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    Schwache Befreier

    Dass mit dem „Islamischen Staat“ (IS) im Irak noch immer zu rechnen ist, zeigt die jüngste Offensive der islamischen Terrormiliz. Seit Mittwoch haben die Verbände des im vergangenen Jahres ausgerufenen Kalifats drei Orte nahe der Stadt Ramadi erobert. Obwohl Presseberichten zufolge nach amerikanischen Luftangriffen ein vollständiger Fall der Hauptstadt der Provinz Anbar vorerst wohl abgewendet sein dürfte, sind Kämpfer des IS noch immer nahe des Sitzes der Provinzregierung in Stellung. Zahlreiche Menschen seien bereits aus der sunnitischen Stadt geflüchtet. Auch in der Nähe der strategisch bedeutsamen Erdölraffinerie Bajii rückten IS-Kämpfer in dieser Woche vor. Auch hier versuchten US-Kampfflugzeuge, die Angreifer zu stoppen.

    US-Präsident Barack Obama (r.) sprach mit Iraks Premierminister Haider al Ababi auch über die Allianz gegen den IS. Foto: dpa

    Dass mit dem „Islamischen Staat“ (IS) im Irak noch immer zu rechnen ist, zeigt die jüngste Offensive der islamischen Terrormiliz. Seit Mittwoch haben die Verbände des im vergangenen Jahres ausgerufenen Kalifats drei Orte nahe der Stadt Ramadi erobert. Obwohl Presseberichten zufolge nach amerikanischen Luftangriffen ein vollständiger Fall der Hauptstadt der Provinz Anbar vorerst wohl abgewendet sein dürfte, sind Kämpfer des IS noch immer nahe des Sitzes der Provinzregierung in Stellung. Zahlreiche Menschen seien bereits aus der sunnitischen Stadt geflüchtet. Auch in der Nähe der strategisch bedeutsamen Erdölraffinerie Bajii rückten IS-Kämpfer in dieser Woche vor. Auch hier versuchten US-Kampfflugzeuge, die Angreifer zu stoppen.

    Damit erhielt der Optimismus, der nach der erfolgreichen Rückeroberung Tikrits auf Seiten der irakischen Regierung und Armee geherrscht hatte, einen entscheidenden Dämpfer. Noch am Mittwoch hatte sich Iraks Premierminister Haider Al Abadi zuversichtlich gezeigt, dass seine Truppen es mit dem IS im Gebiet um Bajii und in der Anbar-Provinz gleichzeitig würden aufnehmen können. Dieses Selbstvertrauen konnte sich auch auf Zahlen stützen, die das amerikanische Verteidigungsministerium zu Wochenbeginn veröffentlicht hatte. Danach sei es den vereinten Bemühungen der US-Koalition sowie irakischer und kurdischer Kräfte gelungen, dem IS vor allem im Norden und im Zentrum weite Gebiete zu entreißen. 25 bis 30 Prozent des Territoriums, das der IS im vergangenen Jahr besetzt hatte, seien zurückerobert worden. Das Pentagon wollte damit Zuversicht verbreiten, sprach aber auch von einem langen Kampf, der noch bevorstehe. Entscheidend für die territorialen Erfolge waren vor allem die von US-Präsident Obama befohlenen Luftschläge seit August 2014. Damit wurde es für den IS zunehmend schwerer, große Truppenverbände für offensive Operationen zu versammeln, ohne diese ungeschützt Angriffen aus der Luft auszusetzen. Mag ein vollständiger Sieg über den oft in kleinen Verbänden auf einem nach wie vor großen Gebiet agierenden IS auch mit Luftschlägen allein nicht zu erreichen sein, so hat die Terrormiliz im Irak – anders als in Syrien – ihren territorialen Zenit zweifellos hinter sich.

