacht, was es heute ist. Es ist eben nicht egal, wer regiert“, so Seehofer unter großem Beifall. Und weiter: „Es gibt keine Partei, die Bayern so verbunden ist und Bayern so kraftvoll in Berlin und Brüssel vertritt wie die CSU.“ Seehofer bekräftigt in seiner Rede seine Pläne für eine PKW-Maut für Ausländer und für die Einführung der Mütterrente. Ebenso betont er sein Ziel, Bayern bis zum Jahr 2030 schuldenfrei zu machen. „Mir geht es um die Zukunftschancen für alle Menschen in Bayern, um die Förderung der Familien, um Wohlstand, Freiheit und Sicherheit“, sagte der bayerische Ministerpräsident. „In den letzten Jahren sind 1,5 Millionen Menschen nach Bayern gezogen, um diese Lebensqualität zu gewinnen. Diese müssen wir erhalten und am besten noch ausbauen.“ Und er fügte hinzu: „Am Sonntag geht es darum, dass Bayern Bayern bleibt!“

    Vor ihm sprach bereits CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt von einer Richtungswahl. „Bayern steht vor der Entscheidung: Freiheit und Wohlstand mit der CSU oder staatliche Bevormundung mit den linken Parteien.“ SPD und Grüne würden die Deutschen zur Kasse bitten. Angesichts der von Rot-Grün geplanten massiven Steuererhöhungen gelte: „Wahltag ist Zahltag“. „Bei Rot-Grün heißt es, die Mitte zahlt. Bei der CSU heißt es, die Mitte zählt“, betonte Dobrindt.

    Am Abend vor der Münchner Schlusskundgebung hatte Seehofer gemeinsam mit der Bundeskanzlerin einen Wahlkampfauftritt in Würzburg. Bei strömendem Regen demonstrierten beide Geschlossenheit der Union. Weil es schüttet wie aus Kübeln, verzichtet Seehofer vor rund 4 500 Interessierten ganz auf eine Rede und belässt es bei einer kurzen Begrüßung der Kanzlerin. „Du bist ein Glücksfall für Deutschland“, ruft er Merkel zu. Und schiebt hinterher: „Deutschland geht’s gut und Bayern geht’s noch ein Stück besser.“

    Merkel ihrerseits würdigt die Erfolgsbilanz Bayerns und die eigene im Bund. Rot-Grün wirft sie vor, mit ihrer Politik der Wirtschaftskraft des Landes zu schaden, weil deren Pläne den Mittelstand belasten würden. Ihren Herausforderer erwähnt sie mit keinem Wort. Diese Ehre wird einzig Gerhard Schröder zu teil. Unter ihm hätte Deutschland die rote Laterne in Europa gehabt, erinnert Merkel. Jetzt stehe man besser da als die anderen Länder in Europa: „Heute sind wir der Wirtschaftsmotor.“ Deutschland profitiere vom Euro, betont die Kanzlerin und sagt den Krisenländern Unterstützung zu. Schließlich sei auch Deutschland früher geholfen worden. Unterstützung erfolge allerdings „nach dem Prinzip Leistung und Gegenleistung“, stellt Merkel klar und fordert Reformen in Ländern wie Griechenland und Spanien. Bayern, so Merkel, könne heute Schulden zurückzahlen. „Das ist der Kurs für die Zukunft Europas“.

    Mit keinem Wort geht die CDU-Chefin auf Seehofers Maut-Pläne ein. Sie belässt es bei einer Andeutung. Sie könne nicht verstehen, warum heute jede abweichende Meinung sofort zum Streit erklärt werde. „Wir brauchen doch den Wettstreit um die besten Ideen.“

    Der Regen drückt auf die Stimmung im Publikum. Trocken ist längst keiner mehr. Zweimal kommt dennoch Begeisterung auf. Als Merkel das Betreuungsgeld verteidigt, erntet sie Applaus. „Wir wollen keiner Familien vorschreiben, wie sie zu leben hat.“ Auch der Veggie-Day der Grünen erweist sich einmal mehr als Wahlkampfhit für die Union. Sie stamme ja aus einem evangelischen Pfarrhaus, sagt die Kanzlerin. Da habe man damals schon einmal in der Woche auf Fleisch verzichtet. Sie finde es auch gut, wenn auf den Speisekarten in Gasthäusern ein vegetarisches Gericht stehe. Den Menschen so etwas vorzuschreiben, das sei aber politische Bevormundung. So etwas sei mit ihr nicht zu machen. Dafür gibt es klatschnassen, tosenden Applaus.

    Je komplizierter die Welt, je komplexer die Themen (Eurokrise), desto besser verdaulich scheint Politikern und Wahlvolk die leichte Wahlkampfkost. Auch Angela Merkel macht es am Ende ihrer halbstündigen Rede noch einmal einfach: Heute gehe es den Menschen in Deutschland – trotz Euro-Krise – besser als vor vier Jahren. Wer möchte, dass man das auch 2017 sagen könne, der müsse sie wählen.

    Beifall, Winken, Lächeln. Schnell ab ins Trockene. Merkel und ihr Wahlkampftrupp ziehen weiter. Neue Termine, nächste Kundgebung. Nur nicht am 22. September im Regen stehen.