    Daran wird auch die neue IS-Offensive nichts wesentlich ändern können. Aber sie macht doch die Schwächen der Anti-IS-Kämpfer deutlich. Das hatte sich schon im Kampf um Tikrit gezeigt. Dort waren große Anstrengungen nötig, um den Dschihadisten die strategisch wichtige Stadt zu entreißen. Ohne zahlreiche schiitische Milizionäre wäre die von Korruption und Desorganisation geplagte irakische Armee wohl nicht in der Lage gewesen, die Stadt zu nehmen. Amerikanischen Angaben zufolge waren etwa 80 Prozent der in Tikrit eingesetzten Kräfte schiitische Milizionäre. Eine entscheidende Rolle spielten auch iranische Militärberater, die die Offensive unterstützten. Doch auch nach wochenlangen Kämpfen gelang erst mit Hilfe amerikanischer Luftschläge der Durchbruch. Zuvor hatten die Amerikaner den Abzug der iranischen Berater zur Bedingung für ihre Unterstützung gemacht. Sie wollten nicht Seit' an Seit' mit dem Iran kämpfen. Bis heute sind die von Obama entsandten Militärberater fassungslos, in welchem Zustand sich die über Jahre vom US-Militär trainierte und ausgestattete Armee befindet, die unter Saddam Hussein eine der größten der Welt war.

    Damit wurde schon an der Schlacht von Tikrit deutlich, welchen Problemen sich die Anti-IS-Offensive im Irak gegenübersieht. Der IS wiederum nutzt jetzt mit seiner Offensive in Anbar genau diese Schwächen. Aufgrund der sunnitischen Prägung der Anbar-Provinz ist es ausgeschlossen, sich bei der Rückeroberung auf schiitische Verbände zu stützen. Dies würde von der Bevölkerung als feindliche Übernahme betrachtet – nicht zuletzt angesichts von Plünderungen und Lynchjustiz seitens schiitischer Kämpfer in zurückeroberten sunnitischen Gebieten. Doch noch sind die gegen den IS eingestellten Stämme nicht hinreichend mit Waffen ausgestattet, um in einer Offensive eingesetzt werden zu können. Die Dschihadisten wissen, dass es derzeit eine Diskussion zwischen der Bagdader Zentralregierung und Washington gibt, was die Bewaffnung lokaler Stämme angeht. Während die Amerikaner Druck machen, gibt sich Bagdad zurückhaltend. Die schiitisch dominierte Regierung fürchtet, dass an die Stämme gelieferte Waffen gegebenenfalls auch gegen sie selbst gerichtet werden könnten. Sie zweifeln an ihrer Loyalität. Die Amerikaner wiederum wollen nicht als Luftwaffe der Schiiten erscheinen und setzen auf lokale Sunniten.

    Die sunnitische Provinz Anbar war bereits vor dem Fall Mossuls im Juni weitgehend in der Hand des IS. Die Unzufriedenheit, ja der Hass der lokalen Bevölkerung gegen die Bagdader Regierung des früheren Premiers Al Maliki spielte ihnen dabei in die Hände. Schon nach dem Sturz Saddam Husseins 2003 wurde das Gebiet zur Kampfzone dschihadistischer Milizen, die hier den Aufstand gegen die amerikanische Besatzung wagten. In der Stadt Falludscha erlebten die Amerikaner ihre verlustreichsten Häuserkämpfe seit dem Vietnamkrieg. Nur der von US-Befehlshaber David Petraeus verfolgten Doppel-Strategie, die US-Truppen aufzustocken und lokale sunnitische Stämme zu bewaffnen, war es zu verdanken, dass die Provinz ab 2007 wieder befriedet werden konnte. Aber die entgegen gemachter Versprechen erfolgte Weigerung der Regierung Al Maliki, die Stammeskämpfer in die irakischen Streitkräfte zu integrieren, verschärfte danach die Lage wieder. Der IS konnte sich die Enttäuschung darüber dann im Frühjahr 2014 zu Nutze machen und weite Teile der Provinz erobern, die er bis heute hält.